Ludwig-Maximilians-Universität München
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US-Präsidentschaftswahl

Sie gewinnt, sie gewinnt nicht, sie gewinnt ...

München, 26.09.2016

Am 8. November wird in den USA gewählt. Jetzt stehen die TV-Debatten an. Noch liegt in den Umfragen mal Hillary Clinton vorn, mal Donald Trump. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen? Nein, meint LMU-Forscher Andreas Graefe. Seiner Prognosemethode zufolge ist der Wahlkampf schon entschieden.

Foto: Picture Alliance / newscom

Warum ändern sich die Ergebnisse von Wahlumfragen im Vorfeld der US-Wahl laufend? Mal heißt es: „Trump verringert Abstand auf Clinton“, ein paar Wochen später: „Clinton baut Vorsprung aus“
Andreas Graefe:
Das ist nicht überraschend. Vor US-Wahlen variieren Umfrageergebnisse traditionell sehr stark. Das war 2012 so, als Mitt Romney kurzzeitig vorne lag, 2008 war das der Fall bei John McCain und 2004 bei John Kerry. Der Grund ist, dass Umfragen, die Monate vor der Wahl durchgeführt werden, nicht unbedingt Veränderungen der Wahlabsicht der Wähler widerspiegeln. Jüngste Forschungsergebnisse zeigen, dass Umfrageergebnisse nicht deshalb variieren, weil die Wähler ihre Meinung ändern. Vielmehr ändert sich ihre Bereitschaft, überhaupt an einer Umfrage teilzunehmen. Zum Beispiel lag im Juli nach den Parteitagen Clinton klar vorne. Das war aber genau der Zeitraum, als Trump die Familie Khan, Eltern eines gefallenen muslimischen US- Soldaten, verbal attackiert hatte. Je enthusiastischer Wähler sind, desto eher nehmen sie an Umfragen teil. Man weiß, dass die Trump-Wähler enthusiastischer sind. Aber nach der Fehde mit der Khan-Familie waren weniger bereit, an einer Umfrage teilzunehmen.

Also bringt die sogenannte Sonntagsfrage gar nichts, bei der die Befragen angeben sollen, wen sie selbst wählen würden?
Graefe: Ein Problem mit der Sonntagsfrage ist, dass man damit Effekte misst, die nicht die Wahlabsicht zeigen. Auch die Methode, mit der die Umfragedaten ausgewertet werden, kann das Ergebnis verzerren. Die New York Times hat vor wenigen Tagen ein sehr schönes Experiment durchgeführt: Sie hat Rohdaten einer Umfrage an vier renommierte Umfrageinstitute gegeben. Wegen ihrer jeweils anderen Methode, die Daten zu gewichten, sind diese zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen, von einem Einpunktevorsprung für Trump zu einem Vorsprung von vier Punkten für Clinton. Auf Basis der gleichen Daten! Die gute Nachricht ist, dass in den Qualitätsmedien inzwischen ein Trend zu beobachten ist, einzelne Umfragen nicht hochzuspielen und stattdessen den Mittelwert verschiedener Umfragen zu nehmen.

Sollte man dann Umfrageergebnisse einfach ignorieren?
Graefe: Umfrageergebnisse liefern einen Indikator. In den letzten Wahlen hat beispielsweise derjenige, der nach den Parteitagen vorne lag, auch die Wahl gewonnen. Wenn es aber darum geht, das genaue Stimmenverhältnis Monate im voraus vorherzusagen, sind Umfragen eine der schlechtesten Methoden. Verlässliche Prognosen liefern sie erst ein bis zwei Wochen vor der Wahl. Aber es gibt wesentlich bessere Methoden. Eine Möglichkeit wäre, die Wähler zu fragen, wer die Wahl gewinnen wird. Diese Frage wird leider selten verwendet, obwohl sie sehr genaue Prognosen liefert.

Sie machen mit PollyVote ja auch Vorhersagen aufs Wahlergebnis. Worauf basieren denn diese?
Graefe: PollyVote basiert auf Erkenntnissen aus der Prognoseforschung und kombiniert Ergebnisse von sechs verschiedenen Prognosemethoden, die alle unterschiedliche Informationen berücksichtigen. Wir verwenden beispielsweise klassische Umfragen, aber auch Experteneinschätzungen sowie statistische Modelle, welche die Wahl auf Basis des Zustands der Volkswirtschaft oder bestimmter Kandidatenmerkmale vorhersagen. In der kombinierten PollyVote-Prognose liegt Clintons Vorsprung momentan bei fünf bis sechs Punkten. Verglichen mit den letzten Wahlen ist das ein relativ klarer Vorsprung. Auch bei fünf der sechs verschiedenen Komponenten liegt Clinton vorne. Nur bei Modellen, die die wirtschaftliche Lage mit einbeziehen, hat Trump einen knappen Vorsprung. Aber diese Modelle basieren auf der Annahme, dass wir es mit „normalen“ Kandidaten zu tun haben, die eine „normale“ Kampagne führen. Das ist 2016 definitiv nicht der Fall.

Am 26.9. findet die erste Fernsehdebatte von Clinton und Trump statt. Kann das Auftreten der Kandidaten die Wähler umstimmen?
Graefe: Ich glaube, dass die erste Debatte eine wichtige Rolle spielen kann, auch weil die Kandidaten der kleinen Parteien, Jill Stein und Gary Johnson, nicht daran teilnehmen werden. Sie kommen nicht auf die erforderlichen 15 Prozent in den Umfragen. Viele Jüngere, insbesondere Clinton-Wähler, geben derzeit in Umfragen an, für Kandidaten dritter Parteien stimmen zu wollen. Aber es ist die große Frage, ob das so bleiben wird. Ich vermute, dass durch die Debatten vielen klar werden wird, dass sie nur zwei Möglichkeiten haben: Clinton oder Trump. Vielleicht ist das der Zeitpunkt, wo sich die Umfragen wieder mehr Richtung Clinton bewegen werden.

Und wird die Debatte nicht nur die Umfragen, sondern auch die Wahl beeinflussen?
Graefe: Die USA sind eine stark polarisierte Gesellschaft. Jeweils etwas mehr als 40 Prozent der Wähler stimmen immer für ihre Partei, unabhängig davon, wer die Kandidaten sind. Am Ende ist es ein sehr kleiner Teil der Wähler, der wirklich auf Basis von Kandidaten und Themen entscheidet. Hier können Debatten durchaus einen Einfluss haben, historisch gesehen ist dieser Einfluss aber gering. Die letzte Wahl, in der Debatten vermutlich wirklich wahlentscheidend waren, war wohl die äußerst knappe Wahl im Jahr 2000 zwischen Al Gore und George W. Bush.

Also, wer wird nun die US-Wahlen gewinnen?
Graefe: PollyVote sagt die US-Wahlen seit 2004 voraus und beginnt schon Monate im voraus mit täglich aktualisierten Prognosen. In den vergangenen drei Wahlen gab es keinen einzigen Tag, an dem PollyVote den Gewinner nicht richtig vorhergesagt hat. Im aktuellen Wahlkampf liegt bei Pollyvote Clinton seit Februar vorne. Es wäre eine große Überraschung, wenn alle Methoden, die wir verwenden, komplett daneben lägen.

Sie sagten vorhin, dass es kein „normaler“ Wahlkampf sei ...
Graefe: Ja, es gab schon viele Überraschungen in diesem Wahlkampf. Aber die größte Überraschung wäre, wenn Trump die Wahl gewinnen würde.

 

graefe_130_webDr. Andreas Graefe ist Research Fellow am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU sowie am Tow Center for Digital Journalism der Columbia School of Journalism. Er ist zudem Inhaber der Sky Stiftungsprofessur an der Macromedia Hochschule München.