Ludwig-Maximilians-Universität München
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Prager Frühling

„Viel mehr als eine Episode“

München, 20.03.2018

Für ein paar Monate war alles möglich in der Tschechoslowakei – bevor sowjetische Panzer die Demokratisierung beendeten. Osteuropahistoriker Martin Schulze Wessel zeichnet die Ereignisse von 1968 nach.

Foto: dpa-Bildarchiv

Warum war es gerade die Tschechoslowakei, in der es 1968 eine kurze Phase der Demokratisierung gab?
Schulze Wessel:
Die Tschechoslowakei spielte eine Sonderrolle im Ostblock. Nach dem Tod Stalins war das kommunistische Regime dort relativ stabil: 1956 gab es Aufstände in Ungarn und in Polen, nicht aber in der Tschechoslowakei. Nur dort hatte die kommunistische Partei nach 1945 Wahlen gewonnen, ihre Herrschaft ruhte auf einem vergleichsweise breiten Fundament der Unterstützung, speziell unter den Arbeitern. Der Prager Frühling 1968 war gewissermaßen ein verspätetes Aufbegehren, ein später Versuch, den Sozialismus zu reformieren.

Womit fing alles an?
Der Prager Frühling begann im Grunde mit einer Studentendemonstration, das war noch 1967. Die Studenten skandierten: Wir wollen mehr Licht, wir wollen mehr Wärme! Das waren einerseits ganz praktische Forderungen. Das Hochschulwesen war deutlich ausgebaut worden, die dazugehörige Infrastruktur nicht in gleichem Maße. Es gab schlicht zu wenig Wohnraum für Studierende. Die Wohnheime waren schlecht ausgestattet. Und wer nicht das zweifelhafte Glück hatte, dort wohnen zu können, musste lange Anfahrtwege zur Hochschule in Kauf nehmen. Die Forderungen der Studierenden hatten aber natürlich über den Protest gegen defekte Heizungen und Lampen hinaus durchaus auch eine metaphorische Bedeutung: Es war ein Ruf nach mehr Freiheit in der Tschechoslowakei. Kräfte in der Parteiführung, die ohnehin unzufrieden waren mit dem Kurs des Regimes unter Antonin Nowotný, vernahmen diesen Ruf. Und so kam es innerhalb der kommunistischen Partei zu einem hybriden Bündnis von Unzufriedenen; einem Teil nämlich ging es weniger um Demokratisierung als um eine Föderalisierung des Staates und damit um eine größere Eigenständigkeit der Slowakei.

In welchem gesellschaftlichen Klima nahm die Bewegung ihren Anfang? Wie groß war bis dahin die erzwungene Stromlinienförmigkeit unter dem Regime?
Nach dem Tode Stalins und des tschechischen Präsidenten Klement Gottwald gab es zwar keine totalitäre Herrschaft mehr, aber immer noch einen autoritären Druck, der auf die Gleichförmigkeit der Gesellschaft zielte. Und tatsächlich machte der sich an Äußerlichkeiten fest. Jugendliche konnten auf offener Straße festgehalten werden, wenn sie mit einem unangepassten Erscheinungsbild, zum Beispiel mit zu langen Haaren oder mit allzu lässiger Kleidung, auffielen. Es gab wiederholt Aktionen, bei denen die Ordnungskräfte ihnen die langen Haare scheren ließen.

Der Stalinismus in den 50er-Jahren hatte der tschechoslowakischen Gesellschaft zudem eine große Hypothek aufgeladen.
In der Tat. Die politische Repression war in der Tschechoslowakei besonders ausgeprägt, sie richtete sich dabei gegen verschiedene Gruppen: gegen Sozialdemokraten, gegen Katholiken, auch gegen Deutsche, sofern sie sich noch in der Tschechoslowakei befanden, aber in besonders prominenter Weise in einer Art Hexenjagd gegen kommunistische Spitzenfunktionäre. Schauprozesse gegen führende Parteigenossen wie Rudolf Slánský oder Otto Šling hatten eine besondere Bedeutung, die in ihrer langen Nachgeschichte bislang wenig betrachtet worden ist. Die angeklagten Kommunisten waren zu einem großen Teil Juden, und die Prozesse, die öffentlich ins ganze Land übertragen wurden, hatten unverkennbar antisemitische Untertöne. Das kommunistische Regime schlug der Gesellschaft mit den Prozessen einen neuen antisemitisch grundierten Gesellschaftskonsens vor. Es sprach damit gerade Bevölkerungsschichten an, die 1938 die autoritäre „Zweite Tschechoslowakische Republik“ unterstützt hatten und sich während der deutschen Okkupation vom Antisemitismus der Besatzungsregime beeinflussen ließen. Jetzt versuchte das kommunistische Regime paradoxerweise antisemitische Strömungen einzubinden. Diese Verbindung von Sozialismus und Chauvinismus hat lange über den Schauprozess gegen Slánský hinaus weitergewirkt.

Welche Rolle spielt da der Prager Frühling?
Die besondere Bedeutung des Prager Frühlings lag nicht nur in dem Streben nach einer Synthese von Sozialismus und Demokratie. Nicht weniger bedeutsam war der Versuch, den Sozialismus von seiner chauvinistischen Imprägnierung der fünfziger Jahre zu befreien. Auf einer neuen moralischen Grundlage wollten die Reformkräfte des Prager Frühlings die Gesellschaft in Richtung Demokratie und Marktwirtschaftlichkeit erneuern. Ohne eine Aufarbeitung der Vergangenheit war kein Neuentwurf für die Zukunft möglich. In dem Ineinandergreifen der Aufarbeitung der Vergangenheit mit den Entwürfen einer neuen Zukunft kann man – bei allen Unterschieden der Staatsverbrechen, die es aufzuarbeiten galt – eine gewisse Analogie zwischen Westdeutschland und der Tschechoslowakei 1968 erkennen.

Wie entstand die Bewegung: in einem Machtvakuum oder unter gezielter Führung?
Wir verbinden den Prager Frühling meist mit dem Namen Alexander Dubčeks, der tatsächlich bei seiner Wahl zum Generalsekretär ein Kompromisskandidat war. Er war auch für die Konservativen akzeptabel, weil man ihm keine dezidierte Reformpolitik zutraute. Die entschiedenen Reformer waren demgegenüber Personen wie Josef Smrkovský oder Josef Pavel, die von den stalinistischen Prozessen selbst betroffen gewesen waren. Sie hatten das Unrechtsregime in aller Schärfe erfahren, hatten Folter erduldet. Sie waren die eigentlichen Triebkräfte des Prager Frühlings. Dabei spielte Josef Smrkovský zusammen mit Ota Šik und Pavel Kohout unter anderen auch eine sehr öffentliche Rolle.

Welche gesellschaftlichen Gruppen zogen mit?
Von einzelnen Gruppen konnte man bald nicht mehr reden. Im März 1968 entwickelte sich ein regelrechtes Fieber der Demokratisierung, das die ganze Gesellschaft ergriff. Die Zensur war aufgehoben, man konnte sich jederzeit öffentlich versammeln. Allenfalls blieben Teile der Arbeiterschaft den Neuerungen gegenüber reserviert. Sie waren skeptisch insbesondere, was ihre Rolle in der künftigen Industriegesellschaft betraf. Der Großteil der Arbeiter zeigte sich dagegen dem Prager Frühling gegenüber loyal. Tatsächlich änderte sich innerhalb weniger Wochen fast alles.

Die Medien konnten erstmals investigativ arbeiten; in kurzer Zeit verdoppelten sich die Auflagen der Zeitungen. Umfragen, die die Popularität der amtierenden Reformpolitiker maßen, fanden eine ungeahnte Beachtung. Und der Zugang zur Politik veränderte sich fundamental, die höfischen Schranken zwischen Politik und Öffentlichkeit fielen. Das machte Alexander Dubček, der aufgrund seiner oft unsicher wirkenden Art als besonders nahbar galt, in wenigen Wochen zu einer Art Popstar der Politik.

Hat da die Demokratisierung, die Dubček mit losgetreten hatte, ihn vielleicht überholt?
Dubček war in der Sowjetunion aufgewachsen. Was Demokratie und Gewaltenteilung hieß, was auch die Unabhängigkeit der Presse in letzter Konsequenz bedeutete, davon hatte er nur eine sehr ungefähre Vorstellung. Er war in der Lage, die Demokratisierung als eine generelle Linie vorzugeben, ohne präzise Vorstellungen von dem Ziel, der Demokratie, zu haben. Er hatte obendrein eine doppelte, widerspruchsvolle Loyalität. Sie gehörte zum einen der demokratischen Reform des Sozialismus, zum anderen aber war er zutiefst der Sowjetunion verpflichtet. Und mit den immer stärker werdenden Forderungen von sowjetischer Seite, bestimmte sogenannte Errungenschaften des Sozialismus zu wahren, kam Dubček nicht nur in machtpolitische Schwierigkeiten, sondern durchaus auch in einen inneren Zwiespalt.

Wer waren dann die Falken, die dem Prager Frühling ein Ende bereiten wollten? Und welche Rolle spielte der sowjetische Staatschef Leonid Breschnew?
Außenpolitisch war Breschnew jedenfalls zunächst kein Falke. Er hatte die Wahl Dubčeks ermöglicht und war überrascht, als die Entwicklung aus seiner Sicht aus dem Ruder lief. Die Führungen der DDR, Polens und bemerkenswerterweise auch der ukrainischen Sowjetrepublik waren es dagegen, die die Sowjetführung drängten, den Prager Frühling zu beenden. Nicht ohne Grund fürchteten sie, dass der Demokratisierungsprozess in der Tschechoslowakei auf ihre Länder übergreifen könnte.

Was passierte dann?
Der Einmarsch der Truppen in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 kam für die Protagonisten des Prager Frühlings tatsächlich überraschend. Als die Nachrichten von den Luftlande-Operationen eintrafen, diskutierte das Politbüro in Prag gerade noch, wie es auf den verstärkten politischen Druck aus Moskau reagieren sollte. Mit dem Einmarsch wurde die politische Führung der Tschechoslowakei zunächst kaltgestellt, ein Teil der Reformpolitiker nach Moskau verschleppt und dort unter erheblichen Druck gesetzt, ein Abkommen zu unterzeichnen, das die Tschechoslowakei zurück auf den sowjetischen Kurs bringen sollte. Immerhin gelang es der Sowjetunion nicht, eine alternative Regierung einzusetzen. Es fand sich schlicht kein tschechoslowakischer Politiker, der dazu bereit und in der Lage gewesen wäre. Noch bemerkenswerter war die Reaktion der tschechoslowakischen Bevölkerung, die unbewaffneten und geschlossenen Widerstand leistete. Nie bekam der Prager Frühling so viel Unterstützung wie nach dem 20./21. August 1968. Es dauerte bis in den April 1969, dass sich das Regime der sogenannten Normalisierung, ein Regime ausgesprochen autoritärer Prägung, durchsetzte.

Was war aus den Reformpolitikern geworden? Hatten sie schließlich die sowjetischen Forderungen unterzeichnet?
Die tschechoslowakische Regierung unterschrieb einen Vertrag, einschließlich eines Geheimprotokolls, das der sogenannten „Normalisierung“ den Weg bahnte, aber der Öffentlichkeit verschwiegen wurde. Zunächst war der Jubel in der Bevölkerung groß, man glaubte, mit dem Abkommen die Errungenschaften des Prager Frühlings wie zum Beispiel die Meinungs- und Versammlungsfreiheit verteidigt zu haben, und merkte dann erst im Laufe der Zeit, dass die Verpflichtungen, die die kommunistische tschechoslowakische Führung gegenüber Breschnew eingegangen war, viel weiter gingen. Dubček war in einem existentiellen Zwiespalt, er hätte sich diesem Abkommen gerne entzogen, aber er wurde mit erheblichem Druck zur Unterzeichnung des Protokolls gezwungen. Es nicht zu unterschreiben, hätte nicht nur für ihn persönlich, sondern auch für das ganze Land unabsehbare Folgen gehabt. Mit seiner Unterschrift wurde Dubček zu einer tragischen Figur. Immer noch war es so, dass Studenten mit seinem Namen auf den Lippen auf die Straße gingen, doch trug er für den Weg in die erneute Repression die politische Verantwortung. Besonders augenfällig wurde dieser Zwiespalt bei der Selbstverbrennung des Prager Studenten Jan Pallach im Januar 1969, der damit ein Fanal setzen wollte gegen die Rücknahme aller Freiheiten, die 1968 erstritten worden waren. Dubček, nominell immer noch der erste Mann der Kommunistischen Partei, erlitt einen Nervenzusammenbruch.

Wieviel 68 steckt eigentlich im Prager Frühling?
68 hatte weltweit viele Facetten. Es gab globale Trends: Studierende spielten eine maßgebliche Rolle, Sozialwissenschaftler bestimmten in hohem Maße den gesellschaftlichen Diskurs und es gab einen jugendlichen Protest-Habitus, der sich etwa in bestimmten Musikstilen und Moden äußerte. Das alles kann man in der Tschechoslowakei auch erkennen. Aber es gab auch bedeutsame Unterschiede. Der wichtigste ist, dass es zu einem Bündnis zwischen der Generation von kommunistischen Reformpolitikern und den Studenten, also zwischen der Macht und dem Protest, kam. Es kam einem Mirakel gleich, dass bestimmte Spitzenpolitiker der kommunistischen Partei, die immerhin für zwei Jahrzehnte Repression und Misswirtschaft verantwortlich war, durch die Bereitschaft zur Aufarbeitung der Vergangenheit, zum Teil auch durch Eingeständnisse eigener Schuld, die protestierenden Studenten für sich gewinnen konnten. Darin liegt ein eklatanter Gegensatz zum deutschen oder französischen 68.

Ist der Prager Frühling auf lange Sicht nur eine Episode gewesen?
Er war viel mehr. Zunächst ist zu betonen, dass die Gegner des Kommunismus sofort seine epochale Bedeutung erkannten: Aus der Sicht der antikommunistischen Kräfte im Westen lieferte der Prager Frühling den definitiven Beweis, dass die kommunistische Utopie an ihr Ende gekommen war. Tatsächlich nahm die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei nach 1968 von allen ernsthaften Versuchen einer weitgesteckten visionären Politik Abstand und suchte die Zustimmung der Bevölkerung durch ein verbessertes Konsumangebot zu erlangen. Für die Menschen in der Tschechoslowakei stellte der Prager Frühling hingegen eine Erinnerungsressource dar: 1968 war deutlich geworden, dass sich die Verhältnisse ändern lassen. Insofern ist 1968 auch eine Vorgeschichte von 1989.

 

Professor Schulze-Wessel]Prof. Dr. Martin Schulze Wessel ist Inhaber des Lehrstuhls für Geschichte Ost- und Südosteuropas an der LMU.

Von Martin Schulze Wessel ist gerade Der Prager Frühling: Aufbruch in eine neue Welt im Reclam-Verlag erschienen.