Ludwig-Maximilians-Universität München
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Stammesgeschichte

Abschied vom Aas

München, 13.03.2017

Von Aasfressern zu Parasiten: LMU-Wissenschaftler rekonstruieren an einem 168 Millionen Jahre alten Fossil wichtige Details in der Entwicklungsgeschichte der Asseln.

Micro-Computertomographie einer fossilen Assel, ganzes Tier und Kopf. Bild: C. Nagler, LMU

Asseln stellen eine Tiergruppe innerhalb der Krebse dar, deren zahlreiche Vertreter unterschiedliche Ernährungsstrategien und Lebensstile abdecken: In einer bestimmten Asselgruppe, Cymothoida, reicht das Spektrum von frei lebenden Aasfressern bis hin zu obligaten Parasiten, die ohne ihren Wirt nicht lebensfähig sind. Die LMU-Biologen Christina Nagler und Joachim Haug konnten nun mithilfe der ältesten fossilen parasitischen Assel, die bisher gefunden wurde, erstmals die Evolution des Parasitismus dieser Gruppe detailliert rekonstruieren. Über ihre Ergebnisse berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin BMC Evolutionary Biology.

Für ihre Studien untersuchten die Wissenschaftler zwei ungewöhnlich gut dreidimensional erhaltene, 168 Millionen Jahre alte Fossilien aus dem Besitz der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns. Die versteinerten Asseln gehören zu einer Gattung, die im Jura (vor 145 bis 200 Millionen Jahren) weit verbreitet war, deren Lebensstil und stammesgeschichtliche Einordnung aber noch nicht geklärt werden konnten, da bei den bisher untersuchten Fossilien wichtige Merkmale nicht erhalten waren. „Mit modernen bildgebenden Verfahren, vor allem der Micro-Computertomographie, konnten wir nun erstmals morphologische Details der Mundwerkzeuge und Rumpfbeine sichtbar machen“, sagt Nagler.

Dabei zeigte sich, dass die Fossilien einige Merkmale aufweisen, die auch für moderne parasitische Asseln typisch sind: Ihre Mundwerkzeuge haben eine saugend-stechende Morphologie und an den Enden der Beine befinden sich deutlich ausgeprägte, gekrümmte Haken, mit denen sich wohl bereits die fossilen Asseln an einem Wirt festhielten. Zusätzlich haben die fossilen Tiere einige Merkmale mit heutigen Asseln gemeinsam, wobei letztere nur in der Juvenil-Phase parasitisch sind, als adulte Tiere aber nicht mehr fressen. „Dieses Ergebnis weist darauf hin, dass sich die Morphologie der Mundwerkzeuge und der Extremitäten im Verlauf der Evolution schrittweise an eine parasitische Lebensweise angepasst hat“, sagt Nagler. Dementsprechend ist nach Überzeugung der Wissenschaftler der Parasitismus innerhalb der Asseln nur einmal entstanden: Der Übergang vom Aasfresser zum obligaten Parasiten fand schrittweise statt, wobei räuberische und nur zeitweise parasitische Lebensweisen (wie bei einer Stechmücke) die Zwischenschritte bilden.
BMC Evolutionary Biology