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Fake News

„Anfällig für unsinnige Behauptungen“

München, 24.02.2017

Bis zu 20 Prozent der Bevölkerung informieren sich nicht über das aktuelle Geschehen. Sie sind nicht nur empfänglich für Falschmeldungen und populistische Versprechen – diese Haltung ist auch eine Gefahr für die Gesellschaft, sagt LMU-Kommunikationswissenschaftler Carsten Reinemann.

Grafik: DOC RABE Media / fotolia.com

Alle reden über Fake News – was macht sie so relevant?
Carsten Reinemann: Der Begriff wird momentan vor allem verwendet für Falschmeldungen, die im Internet, insbesondere in den sozialen Medien, kursieren, aber auch von politischen Akteuren herrühren, die falsche Behauptungen aufstellen. Natürlich ist es schon immer so gewesen, dass auch in Demokratien nicht alles offen gesagt oder auch gelogen wurde. Aber dass sich ein Politiker hinstellt, Fakten leugnet und bereits widerlegte Behauptungen wiederholt – das ist neu. Im Kern geht es bei Fake News um die Frage: Welche Vorstellung von Wirklichkeit haben wir eigentlich? Es gibt eine Vielzahl verschiedener, teils irriger Wahrnehmungen davon, wie es in einer Gesellschaft aussieht. Fake News, die zu einem bestimmten Bild passen, können da besonders wirkmächtig sein. Wenn ich jedoch als politischer Akteur falsche Behauptungen aufstelle, treffe ich am Ende Entscheidungen, die keine sachliche Basis haben. Wohin es führt, wenn Maßnahmen für Probleme ergriffen werden, die nur in der Vorstellung vorhanden sind, sieht man gerade in den USA beim Dekret zum Einreisestopp.

Aber es lässt sich wohl schlecht eine „richtige“ Auffassung von Wirklichkeit verordnen?
Reinemann: Natürlich steht dahinter die Frage: Gibt es so etwas wie Wahrheit? Darüber kann man eine lange erkenntnistheoretische Diskussion führen, aber eine Demokratie ist auf ein Mindestmaß an Konsens darüber angewiesen, was in der Realität passiert. Wenn eine Gesellschaft sich nicht einmal mehr darüber einigen kann, ob die Kriminalität steigt oder sinkt, wird es schwierig. Denn dann geht es nicht mehr um die Frage: Wie löse ich etwas? Sondern: Was ist überhaupt das Problem? Die aktuelle Situation in den USA hat viel mit der politischen Polarisierung der Gesellschaft zu tun, bei der sich jede Seite in ihren eigenen Informationsräumen bewegt. Das hat durch das Internet zugenommen, da sich in den sozialen Medien sogenannte Echokammern entwickeln, in denen einem nur die Informationen widergespiegelt werden, die man ohnehin schon für wahr hält. Aber auch politisch sehr einseitige TV- und Radiosender sind hierfür verantwortlich.

Welche Rolle spielen denn die sozialen Medien beim Hype um Fake News?
Reinemann: Über die sozialen Netzwerke, die keinerlei redaktioneller Kontrolle unterliegen, können sich Falschinformationen blitzartig verbreiten. Früher übernahmen die etablierten Medien eine Filterfunktion, bevor etwas an die breite Öffentlichkeit gelangte. Es ist eine fundamentale Veränderung, dass heute der normale Nutzer Teil der Nachrichtenverbreitung geworden ist. Zudem sind im Internet die sogenannten „Alternativmedien“ entstanden, die es mit der Wahrheit zum Teil nicht genau nehmen – ein Phänomen, das sich zunächst in den USA entwickelt hat, das wir aber auch in Deutschland sehen mit Webseiten wie Politically Incorrect oder Kanälen, die aus dem Ausland finanziert werden wie Russia Today und Sputnik. Manche dieser Medien verbreiten sehr einseitige Positionen bis hin zur Grenze des Extremismus und halten sich kaum an journalistische Standards. Erste Befunde zeigen, dass es eine relevant große Gruppe von Menschen gibt, die sich hier informieren. Diese Medien sind ein Weg, auf dem extreme oder unbelegte Behauptungen stärker in den öffentlichen Diskurs diffundieren. Allerdings gibt es hierzu bislang kaum systematische Forschung.

Qualitätsmedien bemühen sich zunehmend, über Fake News aufzuklären, zugleich gibt es den Vorwurf der Lügenpresse: Woran liegt das?
Reinemann: Diese Lügenpresse-Behauptung ist ein schönes Beispiel für eine Diskussion, die sich verselbstständigt und von Fakten gelöst hat. Hier wurden Befunde zum Vertrauen in die Medien als Indikator hergenommen, dabei wurde aber übersehen, dass es in den letzten 20 Jahren in der Bevölkerung insgesamt überhaupt nicht abgenommen hat. Auch wenn man nach einzelnen Medien, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder der Tagespresse fragt, ist das Vertrauen immer noch sehr hoch. Richtig ist aber, dass es gleichzeitig eine nicht zu kleine Gruppe von 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung gibt, die überhaupt kein Vertrauen in die etablierten Medien hat. Vor diesem Hintergrund ist es gut, wenn Medien sich wieder zurückbesinnen auf ihre vordringliche Aufgabe: geprüfte Informationen zur Verfügung zu stellen. Man hat vonseiten der Qualitätsmedien lange gedacht: Die Infos kriegt irgendwie jeder im Internet und wir liefern die Interpretation und Einordnung. Aber jetzt setzt die Erkenntnis ein, dass man eben nicht davon ausgehen kann, dass die Fakten klar sind. Deswegen ist der stärkere Fokus darauf eine gute Entwicklung. Das heißt aber nicht, dass man die Menschen erreicht, die sich vom aktuellen Geschehen abgekoppelt haben.

Was meinen Sie mit „abgekoppelt“?
Reinemann: Das ist ein weiterer Trend, den wir in den letzten 15, 20 Jahren sehen – nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen europäischen Ländern: Es gibt einen größeren Teil der Bevölkerung, der sich nicht mehr kontinuierlich in etablierten Nachrichtenmedien über die aktuelle Lage informiert. Diese Menschen können neue Informationen – wenn sie denn auf sie treffen – vermutlich oftmals nicht richtig einordnen, weil sie nicht auf ein ständig aktualisiertes Wissen über das zurückgreifen können, was eigentlich los ist in der Welt. Das trägt dazu bei, dass Fake News und irreführende Behauptungen auf fruchtbaren Boden fallen. Soziodemographisch lässt sich diese Gruppe einschränken: Es sind eher weniger Gebildete und weniger Vermögende, die sich aus der aktuellen Information herausziehen. Wenn man dann noch im Hinterkopf hat, dass das genau diejenige Gruppe ist, bei der in den letzten 20 Jahren die Wahlbeteiligung eingebrochen ist, sieht man, dass das tatsächlich ein Problem ist.

Neben dem Vorwurf der „Lügen-Presse“ gibt es auch den Vorwurf der „Lügen-wissenschaften“ – hängt das miteinander zusammen?
Reinemann: Wenn man den Bogen weiter spannt, lässt sich eine Entwicklung beobachten, in der insgesamt Institutionen stärker in Frage gestellt werden. Das kann man als Ergebnis von Modernisierungsprozessen betrachten und man kann es auch positiv sehen, wenn Menschen weniger autoritätshörig sind und Institutionen kritisch hinterfragen. Das wird jedoch dann zum Problem, wenn der Einzelne beginnt, sich zur alleinigen epistemischen Autorität zu machen. Wenn nicht mehr Expertise und das Verwenden bestimmter Methoden Kriterium dafür sind, was man für wahr und richtig hält, sondern das eigene Empfinden. Es gibt die These, dass die Kritik an Autoritäten auch dazu führt, dass eine Art von Verschwörungsdenken einsetzt: Alles, was die Mächtigen machen, diene im Prinzip dazu zu manipulieren. Tatsächlich ist dieses Denken unter denselben Gruppen verbreitet, die dem Lügenpresse-Vorwurf anhängen. Sie haben zum Beispiel den Eindruck, dass die politischen Akteure gar nicht diejenigen sind, die entscheiden, sondern, dass ein kleiner Kreis von Leuten die Geschicke des Landes bestimmt und man als Bürger keinen Einfluss hätte. Das ist kein Denken, das in der Breite der Bevölkerung herrscht, aber es gibt es und es ist vielleicht durch das Netz stärker sichtbar und findet dort Anknüpfungspunkte. Von daher wird im Moment vielleicht auch erst einer breiten Öffentlichkeit bewusst, was es da an Subkulturen gibt.

Diese Meinungen sind also nur sichtbarer geworden, nicht unbedingt stärker verbreitet?
Reinemann: In Deutschland steht eine große Gruppe der Bevölkerung auf dem Boden des Grundgesetzes und hat großes Vertrauen in die Institutionen, das unter Umständen sogar gewachsen ist. Aber tatsächlich gibt es kleinere Gruppen, die sich in entgegengesetzte Richtung bewegen. Es gab schon immer einen bestimmten Prozentsatz von Menschen in Deutschland, die ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild haben. Das ist sogar eher leicht rückläufig. Aber all diese extremen Ansichten haben jetzt im Internet ein Forum, das sie vorher nie hatten. Sie erreichen eine Öffentlichkeit, können in Diskurse eingreifen, auch verdeckt in sozialen Netzwerken, und das kann eine Dynamik entwickeln, die vielleicht dazu führt, dass dieses Denken stärker Anklang findet. Diejenigen, die eine solche Einstellung haben, erhalten jetzt eine positive Resonanz und sehen sich eher zum Handeln und einer lauteren und offensiveren Strategie motiviert. Wenn man diese Prozentzahlen umrechnet – bei rechtsextremen Einstellungen zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung – kann das ordentlich laut werden. In Deutschland neigen wir, anders als in den USA, vielleicht dazu, einen Diskurs zu verhindern. Das Bewusstsein dafür, wie viele extreme Meinungen es gibt, kann aber unter Umständen auch die Selbstverteidigungskräfte einer liberalen demokratischen Gesellschaft wecken.

Was ist vor diesem Hintergrund der richtige Umgang mit Fake News?
Reinemann: Die Schlussfolgerung, da müsse Demokratiebildung her und Medienkompetenz, ist sicherlich nicht falsch. Aber man darf nicht vergessen, dass es Faktoren gibt, die dazu beitragen, dass jemand eine extremistische Einstellung hat oder populistische Parteien wählt, um damit Protest und Widerstand zu signalisieren: Erfahrungen von Isolation und Misserfolg oder der Eindruck, abgehängt zu sein, sind starke Prädikatoren für Radikalisierung. Die Frage ist dann eher: Wie schafft es eine Gesellschaft all ihren Mitgliedern unabhängig von ihrer Bildung, ihrem Einkommen und Status das Gefühl zu vermitteln, dass sie dazugehören?

 

Professor Carsten ReinemannCarsten Reinemann ist Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt: politische Kommunikation am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU.