Ludwig-Maximilians-Universität München
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Barocke Deckenmalerei

Blick nach oben

München, 08.04.2016

Zwischen 1550 und 1800 war eine Blütezeit der Deckenmalerei. LMU-Kunsthistoriker Stephan Hoppe erforscht die architekturgebundene Malerei an Decken und Wänden in ihrem gesellschaftlichen Kontext.

Diana und Opis fangen den armenischen Tiger, Schleißheim, Schloss Lustheim, Vorzimmer im Appartement des Kurfürsten, Deckengemälde von Johann Anton Gumpp, 1685 ̶ 87 ©CbDD, BSV (Foto: Ute Engel)

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Ein ganzer Raum voller Geschichten: In der Frühen Neuzeit schufen Künstler in ganz Europa in Schlössern und Residenzen, Kirchen und Klöstern multiperspektivische Deckengemälde, die für den zeitgenössischen Betrachter wichtige Botschaften enthielten. Die farbigen und erzählenden Bilder an Decken und Wänden waren mehr als nur prachtvolle Dekoration: Sie waren auch ein Spiegel der damaligen Gesellschaft: „In den Schlössern wurden für die Besucher gelehrte Bilderrätsel gestaltet, die nur der Kenner entschlüsseln konnte. Am Hof hob man sich durch Bildung hervor, gerade wenn man die antiken Stoffe kannte“, sagt Professor Stephan Hoppe vom Institut für Kunstgeschichte der LMU. Mit Themen aus der antiken Mythologie und Geschichte schufen die Künstler für den Betrachter eine Art Rollenspiel. „Es wurden zum Beispiel Geschichten von Herkules oder Aeneas an der Decke erzählt. In Wirklichkeit war aber der Fürst gemeint, der so seine Heldentaten vorführte.“

Der Zugang zum Hof und zum Fürsten unterlag den Regeln des Zeremoniells. Bestimmte Räume waren deshalb nur für bestimmte Personen zugänglich, und für diese waren auch die Deckenbilder gedacht. Die Beschäftigung mit dem historischen Kontext ermöglicht es Kunstwissenschaftlern heute, herauszufinden, für welche Funktionen diese Räume bestimmt waren: „Die Künstler brachten die Deckengemälde in Zusammenhang mit den Bildern an den Wänden und den Ausstattungsstücken und gestalteten so ein künstlerisch anspruchsvolles Ensemble“, sagt PD Dr. Ute Engel vom Institut für Kunstgeschichte der LMU.

Predigt für das Ohr, Bilder für das Auge
In den Kirchenbauten wurden für die Deckengemälde Themen aus dem christlichen Bilderkreis gewählt. „In den großen Kirchen haben die Deckengemälde oft riesige Formate. Sie enthalten aber viele kleine Figuren und Szenen, die sich erst Stück für Stück und mit einer genauen Beobachtung erschließen“, beschreibt Ute Engel den Eindruck, den die Gläubigen von damals hatten und den auch die Betrachter von heute haben. Damit die Gemeinde die Bilder und ihren Zusammenhang verstehen konnte, bezogen die Pfarrer auf der Kanzel die Deckenbilder in ihre Predigten mit ein. „Die Deckenmalerei ist ein Medium, das immer sehr stark mit anderen Medien zusammengewirkt hat. Es waren Bildergeschichten, die durch das Wort erläutert und oft sogar durch Musik untermalt wurden.“

Ute Engel koordiniert das Projekt „Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland“, das im Akademienprogramm unter der Leitung von Stephan Hoppe am Institut für Kunstgeschichte an der LMU angesiedelt ist. Ziel des Projekts ist es, den Bestand an Decken- und Wandmalerei der Frühen Neuzeit auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zu dokumentieren und seinen kunsthistorischen sowie gesellschaftlich-politischen Kontext zu bearbeiten. Allein in Deutschland sind zwischen 1550 und 1800 circa 5.000 Kunstdenkmäler mit Wand- und Deckengemälden entstanden. Am Anfang der Arbeit des neuen Corpus der barocken Deckenmalerei steht dabei die Welt der Höfe, Schlösser und Residenzen. „Die Höfe haben seit der Aufklärung in gewisser Weise einen schlechten Ruf. Sie gelten als Zentrum der Verschwendung und Hort der Intrigen, aber die Höfe haben die damalige Kulturleistung zu ganz großen Teilen erst ermöglicht, indem sie unterschiedlichste Personen und Stände zusammenführten“, erläutert Stephan Hoppe. „Wir versuchen, am Beispiel der Deckenmalerei auch das Netzwerk der Residenzen und Städte in der Frühen Neuzeit zu rekonstruieren, und arbeiten dafür eng mit der Residenzen-Kommission der Akademie der Wissenschaften in Göttingen zusammen.“

Ein gesamteuropäisches Phänomen
Die Deckenmalerei war nicht nur in Deutschland verbreitet, sondern ist ein gesamteuropäisches Phänomen. „Die katholische Kirche, der Hochadel und auch die Reichsstädte waren sehr europäisch ausgerichtet“, sagt Hoppe. Ihren Anfang nahm die Deckenmalerei der Frühen Neuzeit im 15./16. Jahrhundert in Italien. In den Villen im Veneto wurden die Wände mit idyllischen Landschaften bemalt und auch die Decken in die illusionistische Malerei miteinbezogen. „Das war ein Rückgriff auf die Antike. Bei Plinius etwa ist zu lesen, dass schon antike Villen ausgemalt waren, wie sie zum Beispiel in Herculaneum noch erhalten sind“, sagt Ute Engel.

Nördlich der Alpen und in den Territorien des Heiligen Römischen Reiches setzte sich diese Raumkunst in der Breite erst nach dem Dreißigjährigen Krieg durch. Nachdem weite Teile Deutschlands verwüstet und auch viele Künstlerwerkstätten zerstört waren, kamen italienische und Graubündener Handwerker über die Alpen und brachten ihr Können mit. „Das hat sich sehr schnell als Modeerscheinung ausgebreitet“, sagt Ute Engel. Auch in Frankreich und England eroberte sich im 17. Jahrhundert die illusionistische und figürliche Malerei an Decken und Wänden neues Terrain. Das Ziel der LMU-Forscher ist es, die barocke Deckenmalerei in Deutschland auch in eine gesamteuropäische Perspektive einzubetten: durch internationale Kooperationen. Dafür stehen sie unter anderem mit Forschergruppen in Ostmitteleuropa, in den Niederlanden oder England in Verbindung. „Wir werden in unserem Projekt die Deckengemälde in einem Netzwerk einordnen und im europäischen Zusammenhang zeigen. Es gab damals keinen nationalen Kunstdiskurs“, sagt Hoppe.

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