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Mikroökonometrie

Daten neu lesen

München, 14.04.2016

Amelie Wuppermann untersucht unter anderem, ob schulpolitische Maßnahmen gesundheitliche Auswirkungen für die betroffenen Kinder und Jugendlichen haben. Nun erhält die Ökonomin als eine von fünf LMU-Forscherinnen den Therese von Bayern-Preis.

Foto: Kenishirotie / Fotolia.com

Amelie Wuppermann liest die Zeitung anders als der Durchschnittsleser. Die Juniorprofessorin für Mikroökonometrie an der Volkswirtschaftlichen Fakultät der LMU hält gezielt Ausschau nach dem wissenschaftlichen Potenzial aktueller Entwicklungen und politikrelevanter Fragestellungen. So hat ein Artikel im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ sie darauf gebracht, die regionalen Unterschiede bei der Diagnose „ADHS“ näher zu untersuchen. „Woran könnte das liegen?“, war ihre Ausgangsfrage, die sie gemeinsam mit Hannes Schwandt von der Universität Zürich und dem Versorgungsatlas, einer Einrichtung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung, untersuchte. Durch eine bundesweite Analyse vom Zentralinstitut zusammengeführter Daten der niedergelassenen Kassenärzte zu Arzneiverordnungen und Abrechnungen arbeiteten die Forscher einen für Deutschland bislang nicht bekannten Zusammenhang heraus, der ihnen ein großes Medieninteresse bescherte: Offenbar hängt es vom Einschulungstermin ab, ob ein Kind zum „ADHSler“ wird. Bei Kindern, die erst kurz vor dem Stichtag der Einschulung sechs werden, wird das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom häufiger diagnostiziert als bei ihren älteren Klassenkameraden.

Die ADHS-Studie ist ein anschauliches Beispiel für den Forschungsansatz von Amelie Wuppermann, die daran arbeitet, praktische Fragestellungen empirisch zu beantworten. Sie nutzt dafür „Quasi-Experimente“, die die Wirklichkeit schafft – etwa, wenn politische Reformen dazu führen, dass sie die Auswirkungen einer Änderung auf ansonsten vergleichbare Gruppen von anderweitigen Einflüssen trennen kann. Bei der Studie zu ADHS war das im Kern die unterschiedliche Einschulungspolitik der Bundesländer.

„Die Kombination empirischer Daten und sogenannter Quasi-Experimente gibt uns die Chance, einen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung zu identifizieren“, sagt Amelie Wuppermann. Dabei begrenzt jeder Datensatz die Möglichkeiten, eine zielführende Fragestellung zu definieren. „Man muss sich bei jeder Studie neu Gedanken darüber machen, welche Aussagen mit den jeweiligen Daten überhaupt möglich sind.“ Am Ende ist auch oft eine Interpretation nötig. So lieferten die Daten zu ADHS nicht die Antwort darauf, warum gerade die jüngeren Kinder einer Klasse häufiger diese Diagnose erhalten. Amelie Wuppermann und ihre Kollegen vermuten, dass ihr Verhalten mit jenem der älteren Klassenkameraden verglichen wird, die bereits ruhiger und aufmerksamer sind, und so womöglich zu Unrecht als ADHS interpretiert wird. „Wir schließen daraus, dass die Einschulungspolitik in Deutschland Fehldiagnosen bei der Aufmerksamkeitsdefizitstörung begünstigt.“ Ob ihr Ergebnis und die breite Medienresonanz eine Auswirkung darauf haben, wie häufig ADHS künftig diagnostiziert wird, wollen die Forscher in einer nächsten Studie verfolgen.

Die Therese von Bayern-Stiftung zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft der LMU zeichnet Amelie Wuppermann für ihre herausragenden wissenschaftlichen Leistungen aus. Als eine von fünf jungen Forscherinnen an der LMU wird ihr am 14. April der Therese von Bayern-Preis verliehen. Gewürdigt wird dabei auch die Vorbildfunktion, die die Preisträgerinnen für andere Nachwuchsforscherinnen haben.

wuppermann_130_webAmelie Wuppermann, Jahrgang 1982, studierte Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Göttingen und München. Ihr Promotionsstudium, das sie mit summa cum laude abschloss, absolvierte sie im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs „Markets, Institutions, and the Scope of Government“ an der LMU und der RAND Corporation in den USA, einem bekannten „Think Tank“. Sie arbeitete als Postdoc am Lehrstuhl für Statistik und Ökonometrie an der Universität Mainz, bevor sie zum Wintersemester 2012 als Juniorprofessorin für Mikroökonometrie an die Volkswirtschaftliche Fakultät der LMU berufen wurde. Ebenfalls 2012 wurde sie in das Programm LMUMentoring excellence aufgenommen. Von 2013 bis 2015 finanzierte der Nachwuchsförderungsfonds im Rahmen der Initiative LMUexcellent ihr Projekt „Determinants of Health Plan Choice in the German Social Health Insurance“. Darin untersuchte sie gemeinsam mit Sebastian Bauhoff vom Center for Global Development, welchen Einfluss die Anzahl verschiedener Krankenkassentarife darauf hat, ob es Versicherten gelingt, das für sie günstigste Angebot zu wählen. Wie sie herausgefunden hat, ist das umso schwieriger, je mehr Auswahl es gibt. „Die Wahlmöglichkeiten zu vereinfachen, würde den Verbrauchern Geld sparen und die Funktion des Gesundheitswesens verbessern“, lautete ihr Fazit. Auf ein ähnliches Ergebnis kam Wuppermann hinsichtlich der Gesundheitsreform von US-Präsident Barack Obama, was in amerikanischen Medien für Schlagzeilen sorgte: Es fehle der Bevölkerung, insbesondere Menschen aus den unteren Einkommensschichten, an die sich das Angebot richtet, an ausreichendem Wissen, um das neue Krankenversicherungssystem sinnvoll zu nutzen.

Bildung und die Gesundheit von Kindern sowie Themen des Gesundheitswesens, etwa Krankenversicherungstarife, sind die Schwerpunktthemen von Amelie Wuppermann. Anhand von Daten der internationalen Schulleistungstests TIMSS aus den USA hat sie untersucht, welche Auswirkungen die Lehrmethoden auf die Kenntnisse der Kinder und Jugendlichen haben. „Schülerinnen und Schüler, deren Lehrer frontal unterrichte, schnitten in Mathematik besser ab. Der traditionelle Unterricht ist also nicht unbedingt so schlecht wie behauptet“, sagt Wuppermann. Allerdings verweist sie auch auf die Grenzen dieser Untersuchung, denn so könnte es ja zum Beispiel sein, dass gerade die besonders guten Lehrkräfte frontal unterrichteten. Die FAZ am Sonntag titelte angesichts der Studie jedenfalls „Frontalunterricht macht klug.“

Die Verleihung des Therese von Bayern-Preises ist für Amelie Wuppermann auch ein Zeichen der Ermutigung. „Eine Auszeichnung wie der Therese von Bayern-Preis ist Bestätigung und Ansporn zugleich.“ Neben der akademischen Exzellenz achtet die Therese von Bayern-Stiftung bei der Auswahl der Preisträgerinnen darauf, wie die Wissenschaftlerinnen ihren Karriereweg mit der Familienplanung in Einklang bringen. Amelie Wuppermann hat im vergangenen Sommer ihr erstes Kind bekommen und ist momentan für zwei Semester in Elternzeit. „Wissenschaftler können zeitlich und örtlich flexibel arbeiten. Das ist im Vergleich zu anderen Berufen ein großer Vorteil. Aber natürlich ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch an der Universität eine enorme Herausforderung. Ich bin deshalb froh, dass es an der LMU hervorragende Krippen und Tageseinrichtungen gibt, die eine für junge Familien heute besonders wichtige Infrastruktur schaffen.“ Jungen Wissenschaftlerinnen rät Wuppermann, die auch Vertrauensdozentin der Studienstiftung des deutschen Volkes ist und sich in der Doktorandenbetreuung engagiert, sich ein Thema zu suchen, das sie fasziniert, und sich nicht entmutigen zu lassen: „Eine Karriere in der Wissenschaft ist ein großes Ziel, für das es sich lohnt, sich jeden Tag aufs Neue anzustrengen.“

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