Ludwig-Maximilians-Universität München
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Nachrichten über die „Anderen“

Russisches Regierungsfernsehen berichtet staatsnah - das dürfte die Wenigsten verwundern. Dass es sich bei der Tagesschau der ARD nicht viel anders verhält, wahrscheinlich schon. Daria Gordeeva hat in ihrer Masterarbeit untersucht, wie Nachrichtensendungen ein Länderbild prägen.

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Es ist eine schwieriges Unterfangen, sich kritisch mit der Tagesschau auseinanderzusetzen. Für die Mehrheit der Deutschen stellt die Nachrichtensendung um acht nicht nur ein tägliches Ritual, sondern auch die unumstößliche Quelle seriöser Berichterstattung dar. Daria Gordeeva ließ sich dadurch nicht einschüchtern, auch wenn ihr gesagt wurde, dass ihre Masterarbeit als Angriff auf die öffentlich-rechtliche Institution gesehen werden könnte: „Ich sehe meine Arbeit nicht als Angriff und auch nicht als sonderlich provokant. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es einfach interessant zu sehen, wie kulturelle Prägungen die Berichterstattung beeinflussen können.“

Die Polizei machtlos, das Verbrechen auf dem Vormarsch. So sieht man Deutschland, wenn es nach dem Hauptnachrichtensender „Wremja“ geht. Auf der anderen Seite, ein Land, von einem machthungrigen Alleinherrscher regiert und eine Bedrohung für die westliche Welt – die Tagesschau geht auch mit Russland nicht gerade glimpflich ins Gericht. Für den Vergleich der beiden Sendungen ist Daria quasi prädestiniert: „Es war das perfekte Thema für mich, weil ich nicht nur deutsch, sondern auch russisch fließend spreche und in beiden Ländern gelebt habe.“

„Wir hier und die da drüben“

In ihrer Abschlussarbeit zeigt Daria, dass sich beide Nachrichtensender auf ähnliche Methoden stützen. Das herauszufinden war mühsame Arbeit. Über 80 Ausstrahlungen der Nachrichtensender mussten gesichtet und hinsichtlich Rhetorik, Vokabular und Bildern dokumentiert und katalogisiert werden. Das Ergebnis:“ Auch die Tagesschau berichtet einseitig, lässt vorwiegend Regierungsgegner zu Wort kommen und rückt westliche Werte in den Mittelpunkt der Debatten“, erklärt Daria. Es werden Vorurteile bestärkt und Stereotype gezielt eingesetzt. Staatsidentitäten werden personalisiert – Merkel ist Deutschland, Putin ist Russland. „Die Darstellung ist in beiden Fällen sehr selektiv und lässt außer Acht, dass beide Staaten einem unterschiedlichen Kulturkreis angehören“, so Daria und verweist auf die Geschichte Russlands. „Es hat ein anderes Verhältnis zur Demokratie und war schon immer von einer starken Person an der Spitze geprägt. Westliche Bewertungsmaßstäbe sind dann nicht unbedingt das richtige Maß.“

daria_gordeeva_260_webDaria kam erst vor rund sieben Jahren nach Deutschland und kennt dementsprechend die russische Berichterstattung über Deutschland aus erster Hand. „Mein Deutschlandbild war aber nicht negativ“, sagt die gebürtige Russin. Bereits in jungen Jahren nahm sie an Austauschprogrammen nach Deutschland teil. „Außerdem habe ich mich damals eh noch nicht für Nachrichten interessiert“, gibt sie zu. Trotzdem kennt sie die Auswirkungen einseitiger Berichterstattung. Eine Freundin stornierte wegen Sicherheitsbedenken ihren Trip nach Berlin, eine andere musste ihre Reise nach München vor besorgter Verwandtschaft verteidigen. „Auch wenn es unabhängige Berichterstattung in Russland gibt, ist für viele das erste Staatsfernsehen das Maß aller Dinge. Große Sender können mehr Produktionsaufwand betreiben und durch die professionelle Aufmachung wirkt es einfach glaubwürdiger, als unabhängige Internetnachrichten.“

Bösen Willen unterstellt Daria mit ihrer Arbeit den Sendungen jedoch nicht: „Auch Journalisten können sich nicht dagegen wehren, dass sie von ihrem Kulturkreis sozialisiert und geprägt werden. Als Zuschauer ist es nur wichtig, sich bewusst zu bleiben, dass man nicht alles aus dem Fernsehen für bare Münze nehmen und auch mal einen Perspektivwechsel wagen sollte.“
ps

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