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Hass im Netz

Die asozialen Medien

München, 19.01.2018

Wüste Beschimpfungen, Hetze, Todesdrohungen: Hass überschwemmt das Internet. Die Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger und Carsten Reinemann über Wutbürger, Narzissten, Trolle – und politische Akteure

Ein Wall aus Wut: Die Hilfsorganisation CARE reißt schwer symbolträchtig eine Mauer aus Pappkartons ein, die mit Hassbotschaften aus Netz bedruckt sind; Berlin-Mitte September 2017. Foto: Georg Wenzel/Actionpress

Dem Erfindungsreichtum sind keine Grenzen gesetzt, wenn es in den Sozialen Medien um Beschimpfungen und Schlimmeres geht. Was ist eigentlich los im Netz?
Reinemann:
Es gibt da nichts, was es nicht gibt. Es geht von Beschimpfungen bis hin zu Straftatbeständen und Todesdrohungen. Einzelne Personen werden angegriffen, aber auch ganze Gruppen. Es gibt keine Grenzen für eklige und gewalttätige Posts und Inhalte.

Neuberger: Das fängt unter Schülern an. Es gibt Fälle, bei denen junge Menschen durch Cybermobbing in den Tod getrieben worden sind. Und es reicht bis zu Staaten, in denen Bürgerkrieg herrscht, oder Konflikten zwischen Nationen, in denen Hass geschürt wird. Wir haben im Internet eine völlig neue Form der Öffentlichkeit, die keine zentralen Gatekeeper mehr hat und in der Emotionen aufwallen und die Stimmung eskalieren kann, wie wir es aus den klassischen Medien nicht kennen.

Ist das ein Massenphänomen oder eine Randerscheinung, über die einfach nur viel berichtet wird?
Reinemann:
Es ist tatsächlich ein Massenphänomen. 20 Prozent der Jugendlichen sagen, sie seien von Cybermobbing betroffen. Und 70 Prozent der Internetnutzer nehmen Hasskommentare wahr, auch wenn sie nicht selbst angegriffen werden. Bei Jugendlichen, die ja besonders viel im Netz unterwegs sind, liegt die Zahl sogar bei gut 90 Prozent. Aber wer schreibt die Kommentare? Der Branchenverband der Telekommunikationsanbieter Bitkom hat vor zwei Jahren eine Repräsentativbefragung gemacht, in der haben sechs Prozent zugegeben, schon mal einen Hasskommentar geschrieben haben – eine Kracherzahl. Das Erschreckende sind die Reaktionen: Zwei Drittel der Hasskommentar-Schreiber sagen, sie hätten aus dem persönlichen Umfeld Unterstützung dafür bekommen. Das sind nicht einzelne Trolle, die in ihrem stillen Kämmerlein sitzen. Es gibt viel Applaus von Gleichgesinnten auch für jede noch so abstruse Meinung und für jede Art von Hass. Das macht die ganze Sache so problematisch.

Neuberger: Es ist nicht der normale Umgang miteinander, den wir aus dem echten Leben kennen. Es sind flüchtige Situationen: Ich kann mich ihnen ganz schnell wieder entziehen, mich aus einem Chat abmelden beispielsweise. Mir drohen keine Sanktionen und keine Bloßstellung. Man kann anonym bleiben. Das Gegenüber nimmt man nicht in seiner Individualität wahr, sondern eher als Vertreter einer Gruppe.

Hassen die Hater denn wirklich?
Reinemann:
Die tatsächlichen Motive aufzuschlüsseln, ist schwierig. Da gibt es einerseits die sogenannten Trolle. Das sind Menschen, die keine feste Meinung haben, nur um der Aufmerksamkeit willen provozieren und Befriedigung daraus ziehen, dass sich Leute über sie aufregen. Das ist aber wohl nur eine relativ kleine Gruppe. Dann gibt es mehr oder weniger normale Nutzer, nicht Organisierte, die das Netz als Bühne benutzen, um Emotionen rauszulassen. Außerdem gibt es nicht wenige, die eine politische oder religiöse Agenda haben und das Netz als Mobilisierungsinstrument und Arena nutzen. Und schließlich die, für die das im engeren Sinne politischer Kampfplatz ist. Die sozialen Medien sind eben auch eine Plattform für radikale Gruppierungen, die mit ihren extremen Positionen in den etablierten Medien keine Öffentlichkeit gefunden haben.

Woher aber kommt diese Enthemmung? Gibt es da eine parallele Entwicklung offline? Oder ist sie spezifisch an die Neuen Medien gebunden?
Neuberger:
1994 hatte das Internet in Deutschland den Durchbruch, das „neue“ Medium ist also inzwischen schon relativ alt. Doch während es in den USA nach dem 11. September eine starke Politisierung gab, hat man sich hier in Deutschland noch lange über die angebliche Irrelevanz der Blogosphäre lustig gemacht. Sie sei eine reine Nabelschau, hieß es, die gesellschaftlich wichtigen Themen würden dort nicht verhandelt. Das hat sich spätestens mit dem Bundestags-Wahlkampf 2013 gravierend geändert. Die sozialen Medien spielen heute eine wichtige Rolle bei den gesellschaftlich relevanten Fragen, ob es um Flüchtlinge, die Banken- und Finanzkrise, soziale Ungleichheit geht oder aber auch Fragen der Identität, des Wir und der Anderen.

Reinemann: In den USA spielen die sozialen Medien noch immer eine viel stärkere Rolle in der Politik als in Deutschland. Das liegt vor allem daran, dass die etablierten Medien dort so schwach geworden sind, was sich an einem dramatischen Zeitungssterben ablesen lässt. Zusätzlich gibt es dort eine starke Polarisierung der Rundfunk- und Fernsehsender, die durch das Netz noch befördert wird. In Deutschland haben wir noch immer trotz aller Probleme eine funktionierende Medien-Landschaft mit ihren öffentlich-rechtlichen und privaten Stationen und einem stark regional verankerten Zeitungsmarkt.

Mit viel Pöbelei im Netz hatte die AfD erhebliche Erfolge im Bundestagswahlkampf zu verzeichnen. Wie bediente sich die Partei der sozialen Medien? Sind die herkömmlichen Medien die eigentlichen Echokammern?
Reinemann:
Es gibt zum Beispiel Seiten, auf denen wird die Kritik an Angela Merkel, aber auch der Hass auf sie, wie er sich schon auf den Demonstrationen gezeigt hat, auf die Spitze getrieben. Die Trennung zwischen Offline- und Online-Welt ist zunehmend obsolet, weil alles ineinanderläuft und sich gegenseitig befeuert. Im Netz können Pöbler offener und aggressiver agieren als etwa in einer Talkshow. Da stellt sich natürlich die Frage, inwiefern die klassischen Medien das noch befeuern mit der Art und Intensität, mit der sie darüber berichten. Die Normverletzung und Grenzüberschreitungen, die dort passieren, dienen dazu, Aufmerksamkeit zu generieren. Damit tappen die Medien natürlich in eine Falle. Aber es ist ja auch ihre Aufgabe, auf solche Normverletzungen und Grenzüberschreitungen hinzuweisen, weil sie natürlich etwas aussagen über die Partei. Dass über 80 Prozent der Deutschen sagen, die AfD grenzt sich nicht genug von Rechtsextremismus ab, ist ein Ergebnis der Berichterstattung über diese Grenzverletzungen. Aber es bleibt ein Dilemma, in dem sich Journalisten und Medien befinden. Nicht zu berichten, ist keine Lösung.

Neuberger: Es ist eine Gratwanderung. Im Bundestagswahlkampf war die AfD auf Twitter sehr viel stärker präsent als alle anderen Parteien. Allerdings ist die Nutzung von Twitter in Deutschland im internationalen Vergleich insgesamt äußerst gering. Sie bewegt sich immer noch im unteren einstelligen Bereich. Parteien rekrutieren ihre Follower vor allem aus dem Kreis der eigenen Anhänger, die nicht mehr überzeugt werden müssen. Der Social-Media-Wahlkampf alleine hat also nicht sehr viel bewegt, zumindest nicht auf direktem Weg. Journalisten allerdings verfolgen Twitter sehr intensiv und greifen Tweets auf. Die Pointiertheit von Tweets, das oft Provokante erzeugt einen Nachrichtenwert, selbst im negativen Sinne – auch hier geraten Journalisten in das Dilemma zwischen Berichterstattungspflicht und Instrumentalisierung. Insgesamt aber ist im Bundestagswahlkampf vieles ausgeblieben, was etwa den US-Wahlkampf stark beeinflusst haben soll: Social Bots haben keine große Rolle gespielt, Fake news sind nur vereinzelt aufgetaucht, und von Leaks aus dem Bundestag war nichts zu sehen.

Reinemann: Allerdings ist es schwierig, überhaupt mitzubekommen, was die AfD, aber auch andere Gruppierungen im Netz eigentlich so alles treiben. Die AfD hatte offensichtlich das größte russischsprachige Angebot in Zusammenhang mit dem Bundestagswahlkampf und war relativ stark im Bereich der Spätaussiedler. Und was zum Beispiel in Communities türkisch-stämmiger Migranten oder in ostdeutschen Communities passiert – auch das wissen wir angesichts einer zunehmend zersplitterten Netzöffentlichkeit oft nicht.

Neuberger: Es ist ja viel die Rede von Echo-Kammern und Filter-Blasen. Allerdings zeigen die empirischen Befunde, dass es völlig vom Rest der Welt isolierte Ideologie-Enklaven höchstens ausnahmsweise gibt und dass es nicht insgesamt zu einem Zerfall der Öffentlichkeit kommt. Die meiste Zeit verbringen die Nutzer immer noch mit den sogenannten „Mainstream-Medien“, selbst dann, wenn sie ihnen kritisch gegenüberstehen.

Auch die gerne von „Lügenpresse“ reden?
Reinemann:
Ja, das zeigt auch eine Befragung vom Frühjahr 2017 zu „Medienvertrauen und Mediennutzung“ von AfD-Sympathisanten. Sie nutzen die klassischen Medien intensiv, auch wenn sie über sie schimpfen. Sie sitzen wahrscheinlich mit einer anderen Haltung vor der Tagesschau, echauffieren sich oder finden es gut, wenn das Fernsehen wieder so berichtet, wie sie es erwarten. Erste Befunde einer anderen, gerade noch laufenden Studie mit islamistischen Extremisten zeigen, dass manche Menschen auch Gefahr laufen, sich in der Fülle extremistischer Propaganda gerade bei Youtube zu verlieren. Sie berichten, dass der Empfehlungsalgorithmus von YouTube ihnen nur noch Dinge angeboten hat, die genau in diese Richtung gehen. Das betrifft wahrscheinlich kleinere Gruppen, die aber unter Umständen ein großes Problem darstellen, weil sie sich in entsprechenden Inhalten vergraben.

Neuberger: Man darf auch den inszenatorischen Charakter des rechten Protestes nicht unterschätzen. Es geht ihm darum, den Eindruck zu erwecken, es artikuliere sich der spontane und authentische Volkswille. AfD oder Pegida wissen natürlich, dass überall bei den Wahlkampfauftritten von Angela Merkel Journalisten stehen, und nutzen einfach den Multiplikatoreffekt der klassischen Massenmedien. Doch es ist ja nicht nur Unzufriedenheit, die sich da ausdrückt, sondern ein Auseinanderbrechen von Wirklichkeiten. Sehr viele Leute glauben an Verschwörungstheorien, denen mit rationalen Argumenten nur schwer beizukommen ist. Wir haben bislang ein großes Vertrauen in Wissenschaft und den Journalismus gehabt, doch dieses Vertrauen wird zumindest öffentlich in Frage gestellt. Es geht eben nicht mehr um einzelne Fakten, die richtig oder falsch sind, sondern um Weltbilder und Verfahren der Wirklichkeitserschließung. Mitunter zählen nur noch die eigene oder im engen Zirkel verbreitete voreingenommene Position und die Argumente, die sie stützen. Gleichgesinnte bestätigen einander, und das hat dann einen selbstverstärkenden Effekt.

Sie haben erwähnt, Social Bots hätten im Bundestagswahlkampf keine große Rolle gespielt, anders als beim Brexit oder der letzten US-Wahl. Wie funktionieren diese Bots und welche Rolle spielen sie für den Hass im Netz?
Reinemann:
Bots sind kleine Computerprogramme, die eine Aktivität ausführen, etwa vorgefertigte Botschaften auf Twitter automatisch weiterleiten, sobald sie bestimmte Muster erkennen. Wenn man viele davon miteinander koppelt, kann man tatsächlich eine sehr große Aufmerksamkeit erzielen. Forscher haben untersucht, wer eigentlich verantwortlich dafür ist, dass von russischen Propaganda-Medien Beiträge verlinkt weitergeleitet werden. Sind das Social Bots oder stecken da unter Umständen Menschen dahinter? Interessanterweise, so haben wir herausgefunden, waren in Deutschland eine Reihe von Personen besonders aktiv und effektiv, die offensichtlich eng und zum Teil auch organisatorisch mit der AfD verbandelt waren.

Neuberger: Social Bots zu identifizieren, ist eine Herausforderung. Der Sinn eines Social Bots besteht ja gerade darin, über die Identität zu täuschen und den Eindruck zu erwecken, es sei eine Vielzahl von Menschen, die dahintersteht. Denn Meinungsbilder lassen sich natürlich nur dann wirksam vorspiegeln, wenn der Eindruck entsteht, es seien ganz viele einer bestimmten Auffassung und vertreten diese jetzt in ihren Tweets. Wie also erkennt man Social Bots? Es gibt Indizien, etwa eine Häufung von identischen Botschaften, IP-Adressen oder sehr ungewöhnliche Versandzeiten, zu denen normale Menschen schlafen.

Was ist mit den Bots möglich?
Neuberger:
Im Moment geht es vor allem um die Multiplikation identischer Botschaften. Eine richtige Diskurs-Simulation, bei der Social Bots miteinander interagieren, funktioniert noch nicht. Aber wenn es gelingt, ließen sich Meinungsbildungsprozesse in eine bestimmte Richtung steuern. Wir Wissenschaftler sind erst dabei zu lernen, welche Manipulationstechniken es gibt. Denken Sie an die false flags. Zur Hochzeit der Flüchtlingswelle wurden Zeitungs-Geschichten über angeblich positive Taten von Flüchtlingen als angeblich falsch entlarvt, dass zum Beispiel Flüchtlinge Handtaschen, die sie gefunden hatten, wieder zurückgegeben hätten. Allerdings hat es schon diese Berichte gar nicht in den Zeitungen gegeben. Auch das war erfunden, um die Lügenpresse und ihre angebliche Reklame für die Willkommenskultur zu diskreditieren. Oder es gab gefälschte Leaks, wo Journalisten angebliche oder manipulierte Geheiminformationen zugespielt wurden – das war in Frankreich unmittelbar vor der Parlamentswahl der Fall. Wir sprechen immer von Massenmedien und von Massenkommunikation – eigentlich meinen wir aber eine stillgestellte Masse: die isolierten Einzelnen, die vorm Fernseher sitzen. Was wir noch nicht genügend verstanden haben, ist die bewegte Masse, wie sie im 19. Jahrhundert auf die Barrikaden gegangen ist. Die Masse, in der die Menschen interagieren, damals offline auf der Straße, erlebt heute ihre Wiedergeburt online im Netz. Diese Dynamik, von Shitstorms etwa, beginnen wir gerade erst zu verstehen.

Reinemann: Die spannende Frage ist auch eine historische: Ist das Netz nun schuld an der Welle der Wut? Natürlich hat es immer Hass gegeben, den Politik oder Medien geschürt haben. Die Folgen von Hate Speech beziehungsweise Dangerous Speech lassen sich besonders dramatisch an der Rolle zeigen, die bestimmte Radiostationen beim Genozid in Ruanda gespielt haben. In den westlichen Industrienationen haben wir eine domestizierte Öffentlichkeit gehabt, in der doch lange Zeit bestimmte, relativ zivile Regeln gegolten haben. Da ist jetzt viel passiert durch die neuen Öffentlichkeiten, in denen sich Hass auf Minderheiten oder auf politische Akteure Bahn brechen.

Doch wie soll man Hate Speech begegnen? Jeder Web-Administrator kennt das Problem: Man muss Dinge aushalten, die einem nicht gefallen und gleichzeitig toben sich in den Kommentarspalten die Trolle aus.
Reinemann:
Wen definiere ich als Troll? Wenn jemand um der Provokation willen provoziert, muss ich den nicht aushalten. Es gibt Leute, die eigentlich ein psychisches Problem haben, zum Beispiel eine narzisstische Störung gepaart mit Sadismus, mit denen muss ich mich nicht argumentativ auseinandersetzen. Ich muss aber auch nicht unbedingt mit Leuten reden, die extremistische Ansichten haben und Hass verbreiten. Unser europäisches Modell von Meinungsfreiheit muss sich nicht am angelsächsischen orientieren. Wir haben da eine andere Tradition. Hier sollten die Regeln, die wir im zwischenmenschlichen Bereich befolgen, genauso im Netz gelten. Und daher ist es auch legitim, sie entsprechend durchzusetzen – notfalls mit den Mitteln des Strafrechts. Es sind also die Maßstäbe des deutschen Rechts verbindlich und nicht die, die Facebook, Twitter und Google sich setzen. Die Netzwerkbetreiber haben sich verpflichtet, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, um diese Rechtskultur durchzusetzen. Das hat nicht funktioniert.

Jetzt gibt es ein entsprechendes Gesetz gegen Hate Speech, das der alte Bundestag noch im Sommer beschlossen hat.
Reinemann:
Der große Vorteil dieses Netzwerkdurchsetzungsgesetzes ist, dass es eine Berichtspflicht gibt und dass die Kriterien offengelegt werden müssen, nach denen dort inkriminierte Posts gelöscht werden. Das heißt nicht, dass man nicht Meinungen aushalten muss. Aber wenn es um Hetze und Beleidigung geht, dann sollten dieselben Regeln offline wie online gelten.

Und da halten Sie das neue Gesetz für ein taugliches Instrument, um die Hightech-Giganten auf Kurs zu bringen?
Reinemann:
Zumindest ist es ein Versuch. Der Status quo ist: Die machen das de facto, sie haben nur ihre völlig eigenen Regeln, die keiner kennt, und sie berichten auch nicht darüber. Jetzt müssen sie die Beanstandungen offenlegen und das, was sie dagegen tun. Und es gibt eine Beschwerdeinstanz. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Neuberger: Hier stellt sich natürlich die Frage nach der Durchsetzbarkeit, weil wir es mit globalen Akteuren zu tun haben. Der Druck auf die Plattform-Betreiber ist in Deutschland aber größer als in vielen anderen Ländern. Sie müssen verstehen, dass sie eine gesellschaftliche Verantwortung haben und sich nicht länger auf die Position zurückziehen können, sie stellten nur eine technische Infrastruktur bereit. Man kann ihnen aber auch keine redaktionelle Aufgabe aufbürden und ihnen auferlegen, alles zu prüfen, was rausgeht. Es muss also einen Mittelweg geben. Was aber kann man verlangen von Plattform-Betreibern? Gibt es beispielsweise algorithmische Möglichkeiten, zulässige von unzulässigen Inhalten zu trennen, oder muss das händisch gemacht werden? Wie viel kann man denn überhaupt verarbeiten? Dafür braucht es flexible Regeln, aber vor allem Transparenz.

Reinemann: Hass und Extremismus im Netz wird man nicht durch dieses Gesetz beseitigen können, das ist klar. Also stellt sich die Frage, wie man extremistische Propaganda bekämpft, wenn sich das Netz nicht vollständig kontrollieren lässt. Deswegen sind Sensibilisierung und Prävention so wichtig. Wir müssen Jugendliche in die Lage versetzen, die Verführung zu sehen. Wir müssen sie aber auch in ihren Werten und in ihrer Identität stärken, damit sie nicht Opfer des Hasses werden. Wir untersuchen gerade intensiv, wie häufig Jugendliche mit Extremismus im Netz in Kontakt kommen und ob sie ihn als solchen erkennen.

Was gibt es denn da so auf Hass-Markt?
Reinemann:
Rechtsextremisten und Islamisten arbeiten mittlerweile mit „Wolf im Schafspelz“-Strategien. Sie versuchen, junge Leute erst einmal mit Rap-Musik beispielsweise, über coole Inhalte und eine attraktive Ästhetik zu ködern. Sie versuchen also an jugendkulturelle Phänomene anzuschließen. Die Identitäre Bewegung etwa arbeitet mit ästhetischen Versatzstücken, wie man sie aus den „Tributen von Panem“ oder aus „Game of Thrones“ kennt. Wichtig sind auch sogenannte Memes, die auf die flüchtige Wahrnehmung setzen. Sie kombinieren Text und Bild in einer Weise, die zunächst gar nicht problematisch, vielleicht sogar lustig erscheint und erst, wenn man einen Augenblick darüber nachdenkt, die Frage aufwirft, was für ein Weltbild und was für eine Sicht auf Demokratie dahinterstecken. Erst dann zeigen sie versteckte Hass-Botschaften oder verkappte Gewaltaufrufe. Nur ein Beispiel, das wir verwenden, wenn wir Tests mit Schülern machen. Da setzen wir neben Bilder von Kim Jong Un und Angela Merkel den Claim: „Wenn Du aller deiner Rechte beraubt bist, dann lebst Du in Nordkorea oder in Deutschland“. Und dazu einen verklausulierten Gewaltaufruf wie: „Es reicht uns jetzt, wir wehren uns jetzt mit allen Mitteln“. Solche Sachen findet man ziemlich häufig im Netz, und das ist schnell mal weitergeleitet. Nicht unwichtig, wenn man weiß, dass die wichtigste Nachrichtenquelle für Jugendliche die Nachrichten sind, die ihnen Freunde weiterleiten.

Neuberger: Mit Aufklärung ließe sich diesen Lock-Strategien viel an Wirkungskraft nehmen, auch eine intensive Berichterstattung in den Medien spielt eine wichtige Rolle. Das hat sich in der Vergangenheit gezeigt, als es etwa um Privacy-Fragen ging, also die Debatte darüber, was man so alles von sich in den sozialen Netzwerken preisgibt. In der Folge sind die Sensibilität und auch die Medienkompetenz unter Jugendlichen erkennbar gestiegen. Wichtig ist auch, Kontexte im Internet zu schaffen, in denen zivilisiert diskutiert werden kann. Da sind die Möglichkeiten bei Weitem nicht ausgeschöpft, die sich zwischen der Ein-Weg-Kommunikation der Massenmedien und den wilden Zonen des Netzes bieten. Man könnte zum Beispiel Foren schaffen, in denen eine größere Zahl von Leuten vorausgewählt mitmacht. In solchen Deliberative Polls können 100 oder 200 Personen, ein Querschnitt der Bevölkerung, über längere Zeiträume hinweg strukturiert gesellschaftlich relevante Fragen mit Experten diskutieren. Damit würden die Teilnahmemöglichkeiten des Internets sehr viel besser ausgeschöpft als im Moment.

Aber die Basis der sozialen Medien ist nun mal Emotionalisierung, vor allen Dingen bei Facebook. Gehört es nicht zum Geschäftsmodell der sozialen Medien, Wut zu triggern? Weil sie damit die Aufmerksamkeit bekommen, die sie brauchen, um Werbung zu verkaufen?
Reinemann:
Auf jeden Fall! Und es gibt auch genug klassische Medien, die in den sozialen Netzwerken entsprechende Strategien fahren und etwa die Überschriften krass zuspitzen, anders als auf der Website. Focus Online ist dafür ein bekanntes Beispiel.

Neuberger: Es geht schlicht um Aufmerksamkeit, egal, wie sie produziert wird. Deshalb ist die ganze Palette der schönen und unschönen Dinge durchaus im Geschäftsinteresse der Plattform-Betreiber. Und manche Redaktion unterwirft sich dieser Logik und versucht per Suchmaschinenoptimierung, entsprechend geliftete Schlagzeilen im Ranking von Google nach oben zu bringen. Das deformiert natürlich den Journalismus und beeinträchtigt seine Qualität. Ich sehe es mit einiger Sorge, wenn sich die Redaktionen in Deutschland stark in den sozialen Medien engagieren. Es mag angesichts ihrer ökonomischen Lage verständlich sein, aber die Unternehmen begeben sich auf fremde Plattformen, bei denen andere die Hausordnung aufstellen. Da fällt mein Blick auf die Öffentlich-Rechtlichen, die ja genügend Mittel hätten, das im eigenen Haus zu machen. Aber funk.net, dieses spezielle, jährlich 40 Millionen Euro schwere Jugendangebot von ARD und ZDF arbeitet quasi unter einer Tarnkappe. Man gibt sich nicht als „öffentlich-rechtlich“ zu erkennen, weil das vielleicht allergische Reaktionen bei den jungen Leuten auslösen könnte. Deswegen versucht man, über Instagram und YouTube an sie heranzukommen, mit dem Kalkül, dass die junge Zielgruppe ohnehin dort ist. Das ist ein wenig auch eine Kapitulation.

Reinemann: Letztendlich läuft es immer auf die Frage hinaus: Wollen wir uns als Gesellschaft einen Bereich im Mediensystem leisten, der nicht abhängig ist von einer ökonomischen Logik? Der nicht, trotz aller Einflüsse, die die Politik hat, im engeren Sinne Staatsrundfunk oder Parteirundfunk ist? Eine extrem wichtige Frage, wie uns die Geschichte und der Blick in andere Länder lehrt. Und wozu die Aufmerksamkeitslogik der sozialen Medien führen kann, haben wir erst wieder im Anschluss an das Attentat in Las Vegas Anfang Oktober gesehen. Da haben sich hinterher die Netzwerkbetreiber offensiv dafür entschuldigt, was auf ihren Netzwerken eigentlich so an Hass und Falschnachrichten zu finden ist.

Neuberger: Das Internet ist ein großes Laboratorium, in dem alles denkbar geworden ist. Was also wollen wir mit diesem Medium, das uns keine Grenzen setzt? Und wie können wir die richtigen Instrumente finden, es sinnvoll zu gestalten? Einer überschaubaren Zahl von Verlagen und Rundfunkanbietern rechtliche Vorschriften zu machen – diese Strategie, die auf das System der traditionellen Medien passte, funktioniert nicht mehr. Aber ich bin sicher, es gibt eine Vielfalt von weiteren Steuerungsmöglichkeiten –Selbstregulierung, Co-Regulierung oder die Förderung der Kompetenz – mit einem Medium umzugehen, das uns alle immer mehr von Rezipienten zu Kommunikatoren macht.

Reinemann: Und was den Umgang mit Wut und Hass angeht: Da spiegeln uns die sozialen Medien womöglich gesellschaftliche Wirklichkeiten in einer bisher ungewohnten Klarheit – was es uns möglich machen sollte, die Ursachen offensiver anzugehen.

neuberger_130_webProf. Dr. Christoph Neuberger ist seit 2011 Lehrstuhlinhaber am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU. Neuberger, Jahrgang 1964, habilitierte sich 2001 mit einer Arbeit über den „Journalismus im Internet“ und lehrte in Eichstätt und Leipzig, bevor er 2002 auf eine Professur für Kommunikationswissenschaft an der Universität Münster berufen wurde.

Professor Carsten ReinemannProf. Dr. Carsten Reinemann ist Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt politische Kommunikation an der LMU. Reinemann, Jahrgang 1971, studierte Publizistik, Politik und Psychologie an der Universität Mainz, wo er auch promoviert wurde und sich habilitierte, bevor 2008 an die LMU berufen wurde.

Das Gespräch ist der aktuellen Ausgabe des LMU-Forschungsmagazins Einsichten entnommen. Sie hat das Schwerpunktthema „Wo Wut regiert“.