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Schule

„Wenn Inklusion gelingt, profitieren alle“

München, 08.02.2016

Seit Deutschland die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen angenommen hat, haben alle Kinder das Recht, die allgemeine Schule zu besuchen. Was bedeutet das für den Schulalltag? Ein Interview mit Joachim Kahlert, Inhaber des Lehrstuhls für Grundschulpädagogik und Didaktik, und Ulrich Heimlich, Inhaber des Lehrstuhls für Lernbehindertenpädagogik, die gerade das „Begleitforschungsprojekt Inklusive Schulentwicklung“ abgeschlossen haben.

Foto: picture alliance / Uwe Anspach

Sie haben drei Jahre die inklusive Schulentwicklung in Bayern wissenschaftlich begleitet. Was bedeutet Inklusion für die Schulen?
Joachim Kahlert:
Für die allgemeinen Schulen, also die Grund-, Mittel-, Realschulen und Gymnasien, ist die größte Herausforderung, mit dieser erweiterten Vielfalt umzugehen. Alle Schulen haben ja schon seit Längerem eine relativ heterogene Schülerschaft. Mit der Inklusion kommen nun Kinder und Jugendliche mit besonderem Entwicklungs- und Unterstützungsbedarf in den Bereichen Lernen, Verhalten, Emotionskontrolle, geistige Entwicklung dazu sowie Schülerinnen und Schüler mit Sinnesbeeinträchtigungen, zum Beispiel beim Hören, und Körperbehinderungen, die bisher eine sonderpädagogische Unterstützung an spezialisierten Förderschulen hatten.

Ulrich Heimlich: Wir haben im Rahmen unseres Projekts mehr als 70 Schulen besucht und dadurch einen guten Eindruck bekommen, was die Lehrkräfte und Schulleitungen bewegt. Sie fragen sich, ob sie Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf gerecht werden. Dafür ist entscheidend, wie sie dabei unterstützt werden. Die verstärkte Zusammenarbeit mit Fachkräften, dem sogenannten mobilen sonderpädagogischen Dienst, ist hier ganz wichtig. Dadurch ergeben sich neue Herausforderungen. Wir haben den Eindruck, dass das gut klappt, aber über auftretende Schwierigkeiten muss man offen reden.

Kahlert: Es treffen unterschiedliche Fachkulturen aufeinander. Die Lehrkräfte an allgemeinen Schulen haben auch das Ziel, ihre Schülerinnen und Schüler bestmöglich zu fördern, aber sie sind dabei an fachliche Lehrpläne gebunden, die aufeinander aufbauen. Sonderpädagogen haben stärker die individuelle Förderung des einzelnen Kindes im Blick. Die Lehrkräfte an allgemeinen inklusiven Schulen müssen sich nun auf jene Kinder einstellen, die eine besondere Form der Veranschaulichung, zusätzliche Impulse brauchen oder eine klarere Anweisung benötigen. Dadurch werden alle Kinder stärker individuell angesprochen. Das ist an allgemeinen Schulen nicht selbstverständlich. Vor allem auf dem Gymnasium und der Realschule herrscht eine stärkere Leistungsorientierung mit dem Anspruch, ein hohes fachliches Niveau zu sichern. Doch wenn Inklusion gelingt, profitiert die ganze Klasse. Manche der Lehrkräfte, die diese Erfahrung gemacht haben, sagen: Ich will gar nicht mehr anders unterrichten.

Wie schätzen Sie die bisherigen Erfahrungen in der Praxis mit Inklusion ein?
Heimlich:
Die Inklusionsdiskussion in Deutschland krankt daran, dass sie ausschließlich auf einer normativen Ebene geführt wird. Das kann man schon fast als Rosa-Wölkchen-Inklusion bezeichnen. Das birgt die Gefahr, dass die schulische Realität und die Schwierigkeiten nicht gesehen werden. Wir haben in unserem Projekt durch die Gespräche mit allen Beteiligten dieses Spannungsverhältnis erlebt, und ich glaube, dass man das aushalten muss. Es gibt viele positive Entwicklungen und viel Engagement, aber die Rahmenbedingungen müssen weiter verbessert werden. Wir sind noch auf dem Weg, das so zu gestalten, dass es nicht nur vom Engagement der Lehrkräfte abhängt, ob Inklusion gelingt. Zum Beispiel haben alle Schulleitungen und Lehrkräfte gesagt, dass durch Inklusion mehr Zeit nötig ist, um mit Eltern oder Fachleuten zu sprechen. Sie wünschen sich, dass diese Mehrarbeit anerkannt wird und eine entsprechende Entlastung erfolgt.

Kahlert: Wir dürfen die Lehrkräfte mit Inklusion nicht alleine lassen. Vielfalt ist eine professionelle Herausforderung für Lehrerinnen und Lehrer, aber der Umgang mit Vielfalt ist eine Sache der gesamten Gesellschaft. Die Schule kann durchaus eine Vorreiterrolle übernehmen bei der Inklusion, aber sie kann das nicht alleine leisten. Neben dem Wunsch nach mehr Zeit für Kooperationen mit Kollegen und Eltern halten Lehrkräfte vor allem eine bessere Raumausstattung und bauliche Maßnahmen wie behindertengerechte Zugänge für notwendig.

Was verändert sich an den Schulen noch durch Inklusion?
Heimlich: Die Entwicklung einer inklusiven Schule ist sehr anspruchsvoll und komplex. Es geht nicht nur um ein bisschen mehr Förderung oder Diagnose, sondern um Veränderung auf vielen Ebenen. Inklusion ändert die Schule als System. Das geht über Maßnahmen hinaus, die das einzelne Kind betreffen. Auch im Schulleben müssen Möglichkeiten für gemeinsame Aktivitäten geschaffen werden. Und die Schulen merken, dass Inklusion kein Selbstläufer ist. Es ist auch sehr wichtig, dass die Schulen mit ihrem Umfeld und Fachleuten vernetzt sind. Bei unseren Besuchen haben wir festgestellt, dass sich Schulen in ländlichen Regionen, wo man sich kennt, damit oft leichter tun als in der Anonymität der Großstadt.

Kahlert: Inklusion kann Informationsprozesse innerhalb der Schule in Gang setzen, darüber was an Können und Erfahrung an den Schulen schon da ist. Die möglichen Unterrichtsformen, die man sich für einen pädagogisch klugen Umgang mit Vielfalt denken kann, beherrschen die Lehrkräfte – angefangen von der Partnerarbeit über Tutorenprogramme bis hin zum Abwechseln zwischen Frontalunterricht, Stationen- und Gruppenarbeit. Aber sie haben nicht alle die gleichen Erfahrungen. Was für die weiterführenden Schulen, aber auch für die Grundschulen eine große Herausforderung darstellt, ist die Verbindung von sonderpädagogischem Förderbedarf mit den fachlichen Inhalten.

Heimlich: Für den Fachunterricht bedeutet Inklusion eine völlig neue Herausforderung. Es gibt noch keine gebrauchsfertigen Unterrichtsmaterialien. Die Lehrkräfte, die jetzt unterrichten, arbeiten selber an der Entwicklung von Lösungen mit. Diese können die Qualität des Unterrichts verbessern, wovon wieder alle Schülerinnen und Schüler profitieren.

Wie geht es den Kindern im inklusiven Unterricht?
Heimlich: In inklusiven Klassen gibt es Unterschiede in den Lernvoraussetzungen und den Bedürfnissen. Wenn diese produktiv genutzt werden, wirken sie sich in beide Richtungen als Bereicherung aus. Und dann kommen die vielen sozialen Kompetenzen hinzu. Doch man darf die Kinder nicht alleine lassen, es muss Möglichkeiten der Begegnung für sie geben. Es gibt Schulen, die Patenschaften unter den Schülern aufbauen. Solche Erfahrungen, die Kinder in inklusiven Klassen zusätzlich zu all dem gewinnen, was an Schulen an Bildungsinhalten vermittelt wird, sind unschätzbar.

Kahlert: Kinder mit Lernproblemen setzen nicht unbedingt das Klassenniveau herab. Schwierig ist es bei Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten, und da muss man Eltern verstehen, die Sorge haben, dass einzelne Kinder eine ganze Klasse auf Trab halten. Es kann auch Schwierigkeiten bei Kindern mit geistiger Behinderung im Jugendalter geben, wenn sich Peer Groups bilden. Durch die inklusive Schule profitieren heute mehr Kinder von den Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe, und das ist gut. Aber man kann nicht sagen, dass es immer grundsätzlich für jedes Kind besser ist, mit Kindern ohne besonderen Förderbedarf zusammen zu sein. Es ist im Prinzip besser, aber es ist ein Weg dahin, bis man die Umgangsweisen gefunden hat, gesellschaftliche Teilhabe wirklich allen zu ermöglichen. Das geht nicht von heute auf morgen und man würde auch den Lehrkräften, für die Inklusion große Herausforderungen mit sich bringt, nicht gerecht werden, wenn man das behaupten würde. Das Gute am bayerischen Weg ist, dass weiterhin Kinder in die Förderschulen gehen können und beide Optionen offen sind.

Heimlich: Das wichtigste bei dem Inklusionsprozess der vergangenen Jahre war, dass in Bayern eine offene Entwicklung und Wahlmöglichkeiten geschaffen wurden. Die Schulen bewerben sich selbstständig darum, eine inklusive Schule zu werden. Und ebenso sind es die Eltern, die die Wahl haben, auf welche Schule ihr Kind geht. Wenn ich um Rat gefragt werde, sage ich immer: Wir müssen vor allem offen sein für zukünftige Entwicklungen im Bereich der Inklusion.

Es gibt Förderschulen, die sich für Schüler ohne Förderbedarf öffnen. Ist das ein Trend?
Heimlich: Die Förderzentren möchten Teil dieser Entwicklung sein und haben sich in den vergangenen Jahren immer stärker für Schüler ohne Förderbedarf geöffnet. Angefangen von ersten Begegnungen auf Festen über Patenschaften und gemeinsame Projekte wie Theateraufführungen. Inzwischen gibt es einzelne Schulen, die auf Dauer Klassen auch für Kinder ohne Förderbedarf einrichten, und das ist für manche Eltern sehr interessant. Teilweise gibt es sogar lange Wartelisten dafür. Es ist ein Riesenkompliment an die Schulen, dass sie aus dem gesellschaftlichen Randbereich gekommen sind und heute zu einem differenzierten Schulsystem dazugehören.

Kahlert: Inklusion hat mit dem Abbau von Barrieren zu tun. Und zwar nicht nur von Barrieren für die Kinder mit Förderbedarf, sondern auch von Barrieren in unseren Köpfen. Es ist viel in Gang gekommen in den letzten Jahren, und es ist längst klar geworden, dass es auf den individuellen Fall ankommt. Die Kinder sind vielfältig, die Rahmenbedingungen sind vielfältig, also brauchen wir auch vielfältige Wege. Wenn man unterschiedliche Menschen fördern will, geht das nicht auf dem gleichen Weg. International ist zu sehen, dass die Länder, die schon vor Jahren Förderschulen abgeschafft haben, das zum Teil bitter bereuen, weil dadurch auch Kompetenzen und Ressourcen verlorengegangen sind.

 

Zum Projekt:

Das „Begleitforschungsprojekt Inklusive Schulentwicklung“ hat drei Jahre lang die Umsetzung der Inklusion im bayerischen Schulsystem wissenschaftlich begleitet. Beteiligt waren neben Professor Joachim Kahlert und Professor Ulrich Heimlich von der LMU Professor Erhard Fischer und Professor Reinhard Lelgemann von der Universität Würzburg.

Am 18. und 19. Februar 2016 findet die Abschlusstagung des Projekts statt, auf der die zentralen Ergebnisse und die Weiterentwicklung eines inklusiven Schulsystems beraten werden.

 

Mehr zum Thema

Der Forschungsband:
Ulrich Heimlich, Joachim Kahlert, Reinhard Lelgemann, Erhard Fischer (Hrsg.): Inklusives Schulsystem. Analysen, Befunde, Empfehlungen zum bayerischen Weg. Klinkhardt forschung 2016.