Ludwig-Maximilians-Universität München
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Wissenstransfer Studium/Beruf

Studiert und vergessen

München, 25.01.2016

Hypothesen bilden, Probleme lösen – ob Studierenden wissenschaftliches Denken später im Beruf nützt, ist auch eine Frage ihres Fachs, sagt Lernpsychologe Frank Fischer.

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Frank Fischer, Professor für Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie der LMU, forscht zurzeit als Senior Researcher am Center for Advanced Studies der LMU über wissenschaftliches Denken und Argumentieren.

Was versteht man genau unter wissenschaftlichem Denken, gibt es womöglich Unterschiede abhängig vom Fach?
Frank Fischer: Hypothesen bilden, Evidenz generieren oder evaluieren – das ist in allen Fächern relevant, wenn es auch unterschiedliche Gewichte gibt: Wissenschaftliches Denken hat mehrere Dimensionen. Es gibt sowohl die rein theoretische Forschung um der Theoriebildung willen. Dafür steht beispielhaft der Physiker Nils Bohr. Ihm sagt man heute nach, nicht an der praktischen Nutzung seiner Kenntnisse interessiert gewesen zu sein. Auf der anderen Seite steht Thomas A. Edison, der kein Interesse an der Theoriebildung hatte, sondern sich für die Stromversorgung in Amerika interessierte. Und dann gibt es die anwendungsbezogene Forschung, etwa von Louis Pasteur. Pasteur ist mit einem Problem aus dem Alltag in sein Labor gegangen und hat mit seinen Erkenntnissen die Praxis verbessert. Für viele in der Wissenschaft ist es genau das, was sie anstreben: Man sucht als Ausgangspunkt ein praktisches Problem und betreibt erkenntnisorientierte Forschung, um sie in der Anwendung wirksam werden zu lassen.

Ist wissenschaftliches Denken eine Frage des Fachwissens?
Je mehr Fachwissen man hat, desto sicherer ist man im Argumentieren und desto einschlägiger sind die Begründungen. Dazu kommt die Intelligenz: Beim Lösen von Problemen spielen allgemeine kognitive Fähigkeiten eine Rolle. Über Fachwissen und Intelligenz hinaus gibt es jedoch eine strategische Fähigkeit, die Konzepte und Ergebnisse aus einem wissenschaftlichen Fach gezielt anzuwenden, um Probleme zu lösen oder Theorien weiterzuentwickeln. Eine unserer Forschungsfragen ist, wie sich diese Kompetenz, die wir „wissenschaftliches Denken“ nennen, valide erfassen lässt.

Es bleiben nicht alle Studierenden in der Forschung. Was bedeutet diese Kompetenz für ihren Berufsalltag?
In jedem Studiengang wird gelernt, wissenschaftlich zu denken und zu argumentieren für dieses spezifische Fach. Aber das geht nicht immer so weit, dass die Absolventen das Wissen in der Praxis gut anwenden können und sich ein Leben lang in ihrem Bereich weiterqualifizieren. Dabei gibt es Unterschiede nach Fächern. In der Medizin zum Beispiel ist die Fachkultur in dieser Hinsicht vergleichsweise weit fortgeschritten. Ärzte wenden wissenschaftliche Erkenntnisse ihres Fachs zusammen mit ihrer Erfahrung an, um die Erkrankung eines Patienten zu diagnostizieren, und nutzen etwa beim Schreiben von Arztbriefen wissenschaftliche Evidenzen zum Argumentieren. In anderen Fächern ist das deutlich weniger ausgeprägt, da besteht großer Nachholbedarf.

Welche Fächer meinen Sie zum Beispiel?
Auch für Lehrkräfte, die ihren Unterricht gestalten, wäre es zum Beispiel wichtig, Erkenntnisse aus der Wissenschaft stärker zu berücksichtigen. Etwa bei der Frage, ob man kooperatives Lernen einsetzt oder nicht, oder wenn es darum geht, die Fähigkeiten eines Schülers zu diagnostizieren. Gerade viele Lehrkräfte sagen jedoch: Da gibt es in der Wissenschaft nichts, was für meinen Alltag relevant wäre. Das trifft aber nicht zu. Es gibt viel Wissen, dass in der Schule hilfreich wäre. Zum Beispiel werden im Rahmen von Forschungsprojekten neue Lernmaterialien und Lernumgebungen entwickelt und untersucht. Diese kommen aber bisher selten bei den Lehrkräften an, obwohl sie diese teilweise fast eins zu eins in ihrem Unterricht einsetzen könnten.

Warum liegt es am Fach, ob und wie Absolventen wissenschaftliche Erkenntnisse für ihren Berufsalltag nutzen?
Unserer Hypothese ist, dass das im Studium nicht so richtig gelernt wurde. Im Unterschied zu medizinischen Studiengängen, wo das klinisch-medizinische Denken zumindest in späteren Studienphasen geübt wird, spielt es bislang in vielen anderen Studiengängen keine große Rolle. Die Studierenden verlassen dann die Hochschule, ohne gelernt zu haben, die Befunde aus ihrem Fach in ihrer Relevanz für die eigene Arbeit einschätzen zu können, gegebenenfalls anzuwenden und das, was neu entsteht, aufzugreifen – sich lebenslang das sich weiter entwickelnde Wissen des eigenen Fachs zu holen.

Wie ließe sich das verbessern?
Ein Ansatzpunkt ist, das Studium entsprechend zu verändern. Im Rahmen meines Forschungsprojekts am CAS befassen wir uns aktuell unter anderem mit der Frage, ob und wie sich wissenschaftliches Denken mit bestimmten Interventionen gezielt fördern lässt und ob das fachübergreifend möglich ist. Ein anderer Ansatz ist es, die Aufbereitung der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu verändern, sodass Praktiker sie besser nutzen beziehungsweise überhaupt finden können.

Sollten wissenschaftliche Erkenntnisse also allgemeinverständlich erklärt sein?
Sicher ist das auch wichtig. Man muss aber nicht wie mit Laien kommunizieren, da ja schon im Studium eine bestimmte Fachsprache gelernt wurde, aber eben auch nicht wie mit Fachkollegen auf wissenschaftlichen Konferenzen. Es kommt auf beides an: die Studierenden besser zu qualifizieren, damit sie später in der Praxis erkennen, dass sich ein Problem mit wissenschaftlichen Methoden und Konzepten lösen lässt. Und zudem müssen Aufbereitungen von wissenschaftlichem Material leicht zugänglich sein. Eine andere Möglichkeit ist, die Darstellungsweise zu vereinfachen. Wir haben zum Beispiel im Rahmen einer experimentellen Untersuchung festgestellt, dass beim Lesen von speziell gestalteten Kurzfassungen von Studien, die durchaus auch Fachbegriffe enthalten, mehr hängen bleibt als wenn der gesamte Artikel zur Verfügung steht.

Aber auch solche Kurzfassungen müssen ja wahrgenommen und gelesen werden.
Noch fehlt die Schnittstelle. Eine wichtige Rolle könnte dabei die wissenschaftliche Weiterbildung spielen. Ideal wäre ein wechselseitiges Commitment, etwa dass sich Lehrkräfte lebenslang in ihrer Wissenschaft weiterqualifizieren. Auf der anderen Seite könnten Hochschulen systematisch Netzwerke bilden, um Lehrkräfte regelmäßig an die Uni zurückzuholen oder um Fortbildungen an den Schulen anzubieten. Das gibt es zwar schon in Ansätzen, könnte aber noch deutlich verstärkt werden.

Welche Auswirkung hat die Digitalisierung auf das wissenschaftliche Denken?
Wenn es um die Nutzung wissenschaftlicher Evidenz in der Praxis geht, sind Suchmaschinen große Hilfsmittel. Man kommt leichter an Informationen heran, aber das heißt nicht, dass man gut aufbereitete Materialien findet, die auch zu verstehen sind. In der Medizin wird bereits darüber geforscht, wie es den diagnostische Prozess beeinflusst, dass manche Patienten schon mit viel Wissen zum Arzt kommen. Die Rede ist von einem „shared clinical reasoning“. Das könnte künftig auch in anderen Bereichen eine Rolle spielen. Mithilfe neuer Technologien lassen sich auch Lernumgebungen entwickeln, die wissenschaftliches Argumentieren gezielt fördern, etwa durch Visualisierungstechniken.

Frank FischerProfessor Frank Fischer ist Ordinarius für Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie an der LMU. Sein Forschungsschwerpunkt ist die interdisziplinär ausgerichtete Lernforschung. Seit dem Jahr 2009 koordiniert er zudem das Munich Center of the Learning Sciences. Zurzeit ist Frank Fischer Senior Researcher in Residence am Center for Advanced Studies der LMU und forscht dort unter anderem darüber, welche Fähigkeiten für wissenschaftliches Denken zentral sind und wie diese gezielt gefördert werden können.