Ludwig-Maximilians-Universität München
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Alleingang nach Israel

Wochenlang wälzte er Akten, stöberte in Archiven und stellte Anträge auf Akteneinsicht: Für seine Masterarbeit reiste Hannes Pichler nach Berlin und Freiburg, um wichtige Dokumente zu den deutsch-israelischen Beziehungen einzusehen, die gerade erst für die Öffentlichkeit freigegeben wurden.

Hannes Pichler

Gerade ist Hannes wieder unterwegs: Die Forschungsergebnisse seiner Masterarbeit überzeugten das Israel Institute aus Washington D.C., ihm ein Stipendium für einen Forschungsaufenthalt am Institute for National Security Studies (INSS) in Tel Aviv zu geben. Ein Jahr lang darf er nun von Tel Aviv aus an seinem Lieblingsthema forschen: der israelischen Politik und den Sicherheitsstrategien im Nahen Osten.

Begonnen hatte alles mit einem Zeitungsartikel im SPIEGEL, auf den Hannes zufällig bei einer ganz anderen Recherche stieß. Der Artikel von 1963 deutete auf geheime Sicherheitsbeziehungen zwischen Franz Josef Strauß und Israel hin – und Hannes saß in der Bibliothek und fragte sich, wie es dazu kommen konnte, dass ein bayerischer Landespolitiker in Tel Aviv warmherzig von israelischen Verteidigungspolitikern empfangen wurde. Wenig später fand er heraus, dass Franz Josef Strauß schon 1958 als Verteidigungsminister im Alleingang in die Israelpolitik Deutschlands eingriff und in seinem bayerischen Privathaus ein geheimes Treffen mit dem damaligen Generalsekretär des israelischen Verteidigungsministeriums, Shimon Peres, arrangiert hatte. Diese „Freundschaft der mutigen Tat“, wie sie Franz Josef Strauß später nannte, wollte der Geschichtsstudent genauer unter die Lupe nehmen und machte sich auf die Suche nach den originalen Akten dieser Zeit.

Neue Dokumente zur Israelpolitik
In seiner Masterarbeit Freundschaft der mutigen Tat: Franz Josef Strauß und Israel. Eine biographische Studie zur Frühphase der deutsch-israelischen Beziehungen untersuchte er die Hintergründe des geheimen Aufeinandertreffens von Shimon Peres und Franz Josef Strauß, das die Beziehung der Bundesrepublik Deutschland zum Staat Israel entscheidend verändern sollte. Peres hatte damals um das Treffen gebeten, um Hilfe für den jungen israelischen Staat zu erbitten. Hannes konnte mit seiner Forschungsarbeit die ursprünglich geheimen Dimensionen der deutsch-israelischen Beziehungen und der bundesdeutschen Nahostpolitik aufzeigen. Die Erkenntnisse basieren vorwiegend auf Dokumenten, die er im Zuge von durch Lehre@LMU geförderten, mehrwöchigen Archivaufenthalten in Berlin und Freiburg im Breisgau auswerten konnte. Die Sperrfrist der Akten lief vielfach zu Beginn der Recherchen ab, was bahnbrechende neue Erkenntnisse ermöglichte.

Dabei wollte man ihm im Freiburger Militärarchiv zunächst überhaupt keinen Einblick in die Israel-bezogenen Akten gewähren. Dafür sei eine mehrmonatige Sicherheitskontrolle nötig, hieß es in einem Schreiben des Archivs. Doch sein Umfeld und seine Kontakte wollte er nicht durchleuchten lassen und überhaupt hätte dies einen viel zu hohen Aufwand bedeutet. Hannes fuhr trotzdem nach Freiburg und erhielt überraschenderweise Zugang zum Archiv.

Die Ergebnisse seiner Recherchen: Strauß hatte sich im Amt des Verteidigungsministers schlichtweg über die offizielle deutsche Außen- und Sicherheitspolitik hinweggesetzt. Diese war bemüht gewesen, abseits des Wiedergutmachungabkommens von 1952 keine große Nähe mit Israel zu demonstrieren, um die arabischen Staaten im Nahen Osten nicht zu verprellen. Sie hatten gedroht, im Falle einer deutschen Unterstützung Israels die DDR anzuerkennen. Strauß ergriff dagegen im Geheimen die Initiative. „Aus den Dokumenten geht hervor, dass das Außenministerium erst viel später und der Bundestag zunächst gar nicht davon erfuhr, welche weitreichenden Entscheidungen Strauß persönlich traf“, berichtet Hannes. „Und das Spannende ist: Strauß hat sich mit seiner einsamen Entscheidung durchgesetzt.“ Vom Verteidigungsministerium aus sei ein neues Kapitel in den deutsch-israelischen Beziehungen aufgeschlagen worden: Strauß lieferte nicht nur Waffen ohne Bezahlung nach Israel, er kaufte dort auch wichtiges Gerät für die Bundeswehr ein. „Damit half Deutschland bei der Ausrüstung der israelischen Armee genauso wie bei der Entwicklung der israelischen Industrie. Nachdem Strauß dann aus der Bundesregierung schied, war er 1963 schließlich selbst in Israel und forderte als einer der ersten hochrangigen Politiker die Aufnahme offizieller diplomatischer Beziehungen.“ Nur zwei Jahre später, 1965, sollte dieser Schritt tatsächlich folgen. Zu jenem Zeitpunkt war zwar bereits an die Öffentlichkeit gedrungen, dass die Bundesrepublik auf Eigeninitiative von Strauß hin Waffen an Israel geliefert hatte. Durch die Masterarbeit von Hannes sind nun erstmals die Details und Abläufe dahinter bekannt und das Wirken von Strauß um eine Facette reicher geworden.

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