Ludwig-Maximilians-Universität München
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Antikes Ägypten

Von Eroberern zu Nachbarn

München, 20.07.2017

Der Stein-Uschebti nennt den Namen des Besitzers des Grabes. Es handelt sich um den Goldschmiedemeister Chnummose. (Foto Julia Budka)

Seite 2: Grab des Goldschmiedemeisters Chnummose
Die bisherigen Funde zeigen, dass sich die höheren Bevölkerungsschichten in Sai offenbar sehr rasch ägyptisiert haben und nicht von „echten“ Ägyptern zu unterscheiden sind. „Sie haben zum Beispiel ägyptisches Grabbrauchtum angenommen und den ägyptischen König sowie ägyptische Götter verehrt“. Auf Sai gibt es neben der groß angelegten Siedlung auch Friedhöfe. Die frühesten Bestattungen gehen auf die Zeit von Thutmosis III zurück. Hier hat Julia Budka mit ihren Mitarbeitern im Jahr 2014 ein zuvor unbekanntes Grab mit mehreren Räumen entdeckt, in dem mindestens 25 Personen bestattet waren. In diesem Jahr konnte sie die Überreste von 15 Erwachsenen und mehreren Kindern identifizieren. Einige wurden in Holzsärgen bestattet, die aber nicht mehr erhalten sind, da das Grab zwischenzeitlich überflutet gewesen sein muss. Nur noch Bruchstücke zeugen von der einstigen blau-gelben Bemalung. Ein sogenannter Uschebti aus Stein ist mit dem Namen des Bestatteten versehen. Demnach handelt es sich um den Goldschmiedemeister Chnummose und damit um Personen einer Familie, die mit der wesentlichen Funktion der Stadt, dem Goldabbau, zu tun hatte.

Julia Budka interessiert nun, ob die Personen lokal geboren wurden oder zugewandert waren. Sie nimmt an, dass die ägyptischen Beamten, die auf Sai ab der dritten Generation der Besiedelung etwas zu sagen hatten, zumindest teilweise in Nubien geboren wurden. Aber hatten sie ägyptische Eltern, waren also Sprösslinge der Beamten aus Ägypten oder stammten sie von lokalen Fürsten ab, die zurückgingen auf die Zeit vor dem Neuen Reich? Beantworten lassen sich solche Fragen inzwischen mithilfe naturwissenschaftlicher Analysen von Strontium-Isotopen, die sich in Zähnen und Knochen messen lassen. Darüber hinaus wäre die DNA des Skelettmaterials für Verwandtschaftsverhältnisse sehr aussagekräftig. Momentan wartet Julia Budka hier noch auf die Ergebnisse der Analysen, die am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena vorgenommen werden.

Bei den Ausgrabungen hat Julia Budka zudem ein Pyramidion gefunden, einen steinernen Abschlussstein für eine kleine Lehmziegelpyramide. Er verweist auf einen der höchsten Beamten Nubiens unter dem ägyptischen König Ramses II mit dem Namen Hornacht. Es gibt auch mehrere Türpfosten in Sai, die Hornacht und seine Frau nennen. „Bislang war die Standardmeinung, dass zurzeit Ramses II, also etwa 300 Jahre nach der Stadtgründung, alle wichtigen Bewohner in der neuen ägyptischen Siedlung Amara West waren. Wir können nun belegen, dass Hornacht seine Residenz auf Sai hatte und hier auch bestattet worden sein muss.“ Julia Budka nimmt zudem an, dass Hornacht auf Sai geboren wurde und seine Familie, obwohl sie zur lokalen Bevölkerung gehörte, wichtige Positionen in der ägyptischen Verwaltung innehatte.

Ihre Funde und Erkenntnisse weisen darauf hin, dass die Siedlung zwei Generationen länger besiedelt war als bislang angenommen: von 1500 bis 1200 vor Christus. „Bis zum Ende der 18. Dynastie der ägyptischen Könige war Sai wichtig. Dann hat der ägyptische Staat immer mehr aufgegeben, in die Stadt zu investieren und die Siedlung Amara West gegründet, wo sich von da an das meiste abgespielt hat. Wir können aber jetzt sagen, dass sich die Besiedlung der beiden Orte zeitlich überlappt haben muss. Einige Familien sind offenbar auf Sai geblieben.“ Warum sich die ägyptischen Herrscher entschieden, Sai aufzugeben, ist noch offen. „Es muss einen bestimmten Auslöser gegeben haben. Denn Amara West – das zeigt sich dank der Arbeiten unserer britischen Kollegen immer mehr – war denkbar ungünstig gelegen und ist relativ schnell wieder aufgegeben worden. Es war wirklich nicht einfach dort zu wohnen, die Menschen haben unter anderem sehr unter dem Nordwind gelitten.“ Julia Budka nimmt an, dass es politische Hintergründe gegeben haben muss. Auch die Umweltbedingungen könnten eine Rolle gespielt haben. „Der Nilverlauf scheint sich leicht geändert zu haben“. Warum Sai aufgegeben wurde, scheint nach ihren Projektergebnissen noch mysteriöser. „Am Anfang war Sai den Ägyptern absolut fremd. Aber sie haben es sich peu à peu sehr nett gemacht. Am Ende der 18. Dynastie hatten die Menschen auf Sai einen sehr guten Lebensstandard, vergleichbar dem in Ägypten.“ Bevor sie die Siedlung wieder aufgaben, hatten sie es offenbar geschafft, sich die Fremde zur Heimat zu machen.

 

Tagung: From Microcosm to Macrocosm: Individual households and cities in Ancient Egypt and Nubia“

Vom 1. bis zum 3. September veranstaltet Julia Budka die Abschlusskonferenz ihres Projekts „Across Borders“ zur ägyptischen Siedlungsgeschichte in Nubien im Neuen Reich. Zu den Vortragenden zählen der Archäologe Charles Bonnet (Universität Genf), der über städtische Architektur in Nubien/Kerma im Neuen Reich referiert, sowie Neal Spencer (British Museum), der von seinen Ausgrabungen der Siedlung Amara West im heutigen Sudan berichtet.

Veranstaltungsort ist das Ägyptische Museum München.

An der Tagung nehmen auch Vertreter der sudanesischen Botschaft und Antikenbehörde teil, die Auskunft über die Lage für archäologische Grabungen im Sudan geben können.

Eine Anmeldung ist erwünscht und per E-Mail möglich: Julia.Budka@aegyp.fak12.uni-muenchen.de

Mehr Informationen zum ERC-Projekt: „Across ancient borders and cultures: An Egyptian microcosm in Sudan during the 2nd millennium BC“

 

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