Ludwig-Maximilians-Universität München
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Versorgung von Flüchtlingen

Wissen und helfen

München, 18.08.2016

Um die medizinische Betreuung von Migranten und Flüchtlingen zu verbessern, sehen Gesundheitswissenschaftler und Epidemiologen der LMU einen erheblichen Bedarf auch an Begleitforschung.

Ein Bewohner der Landesaufnahmebehörde in Bramsche (Niedersachsen), die als Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende genutzt wird, wird von einer Ärztin untersucht. Eine Dolmetscherin vermittelt zwischen beiden. Foto: dpa

An der LMU findet vom 28. August an die interdisziplinäre Tagung „Health – Exploring Complexity“ statt. Ein Schwerpunktthema ist die Gesundheitsversorgung von Migranten und Geflüchteten in Deutschland. Eva Grill, Professorin für Epidemiologie und Kongresspräsidentin, über die Aufgaben für Wissenschaft und Gesundheitswesen.

In diesem und im vergangenen Jahr kamen hunderttausende von Flüchtlingen nach Deutschland. Was lässt sich über ihren Gesundheitszustand sagen?
Grill: Schon mit dieser Frage beginnen die Schwierigkeiten: Es lassen sich kaum belastbare Aussagen treffen, da standardisierte Daten fehlen, wie wir sie für die systematische Gesundheitsberichterstattung kennen und benötigen. Was in den einzelnen Aufnahmeeinrichtungen passiert, ist vorwiegend Sache des Öffentlichen Gesundheitsdienstes und der Kommunen, und die tun ihr Möglichstes, um mit der Situation adäquat umzugehen. Das Vorgehen bei Erstuntersuchung und Versorgung ist nicht standardisiert. Auch der weitere Zugang zu gesundheitlicher Versorgung ist alles andere als einheitlich geregelt. Es gibt Modellprojekte wie in Bremen und Hamburg, dort bekommen Geflüchtete und Asylbewerber direkt eine Gesundheitskarte und haben damit auch direkt Zugang zur Primärversorgung. Aber wohlgemerkt, das ist der Ausnahmefall. In der Regel ist dieser Zugang für Asylbewerber, für Geflüchtete, erst einmal eingeschränkt.

Was heißt eingeschränkt?
Ihnen stehen zunächst nicht alle Leistungen zur Verfügung, die die gesetzlichen Krankenversicherungen normalerweise abdecken. Weil sie keinen Zugang zum Haus- oder Primärarzt haben, sind sie überwiegend auf die Notfallversorgung der Krankenhäuser angewiesen – wo sie mit akuten Erkrankungen nicht unbedingt hingehören. Und mit chronischen Erkrankungen wird es ohnehin schwierig. Erst nach 15 Monaten können Asylbewerber die Primärversorgung regulär in Anspruch nehmen.

Abgesehen davon, dass es den Grundsatz außer Acht lässt, für alle die gleichen Chancen auf angemessene Versorgung zu eröffnen: Spart das Geld?
Nein, wahrscheinlich ist das Gegenteil der Fall. Gesundheitswissenschaftler aus Heidelberg und Bielefeld konnten kürzlich vorrechnen, dass diese Zugangsbarrieren Gesundheitsprobleme erst schaffen und mehr Kosten verursachen als der direkte Zugang zur Regelversorgung. Es geht ja nicht um eine Situation, die kurzfristig besteht. Nein, Deutschland muss sich darauf einrichten, dass viele der Geflüchteten länger bleiben – und dass wir in diesem Fall eine Folgeversorgung zu leisten haben. Was man am Anfang versäumt, hat Auswirkungen auf den Gesundheitszustand in der Zukunft. Einer der beiden Autoren dieser Studie, Oliver Razum, Professor für Epidemiologie und International Public Health an der Universität Bielefeld, hält auch auf unserer Tagung einen der zentralen Vorträge zum Schwerpunktthema.

Und nach den 15 Monaten?
Die frühen Zugangsbarrieren zeigen unter Umständen auch später noch Wirkung: Es gibt zum Beispiel Untersuchungen, denen zufolge Eltern, deren Aufenthaltsstatus ungeklärt ist, mit ihren Kindern häufiger in die Notfallambulanzen gehen als zum Primärarzt. Dazu kommen von Anfang an meist Sprachbarrieren. Gerade bei der psychosozialen Versorgung stellen sie meist ein gewaltiges Problem dar.

Viele derjenigen, die es nach Deutschland schaffen, sind aber gerade durch die Ereignisse in ihren Heimatländern und auf der Flucht traumatisiert.
Ja, Sie müssen sich vorstellen, das sind Menschen, die aus Extremsituationen geflüchtet sind. Aber wie viele tatsächlich von Traumatisierungen betroffen sind, auch dazu gibt es meines Wissens noch keine verlässlichen Daten. In diesen sicher vielen Fällen die Sprachbarrieren zu bewältigen – die gesamte sprechende Medizin und die Psychotherapie sind darauf nicht eingerichtet. Das ist eine offene Frage, wie sich Psycho- oder auch Verhaltenstherapien mit der Unterstützung von Dolmetschern am besten gestalten lassen.

Aber die Sprachbarrieren sind nicht erst mit den Flüchtlingen des vergangenen Jahres gekommen.
Nein, natürlich nicht. Das Problem kennen wir auch in der Versorgung von Migrantinnen und Migranten, die schon länger in Deutschland leben. Unter ihnen wächst die Zahl der alten und hochbetagten Menschen. Und Erkrankungen wie Demenzen können die Sprachbarrieren erheblich erhöhen, was wiederum die Geriatrie vor neue Herausforderungen stellt. Bislang ist sie nicht darauf eingerichtet, kulturell sensibel zu sein. Um eines klar zu sagen: Wir tun gerne so, als gehe es um die Migranten, aber sie sind beileibe keine homogene Gruppe. Sie kommen aus ganz verschiedenen Kulturen, was wiederum bedeuten kann, dass sie mit Krankheiten und ihren Symptomen ganz unterschiedlich umgehen. Wir wollen auf der Tagung klarstellen, dass es einen jeweils unterschiedlichen Versorgungsbedarf gibt. Aufs Ganze gesehen indes lassen sich in Deutschland unter Migranten und unter ethnischen Minderheiten vermehrte Risiken für Herz-Kreislauferkrankungen, für Diabetes und für die Adipositas sowie ein vermehrtes Risiko für psychische Erkrankungen beobachten. Wir sind sehr froh, dass wir zu diesem Thema Prof. Dr. Karien Stronks als Referentin gewinnen konnten. Sie hat sich intensiv mit den Mechanismen auseinandergesetzt, die zu gesundheitlicher Ungleichheit führen, und welche Strategien man dagegen einsetzen könnte. In einem speziellen Workshop wollen wir die offenen Forschungsfragen noch einmal präziser umreißen: Wie könnten wir die Datenlage verbessern? Welche Hauptschwerpunkte sollte eine adäquate Versorgung von Migranten und Geflüchteten setzen? Wie können die Akteure kulturell sensibel agieren? Und wie lässt sich der Zugang zu einer Erstversorgung erleichtern, die den Ansprüchen genügt? Und was unser spezielles Interesse und unsere spezielle Kompetenz betrifft: Wie können wir eine Begleitforschung aufsetzen, die verlässliche Antworten auf diese Fragen ermöglicht? Als Ergebnis des Workshops wollen wir ein Adhoc-Papier veröffentlichen, das den eklatanten Forschungsbedarf präzise begründet.

Prof. Dr. Eva Grill ist Professorin für Epidemiologie am Institut für Medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie (IBE) der Medizinischen Fakultät der LMU. Eva Grill hat zusammen mit Prof. Dr. Ulrich Mansmann, Direktor des IBE, die Tagung HEC2016 organisiert.

Die Tagung „Health – Exploring Complexity: An Interdisciplinary Systems Approach“ HEC2016 findet vom 28. August bis 2. September im LMU-Hauptgebäude, Geschwister-Scholl-Platz 1, 80539 München, statt. Weitere Informationen unter http://www.hec2016.eu/.

Am Mittwoch, 31. August, 17:00 Uhr, präsentieren die Teilnehmer die Ergebnisse des Schwerpunkt-Workshops „Populations in Transition“; LMU-Hauptbäude, Raum A240. Die Experten stehen am Rande der Tagung für Gespräche und Interviews zur Verfügung. Kontaktieren Sie deswegen Eva.Grill@med.uni-muenchen.de

Kontakt:
Prof. Dr. Eva Grill
Medizinische Fakultät der LMU
E-Mail: Eva.Grill@med.uni-muenchen.de
Tel.: 0163 6416042