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Chronobiologie

Die Stimme der inneren Uhr

München, 02.05.2018

Jeder sollte so schlafen, wie es seinem individuellen Chronotypen entspricht, meint Till Roenneberg und erklärt im Interview, wie er mit einer Konferenz diesem Ziel näher kommen will, warum die meisten mit einem sozialen Jetlag leben und was das mit der Gesundheit macht.

Foto: milanmarkovic78 / fotolia.com

Till Roenneberg hat sich Zeit genommen. Es ist 15 Uhr und er kommt gerade aus der Vorlesung – ein guter Moment, um mit dem Chronobiologen über die sogenannte innere Uhr zu sprechen, die alle Abläufe im menschlichen Körper steuert und sich täglich am Wechsel von Tag und Nacht, hell und dunkel, ausrichtet. Dabei gibt es große individuelle Unterschiede, was sich in den verschiedenen Chronotypen spiegelt: Die einen sind Früh-, die anderen Spätaufsteher, wenn sie ihrem natürlichen Rhythmus folgen. Sein eigener Takt macht Till Roenneberg zum letzeren, morgens gibt er daher ungern Interviews. Aber nun nimmt er sich Zeit zu erklären, welche gesellschaftlichen Folgen die Erkenntnisse seines Fachs haben sollten, für das es 2017 den Medizin-Nobelpreis gab, wo es für die Forschung noch dringend etwas zu tun gibt, und die anstehende, von ihm organisierte Konferenz „The Role of Circadian Biology in Preventing and Treating Pathology“, bei der es unter anderem um Prävention und Therapie von Krankheiten geht.

 

Herr Roenneberg, was macht die innere Uhr genau aus?
Roenneberg: Es gibt kaum eine Funktion im Körper, die nicht tagesrhythmisch ist. Die innere Uhr steuert alle Abläufe – sei es die Konzentration von Kalzium, Magnesium oder Kalium bis hin zum Vorhandensein von Enzymen.

Auf der anstehenden Konferenz geht es um die Rolle dieser biologischen Rhythmen bei Krankheiten. Warum?
Roenneberg: Wir müssen dahin kommen, dass die zirkadiane Uhr in der Klinik stärker beachtet wird. Man muss in der Medizin bei jeder Intervention und jeder Messung davon ausgehen, dass es diese tagesrhythmischen Schwankungen gibt. Wenn ein Arzt ein Medikament gibt, das ein Enzym inhibiert, er aber nicht weiß, wann der Faktor, der unterdrückt werden soll, am höchsten konzentriert ist, dann muss er es in einer sehr hohen Dosis geben. Wird dieses Medikament dagegen ganz gezielt zur richtigen Zeit verabreicht, dann minimieren sich die Dosis und Nebenwirkungen, die Wirkung aber maximiert sich. Ein anderes Beispiel: Ein Patient soll nüchtern zum Arzt kommen, etwa um acht Uhr morgens. Mittlerweile gibt es in Industriegesellschaften bis zu zwölf Stunden Unterschied zwischen den verschiedenen Chronotypen. Misst man um acht Uhr das Blut bei einem extremen Frühtyp, dann ist dieser schon mehrere Stunden in seiner Wachzeit; ein extremer Spättyp dagegen in der Mitte seiner biologischen Nacht. Man misst also Unterschiede, die nichts mit der Krankheit oder Gesundheit des Patienten zu tun haben. Das sind die Dinge, die wir normieren müssen, damit jeder Arzt das „nötige Werkzeug“ erhält, um zum Beispiel den Chronotyp eines Patienten möglichst einfach messen zu können.

Spielt die innere Uhr auch bei psychischen Erkrankungen und in der Therapie eine solch wichtige Rolle?
Roenneberg: In England ist gerade eine Studie erschienen, wonach der Eulentyp bei psychisch Kranken überdurchschnittlich vertreten ist. Das lässt zwei Rückschlüsse zu: Späte Chronotypen haben ein höheres Risiko, psychisch zu erkranken. Oder ist es so, dass es die Folge einer Lebensweise ist, die sie zwingt mit dem Wecker aufzustehen? Diese beiden Möglichkeiten wurden in dieser Studie überhaupt nicht diskutiert. Wir kennen die kausalen Wirkungsketten noch nicht und müssen noch viel lernen. Es ist bekannt, dass Schlafveränderungen eine Begleiterkrankung psychiatrischer Symptome sind. Ich glaube, dass die meisten psychischen Auswirkungen eines Lebens gegen die innere Uhr über Schlafveränderungen zur Krankheit führen. Um diese Zusammenhänge aufzeigen und zum Beispiel in der Therapie mit der inneren Uhr arbeiten zu können, müssen wir uns jedoch zuerst in der Forschung auf Standards einigen.


Definieren. Normieren. Standards etablieren. Das ist Roennebergs Ansatz, um die Erkenntnisse zur inneren Uhr stärker in der Praxis zu etablieren. Auf der anstehenden Konferenz will er dafür mit den weltweit führenden Chronobiologen die Grundlagen schaffen. Auch mit dem „Gestrüpp der Methodik“ will Roenneberg aufräumen. Warum, so fragt er, werden laufend neue Fragebögen für chronobiologische Studien entwickelt? Könnte man sich nicht auf einen mit den nötigen Eckdaten einigen? Ein weiteres Ziel: Datenbanken für die Messungen aufbauen, damit Forscher darauf zugreifen können – für Roenneberg eine Voraussetzung, um zu verstehen, wie die innere Uhr im jeweiligen Kontext mitspielt – nicht nur bei Krankheiten, sondern auch in der Berufswelt und Schule.

Till Roenneberg hat in seiner Forschung bereits vielfach gezeigt, dass das Leben in der modernen Gesellschaft die verschiedenen Chronotypen in ein Korsett zwängt, das mit deren inneren Uhr meist nicht übereinstimmt. Er hat dafür den plakativen Begriff des sozialen Jetlags geprägt, unter dem bis zu 80 Prozent der Deutschen mehr oder weniger leiden. Ihr natürlicher Schlaf-Wach-Rhythmus ist infolge der Anforderungen ihres Alltags gestört. Und das fängt früh an: Schon in der Schule lernen Kinder nicht zu den Zeiten, in denen sie dafür am aufnahmefähigsten sind und der Lernstoff am besten hängenbleibt. Vor allem für Jugendliche ist ein Schulbeginn um acht Uhr morgens eine Zumutung. Denn der Chronotyp verändert sich mit dem Alter und schiebt sich in der Jugend nach hinten, was Teenies zu Nachteulen macht. Seine Kollegin Martha Merrow hat in einer Studie gezeigt, dass damit massive Diskriminierungen einhergehen: Spätaufsteher schneiden in Tests, die morgens angesetzt sind, schlechter ab als Frühtypen. Inzwischen testet Roenenberg in einem Pilotprojekt mit einer Schule in Nordrhein-Westfalen, inwiefern die Kinder von Gleitzeit profitieren.

 

Obwohl es bereits so viel Wissen über die innere Uhr gibt, scheinen die wenigsten im Einklang mit ihrem Chronotyp zu leben. Frustriert Sie das?
Roenneberg: So negativ würde ich das nicht sehen. Die meisten stehen bereits viel später auf als die Menschen früher. Denken Sie nur an die Arbeitszeiten eines Bauern. Aber trotzdem haben Sie Recht: Wir stehen für unsere innere Uhren zu früh auf – sonst würden nicht über 80 Prozent einen Wecker benötigen, um an Werktagen aufzuwachen. Dieses „Spätsein“ liegt am Licht. Künstliches Licht sorgt dafür, dass es fast nie dunkel ist, nicht einmal in der Nacht. Zugleich halten sich die meisten Menschen tagsüber hauptsächlich in Räumen auf, bekommen also zu wenig natürliches Licht ab. Das führt dazu, dass die inneren Uhren, die sich ja mit dem Licht synchronisieren, später dran sein müssen, um überhaupt noch in einem 24-Stunden-Rhythmus zu schwingen.

Ist es nicht sogar so, dass die meisten immer später ins Bett gehen und davor noch in ihr Smartphone gucken, um ihre Mails zu checken – was das Einschlafen nicht gerade erleichtert?
Roennberg: Unsere Gesellschaft handelt schizophren. Auf der einen Seite gibt es Schichtarbeit, weil Maschinen 24 Stunden am Tag laufen sollen und wir global 24 Stunden an sieben Tagen die Woche unterwegs sein wollen. Auf der anderen Seite sind wir noch so kleinbürgerlich zu glauben: Wer nicht um neun in der Arbeit ist, ist faul. Ich sage meinen Mitarbeitern, dass sie, wenn es geht, keinen Wecker benutzen sollen. Und zwar aus ganz egoistischen Gründen: Ich will von ihnen ihre beste Zeit haben. Deswegen sollen sie in ihren biologischen Fenstern schlafen. Das reduziert auch den Krankenstand und außerdem sind alle fröhlicher.

Sie haben in einer Studie nachgewiesen, dass es den sozialen Jetlag reduziert, wenn sich die Arbeitszeiten am jeweiligen Chronotyp orientieren. Was haben die Unternehmen denn davon?
Roenneberg: Die Firmen profitieren davon, wenn sie ihre Mitarbeiter zu den Zeiten schlafen lassen, in denen sie das brauchen. In Gesprächen mit Arbeitnehmern in Feldstudien höre ich immer wieder „Ich geh doch lieber verpennt in die Arbeit und bin dann wach in meiner Freizeit“. Diese Menschen machen ihren Job nur, um ihr Leben finanzieren zu können und nicht weil er ihnen Spaß macht. Selbstbestimmung – gerade bei der Wahl der Schlaf- und Arbeitszeiten – ist daher eine wichtige Voraussetzung sowohl für die psychische als auch für körperliche Gesundheit. Die Arbeitgeber verlieren Milliarden in Deutschland, nur weil die Beschäftigten zu früh in die Arbeit kommen und dort erst einmal Kaffee trinken, da sie noch gar nicht fähig sind produktiv zu sein.

 

Überhaupt, das Geld. Zu Roennebergs Überzeugungsarbeit gehört es inzwischen, Politikern und Entscheidern vorzurechnen, wie viel Kosten sich einsparen ließen, wenn man nur auf die individuelle innere Uhr in der Gesellschaft mehr Rücksicht nehmen würde. Zwei bis drei Prozent des Bruttosozialprodukts könne man so mindestens einsparen – weil die Menschen seltener krank würden und leistungsfähiger wären. Dazu kommt der tägliche Stress im Berufsverkehr – Roenneberg springt auf und zeichnet Kurven an die Tafel in seinem Besprechungszimmer, um die täglichen Pendelzeiten zu veranschaulichen. Wie von allein würde sich der Stau morgens und abends entzerren, wenn sich jeder zu seiner eigenen Zeit auf den Weg in die Arbeit machen könnte.

 

Ließe sich das denn überhaupt organisieren, alle so schlafen zu lassen, wie es ihrem biologischen Rhythmus entspricht?
Roenneberg: Der Großteil der Menschen überschneidet sich mit seinem Schlafbedürfnis in einem bestimmten Stundenfenster. Es geht nur darum, ihnen die Freiheit zu geben, in ihren eigenen Mustern zu leben. Vielleicht muss man ein bisschen dafür umdenken. Aber das ist doch möglich. Das kriegen wir hin.


roenneberg_130_webProfessor Till Roenneberg ist Leiter der Human Chronobiologie am Institut für Medizinische Psychologie der LMU




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