Ludwig-Maximilians-Universität München
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Exkursion in den Sudan

Geschichten aus der Wüste

München, 27.03.2018

6000 Jahre Sudan kann man nicht nur aus Büchern lernen. LMU-Studierende haben in der Wüste gezeltet und vor Ort nach Spuren gesucht - und dabei intensive Einblicke gesammelt von einem Land, über das sonst kaum berichtet wird.

Geschichten aus der Wüste

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Körbe voller Gewürze und Datteln säumen den Weg, fein säuberlich gestapeltes Obst und Gemüse, Kleiderständer mit Gewändern in allen Farben. Während Johannes Rützel mit seinen Kommilitonen an den Waren vorbei schlendert, schallt es von allen Seiten: „Hello! Welcome!“. Die LMU-Studierenden fallen auf auf dem traditionellen Souk im Sudan. Die Einheimischen sind interessiert an den jungen Europäern, laden sie zum Tee ein, versuchen ins Gespräch zu kommen, auf Arabisch, auf Englisch, mit Händen und Füßen.

15 LMU-Studenten waren zusammen mit drei Professoren – Martin Geyer, Julia Budka und der Humboldt-Professorin Karen Radner – im Sudan unterwegs. „Das Beeindruckenste war die Gastfreundlichkeit der Sudanesen, obwohl die meisten selbst nur wenig haben“, erzählt Geschichtsstudent Johannes Rützel.“ Die Exkursion ist das erste gemeinsame Angebot des Historischen Seminars und des Instituts für Ägyptologie. „Afrika kommt bei uns Historikern immer etwas kurz – da bot sich die Zusammenarbeit mit Julia Budka, die regelmäßig Ausgrabungen im Sudan begleitet, an“, sagt Radner. Das ehrgeizige Ziel: Nach dem Prinzip von „deep history“ nicht nur einen Ausschnitt, sondern die ganze Geschichte des 6000 Jahre alten Sudan in den Blick zu nehmen und anschließend vor Ort selbst zu erleben.

Von Pyramiden und Werwölfen
Zwei Semester lang bereiteten sich die Teilnehmer intensiv auf die Exkursion vor und beschäftigten sich insbesondere mit der Kolonialgeschichte, den Lebensweisen der Flusskultur und den religiösen Einflüssen im Land. Schließlich ging es in der Wüste auf Spurensuche – zum Beispiel an Tempelanlagen und an die Pyramiden, die im Sudan deutlich spitzer sind als in Ägypten. Aber auch an Orte aus der jüngeren Vergangenheit, wie die von den Briten in der Kolonialzeit erbauten Bahnstrecke quer durch die Sahara, die trotz fehlender Alternativen längst wieder stillgelegt ist. „Vor Ort bekommt man nochmal eine neue Perspektive auf alles, was man zuhause gelesen hat“, findet Radner. Wie die schier unendlichen Weiten der Sahara, die Lebensbedingungen vor Ort, die Art, wie die Bauwerke gemacht sind.

Mit sechs Geländewagen ging es rund 3000 Kilometer durch das größte Flächenland Afrikas. Im Kofferraum: Zelte und Campingmöbel, denn übernachtet wurde in der Wüste. Zunächst sei sie etwas besorgt gewesen, gesteht Radner: „Ich dachte zu Beginn, einige Studenten – vor allem die jüngeren – kriegen sicher die Krise angesichts von Reis und Mango. Aber so war es dann gar nicht. Diese hatten sogar zur Überraschung aller Gesellschaftsspiele dabei.“ So spielte die Gruppe abends, Bachelorstudenten, Doktoranden und Professoren, am Lagerfeuer Werwolf. Handyempfang gab es die meiste Zeit nicht.

Nicht nur Geschichte ist erlebbar im Sudan, sondern auch die Auswirklungen der Geschichte auf das heutige Geschehen. Der Klimawandel und die Fluchtbewegungen sind deutlich spürbar: Johannes erzählt von einem Bauern, der wegen der veränderten Witterung mit neuen Schädlingen kämpft um seine Ernte kämpft und von Migranten auf dem Weg nach Europa, die im Sudan hängen bleiben. Wegen eines EU-Abkommens können sie ihre Reise über die Grenze nach Ägypten nicht fortsetzen. „Eine richtige Grenzstadt voller Glücksritter und Migranten kennt man in Europa ja nicht“, sagt Johannes. Überall vor Ort gab es Einblicke in die ökonomische und politische Situation des Landes: Öl- und Mehlkrise, lange Schlangen an den Tankstellen. Krisen, über die in Europa kaum berichtet wird.

„Da bekommt man auch einen anderen Blick auf sein Leben zuhause“, meint Johannes, der die Begegnungen und Erfahrungen während der Reise in einem Notizbuch und auf zahlreichen Fotos festgehalten hat. Neben fachlicher Expertise hat er durch die Exkursion auch viele persönliche Erinnerungen gewonnen. Oder wird man beim Lesen im Historicum auf eine sudanesische Hochzeit eingeladen?