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"Wege nach Europa"

Kaum jemand weiß, dass ein bayerischer CSU-Politiker den Europäischen Rechnungshof gegründet hat. Das ist seit Laura Ulrichs Abschlussarbeit anders. Der Europäische Rechnungshof war so angetan von ihrer Arbeit, dass er diese übersetzen ließ und als Buch herausbrachte.

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Theoretisch ist Laura jetzt eine gute Rechnungsprüferin. „Praktisch bestimmt nicht“, lacht die 27-jährige Studentin. Für ihre Magisterarbeit am Institut für Bayerische Geschichte musste sich Laura erstmal in viele für sie neue Themen einlesen: Rechnungsprüfung, Haushaltskontrolle, europäische Integrationsgeschichte. „Am Anfang fand ich das Thema ehrlich gesagt nicht spannend, aber der Reiz an geschichtlichen Themen ist unter anderem, dass man sich viel Wissen drum herum aneignet.“

Buchvorstellung in Luxemburg
Gerade kommt Laura aus Luxemburg zurück, wo sie am Europäischen Rechnungshof ihre als Buch veröffentlichte Abschlussarbeit „Wege nach Europa. Heinrich Aigner und die Anfänge des Europäischen Rechnungshofes“ vorgestellt hat. Das Buch wurde bereits vom Rechnungshof ins Englische übersetzt und herausgegeben. Bis dahin war es für die Geschichts-Studentin jedoch ein weiter Weg. Als Laura vom Auslandssemester in Cambridge zurückkam, suchte sie zusammen mit Professor Ferdinand Kramer nach einem Thema für ihre Abschlussarbeit. Kramer wurde auf den Nachlass von Heinrich Aigner aufmerksam, der angeblich den Europäischen Rechnungshof gegründet hat. Angeblich? Schon war eine Fragestellung gefunden: Inwieweit kann man von einer Person als Gründer einer Institution sprechen?

„Aigner war ein sehr konservativer Politiker. Deshalb fiel es mir leicht, in meiner Untersuchung Distanz zur Person zu wahren. Ich halte ihn persönlich dennoch für eine interessante Person. Aigner hatte sehr starke Überzeugungen, für die er kämpferisch eingetreten ist, auch wenn er sich dabei beim Parteivorstand unbeliebt machte oder es seiner Karriere im Weg stand“, erklärt Laura. Im Fokus ihrer Arbeit steht die Frage, warum sich der aus Amberg stammende CSU-Politiker in jungen Jahren auf das neue Politikfeld Europa eingelassen hat, wie er im Europäischen Parlament agiert hat und wie er zu einem wesentlichen Impulsgeber für den Ausbau der Finanzkontrolle durch das Europäische Parlament und schließlich zu einem der Gründer des Europäischen Rechnungshofes wurde. Ein solider Umgang mit Finanzen war Aigner wichtig, um die Akzeptanz für Europa zu sichern und auszubauen, was zu Haus in Bayern nicht immer einfach war, sagt Laura. „Meine Untersuchung zeigt, dass man zumindest davon sprechen kann, dass Aigner den Rechnungshof initiiert hat. Er hat den Prozess begleitet, konnte aber nicht alle seiner Ideen so umsetzen.“

Archivarbeit in Florenz
Für ihren biographischen Ansatz sprach Laura mit Zeitzeugen und durchforstete neben dem Nachlass Aigners Dokumente aus Archiven in München, in Amberg und des Archivs der Europäischen Union in Florenz. Klingt hart, in Florenz im Archiv sitzen zu müssen. „Das Archiv schließt aber immer um 16 Uhr – mir blieb also noch ein wenig Luft, Florenz auch zu genießen“, schmunzelt Laura.

Archivarbeit gehört für Laura zu den Aspekten im Geschichtsstudium, die sie besonders schätzt. „Mir gefällt, dass man Themen, zu denen es noch keine Literatur gibt, selbstständig bearbeiten kann.“ In ihrem Auslandsaufenthalt am Trinity College in Cambridge kam die Archivarbeit zu kurz. „Am Trinity College in Cambridge zu studieren war für mich wie Eintauchen in eine ganz andere Welt. Im englischen College-System ist man in ein festes Betreuungssystem eingebunden. Die vielen Societies bieten in der Freizeit vielfältige Möglichkeiten vom Debattierklub bis zum Polospielen und abends speist man bei schummrigen Licht in der großen 'Hall' – ein bisschen wie in Hogwarts. Aber man lernt auch die Vorteile des deutschen Studiensystems zu schätzen: mehr Selbstständigkeit, viel mehr praktische Archivarbeit.“ Da kam der Oberbayerin gerade recht, dass München mit dem Hauptstaatsarchiv, dem Staatsarchiv München, dem Stadtarchiv und dem Bayerischen Wirtschaftsarchiv eine vielfältige Archivlandschaft bietet.

Am Ende brachte Laura ihre durchaus mühselige wissenschaftliche Arbeit auf 120-Seiten Papier – plus Anhang. So hervorragend, dass Professor Kramer ihr das Angebot machte, die Arbeit zu publizieren. Zwei Peer-Review-Verfahren später hatte Laura dann ihr Buch „Wege nach Europa“ in der Hand, nun auch in englischer Übersetzung. Jetzt hat sie ihr nächstes Ziel vor Augen: die Doktorarbeit. Darin widmet sie sich der Eheschließung in Bayern im 19. Jahrhundert. Damals war es so, dass Eheschließungen staatlich reguliert waren, weil die Personen vorher „ansässig“ werden mussten – was vielen Menschen ohne Geld verwehrt blieb. „Mich interessiert dabei weniger die staatliche Ebene und die Regelungen, sondern die gesellschaftliche und private Ebene, die Lebensentwürfe der Menschen“, sagt Laura. Man darf gespannt sein.

Verantwortlich für den Inhalt: Kommunikation und Presse