Ludwig-Maximilians-Universität München
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Archäologie

Rätsel von Zeit und Raum

München, 09.02.2018

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Seite 2: Vom Großen zum Kleinen
Am Gird-i Shamlu untersucht Simone Mühl ausgehend von den Erkenntnissen, die sie mithilfe der Satellitenerkundung quasi aus der Vogelperspektive gewonnen hat, nun beispielhaft, wie sich die Siedlungsgeschichte der Region abgespielt haben könnte. Für Archäologen ist der Hügel ein sehr wertvoller Fundort, denn die Menschen haben ihre Siedlung damals über Generationen hinweg immer weiter nach oben gebaut. Gingen Häuser aus Lehmziegeln kaputt, wurden die Ruinen zum Fundament für neue Bauten. Mit seinen zwölf Metern Höhe auf einer Fläche von mehreren Hektar birgt der Hügel heute Informationen über einen Zeitraum von mehreren tausend Jahren. Die Funde ganz unten stammen aus dem 4. und 3. Jahrtausend vor Christus, jene aus dem obersten Bereich aus dem 1. Jahrtausend.

Die bisherigen Ausgrabungen, vor allem die gefundenen Scherben, zeigen, dass es einen Wechsel in der materiellen Kultur gab: „In einem bestimmten Zeitabschnitt wurde Keramik völlig anders hergestellt. Eigentlich war der technologische Standard, dass Keramik bei der Herstellung auf Scheiben gedreht wurde. Auf einmal wurde sie von Hand gemacht und mit Ritzen verziert. Die Verzierungen wirken, als hätten sie eine bestimmte Bedeutung. Sie erinnern an schematisierte Berge und Tiere aus der Bergwelt.“

Diese neue Art der Gefäßherstellung fällt genau in die Zeit, über die es keine textlichen Überlieferungen gibt. Die Macharten lösen sich jedoch nicht ab, sondern bestehen nebeneinander. Auffällig ist, dass die handgemachten Gefäße alle ähnlich Topfartig sind, während es von der scheibengedrehten Keramik ganze Service aus Tellern, Kannen und Schüsseln gibt. „Das könnte heißen, dass neue Esstraditionen aufgenommen wurden“, sagt Mühl und betont, wie vorsichtig man mit voreiligen Interpretationen sein müsse. Die Keramik allein reicht dafür nicht. Um heute auf einen möglichen gesellschaftlichen Wandel in der damaligen Zeit schließen zu können, müssen verschiedenste Erkenntnisse miteinander verbunden werden. „Fügt man mehrere Puzzlesteine zusammen, könnte dieser Wechsel darauf hindeuten, dass es einen tiefen Einschnitt für die Menschen damals gab, Fluchtereignisse stattgefunden haben und sich Bewohner aus der Fremde in Shamlu niedergelassen haben.“ Oft sei es eine Kombination mehrerer Faktoren – politischer, wirtschaftlicher und klimatischer –, die zu Migrationsbewegungen führten. Widerlegen konnte die Archäologin inzwischen die ursprüngliche These, wonach die Menschen in der Shahrizor-Ebene zur damaligen Zeit als Nomaden lebten. Sie bauten vielmehr massive Lehmziegelhäuser, die mit Schilfmatten ausgelegt worden waren, und betrieben Ackerbau.

Die sicherheitspolitische Lage immer im Blick
Ihre weiträumige Landschaftsuntersuchung zeigten, dass es in der Shahrizor-Ebene viele Siedlungsreste aus diesem Zeitabschnitt gibt, mit denen die Funde in Shamlu verglichen werden können. Aber in der weiteren Umgebung ist dies nicht der Fall. „Meine Vermutung ist, dass man jenseits der Grenze in den iranischen Gebirgstälern suchen müsste.“ Doch diese Region ist archäologisch kaum erforscht. Auch die Shahrizor-Ebene war für Archäologen lange „terra incognita“, wie Simone Mühl sagt. „Aufgrund der politischen Wirren in der Region war es nicht möglich, dort zu forschen.“ Selbst heute ist es nicht selbstverständlich, sie muss sich laufend über die sicherheitspolitische Lage in Kurdistan informieren, um zu entscheiden, ob eine Feldarbeit überhaupt realisierbar ist – „auch um die Sicherheit der Studierenden zu gewährleisten.“

Vor zwei Jahren, als der IS ins irakische Mossul eingefallen ist, hat die Archäologin aufgrund ihrer persönlichen und beruflichen Kontakte früh von den darauffolgenden kulturellen Zerstörungen durch die Truppen erfahren. Sie hat damals einen Verein gegründet, der sich noch heute für den Kulturgutschutz im Irak einsetzt. „Ich sehe mich persönlich in einer Verantwortung auch gegenüber den Menschen vor Ort, die mich in meiner Forschung unterstützen und mit mir arbeiten.“ Dieses Gefühl der Verbundenheit mag auch der Gastfreundschaft entspringen, die Simone Mühl immer entgegengebracht wurde und von der man „in Deutschland viel lernen könne“. Es ist ein Entgegenkommen, auf das die junge Archäologin bei ihrer Feldarbeit angewiesen ist, um weitere Puzzlesteine sammeln und etwas Licht in das Rätsel zu bringen zu können, was im 3. Jahrtausend vor Christus in der Shahrizor-Ebene passiert sein mag.

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Unter Leitung des Instituts für Vorderasiatische Archäologie der LMU findet vom 3. Bis 7. April 2018 der archäologischen Fachkongress „11th International Congress on the Archaeology of the Ancient Near East (ICAANE)“ statt. Neben den fachbezogenen Vorträgen wird es am 5. April eine Podiumsdiskussion über Cultural Heritage und die aktuelle Situation im Nahen Osten geben.