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Journalismus

Kollege Roboter

München, 19.01.2016

Algorithmen schreiben Spielberichte und Finanznews und machen dabei weniger Fehler als Menschen. Warum die Entwicklung für Journalisten dennoch etwas Gutes hat.

Grafik: ktsdesign / fotolia.com

Der Kommunikationswissenschaftler Dr. Andreas Graefe forscht über automatisierten Journalismus. Im Interview spricht er über die Auswirkungen auf den Berufsalltag von Journalisten und erklärt, wie es um die Schreibkompetenz von Algorithmen bestellt ist.

Sie haben gerade eine Studie über „automatisierten Journalismus“ veröffentlicht. Wird meine Tageszeitung demnächst von Robotern geschrieben?
Andreas Graefe: So weit ist die Entwicklung noch nicht. Bei automatisiertem Journalismus werden Texte auf Basis maschinenlesbarer Daten generiert. Momentan ist das vor allem bei Finanz- und Sportnachrichten der Fall, also bei Texten, die auf strukturierten Daten basieren. Es wird künftig aber auch in weiteren Themengebieten möglich sein

Wer setzt das bereits ein?
In Deutschland gibt es verschiedene Firmen, die solche Software herstellen. Der Markt ist bei uns gerade sehr umkämpft. In Onlinemedien werden zum Beispiel Vorberichte zu Fußballspielen von Algorithmen geschrieben.

Wissen das die Leser?
Nicht immer. Einige Hersteller geben die Namen ihrer Kunden nicht preis. Manche Medien gehen damit offen um, vom Weser Kurier ist es zum Beispiel bekannt, dass er Algorithmen für die Sportberichterstattung nutzt. In den USA setzt die Associated Press, eine der renommiertesten Nachrichtenagenturen, Algorithmen ein. Das ist natürlich ein großer Treiber. Auch Forbes nutzt schon länger Algorithmen, und die New York Times experimentiert damit.

Merkt man das beim Lesen?
Es gibt Studien, bei denen Leser gebeten wurden, die Qualität von Texten zu beurteilen, ohne deren Herkunft zu kennen. Die computergenerierten Texte wurden als glaubwürdiger wahrgenommen. Zugleich klingen sie eher mechanisch und trocken. In Zukunft werden sich die Algorithmen in dieser Hinsicht aber sicher verbessern.

Warum wirken die von Robotern geschriebenen Texte glaubwürdiger?
Das ist noch nicht erforscht. Die Sätze sind meist kurz und die Texte enthalten sehr viele Zahlen. Ich vermute, dass es daran liegen könnte. Vielleicht erwarten die Leser bei Finanznachrichten auch keine besonders lebendige Sprache.

Merken unsere Leser, ob gerade ein Mensch oder Roboter mit Ihnen spricht?
Soweit sind die Algorithmen noch nicht, dass sie Interviews führen könnten. Alles, was ein Algorithmus macht, hat ein Mensch vorhergesehen. Der Mensch entscheidet, was der Algorithmus kann. Der Algorithmus erkennt von sich aus keine neuen Probleme und stellt auch keine Fragen.

Können Algorithmen Fehler machen?
Ja, es kommt zu Fehlern und zwar immer dann, wenn es bei der Auswertung von Daten zu einer nicht vorhergesehenen Situation kommt. Die amerikanische Nachrichtenagentur AP hat zum Beispiel die Quartalszahlen des Unternehmens Netflix falsch gemeldet. Der Algorithmus hat geschrieben, dass die Aktie um mehr als 70 Prozent gesunken sei. Tatsächlich wurde die Aktie aber gesplittet und ihr Preis hat sich mehr als verdoppelt. Der Fehler lag aber schon davor: Man hätte den Algorithmus entsprechend programmieren können, damit er eine solche Situation als Ausreißer erkennt und in so einem Fall ein Redakteur die Nachricht lesen muss, bevor sie veröffentlicht ist. Am Anfang haben Redakteure bei AP noch die automatisch generierten Texte kontrolliert. Aber nachdem die Algorithmen immer weniger Fehler gemacht haben, auch weniger als die Redakteure, hat man damit aufgehört. Es ist wohl auf die Dauer auch zu teuer.

Redakteure machen also mehr Fehler als Schreibroboter?
Menschen machen Fehler, wenn sie abgelenkt, hungrig oder müde sind. Das kann einem Algorithmus nicht passieren. Dafür besteht der Großteil der menschlichen Fehler nur aus Zahlendrehern oder Rechtschreibfehlern.

Wie, schätzen Sie, geht die Entwicklung weiter?
Die Algorithmen werden immer besser. Die Zahl automatisierter Texte wird stark steigen. Es wird auch mehr personalisierte Nachrichten geben, die nur bestimmte Leser interessieren. Die Algorithmen werden dafür entweder implizit Nutzerdaten sammeln oder explizit Voreinstellungen ermöglichen, wie jetzt etwa Google News. Es wird auch mehr News on Demand geben.

Aber der Roboter wird den Redakteur nicht komplett ersetzen können?
Definitiv nicht. Algorithmen sind nur sinnvoll, wenn sehr viele und gute Daten vorliegen und viele Texte produziert werden müssen. Nur dann lohnt es sich, einen Algorithmus zu programmieren. Das ist ja auch sehr aufwendig. Es wird zunehmend zur Integration von Mensch und Maschine kommen, auch im Journalismus. Algorithmen können viele Routineaufgaben abnehmen. Journalisten haben dann mehr Zeit, investigativ zu arbeiten. Es wird immer häufiger so sein, dass Roboter erste Entwürfe schreiben und Journalisten diese dann ergänzen. Ich habe bei AP mit einem Sportjournalisten darüber gesprochen. Früher musste er nach einem Spiel sofort einen Bericht schreiben, jetzt macht das der Roboter und er kann in der Zeit Interviews mit den Sportlern führen.

Wird es wegen dieser Entwicklung weniger Jobs für Journalisten geben?
Es wird sicher jene Jobs kosten, in denen es um Routineaufgaben geht. Aber es werden auch neue Stellen entstehen. AP hat zum Beispiel einen Automation Editor eingestellt, der neue Möglichkeiten der Automatisierung erkennen soll. Und auch um Algorithmen zu entwickeln, braucht man Journalisten, die vorgeben, wie eine Nachricht aufgebaut ist und welchen Wert eine Nachricht hat.

Werden Schriftsteller auch bald bangen müssen, dass ein Algorithmus Bücher schreibt?
Das gibt es sogar schon. Aber es ist nicht bekannt, wie lange am Algorithmus dafür gearbeitet wurde. Die Algorithmen sind noch nicht so weit, dass sie komplett von alleine etwas Neues erfinden könnten. Sie sind nicht kreativ.
(Interview: Nicola Holzapfel)

 

Dr. Andreas GräfingDr. Andreas Graefe
forscht am Institut für Kommunikationswissenschaften der LMU im Rahmen verschiedener Studien darüber, wie Leser automatisch generierte Inhalte wahrnehmen. In Zusammenarbeit mit der Columbia University in New York untersucht er Texte, die Computer auf Basis von Wahlprognosen erstellen.

 

Die Studie:

 

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