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Zum UN-Weltkindertag

Psychischen Störungen frühzeitig begegnen

München, 18.11.2016

Kindern Halt geben: Ein Interview mit LMU-Professorin Corinna Reck von der „Psychotherapeutischen Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche“ über das Ausmaß psychischer Erkrankungen bei Kindern, darüber, wer besonders gefährdet ist und wie sich vorbeugen lässt.

Foto: Tomsickova / fotolia.com

Wie steht es um die psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen in Deutschland?
Professorin Corinna Reck:
Der „KiGGS-Langzeitstudie“ des Robert Kochs-Instituts zur gesundheitlichen Lage der Kinder und Jugendlichen in Deutschland zufolge leiden 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen an klinisch bedeutsamen psychischen Problemen. Diese Rate ist seit Jahren stabil, wie Studien zeigen. Doch bei den Depressionen im Jugendalter lässt sich ein Anstieg beobachten. Nach Einschätzung der „DAK-Gesundheit“ hat sich innerhalb von acht Jahren die Zahl der stationären Behandlungen bei Patienten zwischen zehn und 20 Jahren bundesweit auf 12.567 Fälle verdreifacht. Allerdings könnte dieser beobachtete Anstieg der Depressionsraten im Jugendalter eher die zunehmende Enttabuisierung psychischer Störungen in der Gesellschaft widerspiegeln. Es kommen heute mehr Kinder und Jugendliche in Behandlung. Das muss nicht unbedingt heißen, dass es mehr Betroffene gibt.

Wie kann man einer psychischen Erkrankung vorbeugen?
Die beste Prävention gegen eine psychische Störung ist, dass Eltern für ihre Kinder da sind, ihnen Halt und Sicherheit geben sowie das Selbstwertgefühl ihrer Kinder schon früh fördern: Damit Kinder merken, dass Eltern gerne Zeit mit ihnen verbringen. Und durch feste Regeln. Auch Lob ist wichtig. Gleichzeitig hilft es, die sportlichen und kreativen Fähigkeiten zu fördern, damit das Kind Erfolgserlebnisse hat.

Mütter und Väter haben zumeist ein intuitives Wissen über entwicklungsförderndes Verhalten. Sie müssen nicht neu lernen, wie sie mit ihren Kindern am besten interagieren sollten. Oft geht es nur darum, sich Zeit zu nehmen, sich auf die Kinder einzulassen und eine spielerische Freude an dem Kontakt mit dem Kind zu entwickeln. Wir sehen in unseren Studien, dass das gemeinsame Erleben von positiven Situationen und Affekten zentral für die kindliche Entwicklung ist. Körper- und Blickkontakt, die frühe Interaktionen zwischen Eltern und ihren Kindern und der Ausdruck von positiven Gefühlen sind für die psychische Gesundheit zentral.

Was bedeutet es für Kinder, wenn ihre Eltern psychisch krank sind?
Internationalen Studien zufolge erkranken circa 50 Prozent aller Menschen irgendwann im Laufe ihres Lebens an einer psychischen Störung. Dies bedeutet, dass ein bedeutsamer Anteil der Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil aufwächst und dabei ein deutlich erhöhtes Risiko aufweisen selbst zu erkranken. Im Bereich der Angststörungen und Depressionen ist es um bis zu 50 Prozent erhöht. Für betroffene Eltern ist der erste Schritt, sich selbst psychotherapeutisch behandeln zu lassen. Das ist zum Beispiel bei Müttern mit Angsterkrankungen oder Phobien wichtig, die aus Angst vermeiden, das Haus zu verlassen, mit unbekannten Personen zu interagieren, auf den Spielplatz zu gehen oder öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Wir wissen, dass Kinder solch spezifische mütterliche Ängste sehr schnell übernehmen. Studien zeigen jedoch auch einen bedeutsamen Einfluss väterlicher psychischer Störungen auf die kindliche Entwicklung. Ein weiterer Schritt ist es, dem Kind die eigene Situation zu erklären. Eine Mutter mit einer Phobie könnte etwa sagen: „Die Mama ist da ein bisschen ‚komisch‘. Aber es ist nicht gefährlich mit dem Aufzug oder Zug zu fahren – fahr‘ du ruhig mit.“ So erhalten die Kinder ein realistisches Bild von den Gefahren in der Umwelt.

Wir konnten in unseren Studien zudem zeigen, dass zumeist nicht die psychische Störung der Eltern an sich für den weiteren Entwicklungsverlauf ein Risiko darstellt, sondern wenig feinfühlige Interaktionen mit den Kindern. Unsere Forschungsbefunde zeigen zum Beispiel, dass Kinder, deren Mütter in den ersten Monaten wenig „Babytalk“ und positiven Affektausdruck zeigen bedeutsam geringere, kognitive Entwicklungswerte aufweisen. Zudem können ausgeprägtes Vermeidungs- und Rückzugsverhalten oder ein harscher Erziehungsstil die Entwicklung langfristig deutlich beeinträchtigen.

In der psychotherapeutischen Hochschulambulanz der LMU behandeln Sie auch viele Kinder unter drei Jahren: Mit welchen Problemen kämpfen besonders Babys und Kleinkinder?
Hier geht es zum einen um die sogenannten Regulationsstörungen. Sie haben zum Beispiel Schwierigkeiten zu schlafen oder zu essen und schreien übermäßig häufig. Hier ist eine videobasierte Eltern-Kind-Therapie zumeist die Methode der Wahl, um bereits etablierte interaktionelle Teufelskreise zu durchbrechen. Zudem betreuen wir Kinder, die erste Anzeichen von Bindungsstörungen aufweisen und sich von Menschen abwenden, statt Kontakt aufzunehmen. Es gibt auch Kinder, die desorientierte Bindungsmuster zeigen, weil sie selbst eine Traumatisierung erlitten oder traumatisierte Eltern haben. Wenn Eltern sich das Verhalten ihrer Kinder nicht erklären können und mit einer Abwehrreaktion reagieren, ängstigt dies wiederum das Kind.

Wie können Sie Kindern helfen, die Flucht und Krieg erlebt haben?
Das Ausmaß der Traumatisierung, die bei Kindern mit einer Fluchterfahrung auftritt, ist in unserer Gesellschaft oft nicht vorstellbar: Vernachlässigung, Gewalt, sexueller Missbrauch. Oft wurden oder sind sie von ihren Eltern getrennt. Für diese Kinder muss erst einmal ein sicherer äußerer Rahmen geschaffen werden, bevor wir überhaupt mit einer Psychotherapie beginnen können. Die Kinder müssen zunächst auch ein Stück Normalität mit anderen Kindern erleben können. In der Arbeit mit ihnen ist es wichtig, sensibel dafür zu sein, dass die Kinder sehr schreckhaft sein können und sie durch laute Geräusche wie beispielsweise das Sirenengeheul eines Krankenwagens mit ihrer Trauma-Erinnerung schmerzhaft konfrontiert werden können. Diese Kinder benötigen so viel Sicherheit und Stabilität wie möglich, um wieder ein Gefühl von Handlungsfähigkeit und Kontrolle zur erlangen. Durch die Stärkung des inneren Sicherheitsgefühls kann dann auch eine Integration des Erlebten erreicht werden.
Interview: Constanze Drewlo

reck_130Professorin Dr. Corinna Reck ist wissenschaftliche Leiterin der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche an der LMU. Gemeinsam mit Dipl.-Psych. Tanja Kretz-Bünese, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und psychotherapeutischer Leiterin der Hochschulambulanz, hat sie die neu eröffnete Einrichtung aufgebaut, in der Kinder- und Jugendliche mit psychischen Problemen sowie deren Eltern fachgerecht unterstützt werden sollen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Erforschung und Prävention der Weitergabe psychischer Störungen innerhalb von Familien.

www.psy.lmu.de/kiju-hochschulambulanz