Ludwig-Maximilians-Universität München
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Forschungsprojekt

Als die Bibel die Religionen verband

München, 24.03.2016

Vom achten Jahrhundert an wurden das Alte und das Neue Testament ins Arabische übersetzt. LMU-Judaistikprofessor Ronny Vollandt untersucht diese bislang wenig erforschte und einzigartige Übersetzungsgeschichte der heiligen Schrift.

Die Abbildung zeigt eine frühe arabische Übersetzung des Pentateuch und des Buches Daniel. (Aufnahme und Bildrechte: Katharinenkloster, MS Sinai, Ar. 2.)

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Ronny Vollandts Forschung führt ihn täglich um Jahrhunderte zurück in die Blütezeit des Islam, der sich einst weit über die arabische Halbinsel hinaus erstreckte und bis zur Iberischen Halbinsel und an die Grenzen Chinas reichte. Die Mehrheit der Bevölkerung war nach der islamischen Eroberung, die im siebten Jahrhundert begann, zunächst nicht muslimisch, sondern jüdischen und christlichen Glaubens. Sie alle einte nun das Arabisch, das zur Verkehrssprache wurde – mit weitreichenden Folgen. Christen und Juden übernahmen zunehmend Arabisch als Umgangssprache und vergaßen allmählich ihre eigenen Sprachen. Das bedeutete auch: Sie konnten die Bibel in den Ursprungssprachen ihrer Religionen nicht mehr lesen und verstehen.

„Somit begannen Juden, Christen und Samaritaner, eben die Gruppierungen, die der Koran als ahl al-kitāb, die Schriftbesitzer, bezeichnet, nun zunehmend ihre Texte in arabischer Sprache, ihrer Umgangssprache zu verfassen“, sagt Ronny Vollandt. Dabei behielten sie oft ihre eigenen Schriftzeichen bei. Die ältesten Handschriften lassen sich bis ins achte Jahrhundert zurückverfolgen. „Das ist genau der Zeitpunkt, zu dem sich das Verhältnis der Religionen umkehrt. Die Muslime sind nun in der Mehrheit. Die Übersetzungen hatten also nicht nur die Funktion, die heiligen Texte allen zugänglich zu machen und die eigene Tradition zu wahren. Sie hatten auch ein gewisses apologetisches Element, dahinter steckte die Absicht, dem Konversionsdruck etwas entgegenzusetzen“, sagt Ronny Vollandt.

Vollandt ist Inhaber der Professur für Judaistik am Institut für den Nahen und Mittleren Osten der LMU und untersucht als Leiter des Projekts „Biblia Arabica: Die Bibel auf Arabisch unter Juden, Christen und Muslimen“ eine Vielzahl an handschriftlichen arabischen Bibelübersetzungen, die bislang kaum wissenschaftlich erschlossen sind.

Über Religionsgrenzen hinweg
Die berühmteste dieser Übersetzungen stammt von Saadia Gaon, der von 882 bis 942 in Ägypten lebte und zu den herausragenden Gelehrten seiner Zeit zählte. Um das Jahr 920 übersetzte er weite Teile der hebräischen Bibel ins Arabische, aber mit hebräischen Buchstaben. Seine Übersetzung wurde für die jüdischen Gemeinschaften verbindlich, die im Nahen Osten, Nordafrika und Spanien lebten. Zu einem Zeitpunkt, der sich von der Forschung bislang noch nicht bestimmen lässt, wurde sie in arabische Buchstaben übertragen – ein entscheidender Wendepunkt in ihrer Überlieferungsgeschichte. Denn nun war sie auch für Christen zugänglich, die sie ebenfalls weiterreichten. Auch muslimische Autoren fingen nun an, die Übersetzung zu zitieren. „Daran sieht man, wie einfach Texte aus dem jüdischen in den christlichen und muslimischen Kontext wanderten. Man musste einfach die Schrift verändern“, sagt Vollandt. Im 17. Jahrhundert ging die Übersetzung von Saadia Gaon schließlich in der Fassung in arabischer Schrift, die im Gebrauch koptischer Christen stand, in Europa in die Pariser Polyglotte, eine mehrsprachige Bibelausgabe, ein.

„Die arabischen Übersetzungen der Bibel haben sehr oft die Religionsgrenzen überschritten. In diesem Sinn kann man die arabische Bibel als eine Art Meeting Point, eine Schnittstelle der verschiedenen Religionen sehen. Die arabischen Übersetzungen der heiligen Texte waren von Bedeutung für die Anhänger aller drei monotheistischen Religionen. Das ist einzigartig für Bibelübersetzungen“, sagt Vollandt. Auch muslimische Gelehrte arbeiteten mit den arabischen Übersetzungen. „Nach muslimischen Glauben sind auch das Alte und das Neue Testament Offenbarungen Gottes, wenn auch verfälschte und nun aufgehoben. Der Koran ist in seinem eigenen Selbstverständnis das letzte vollkommene Glied in einer Kette progressiver göttlicher Offenbarungen. Muslime hatten schon immer eine Wertschätzung und ein gewisses Interesse an den biblischen Schriften, wenn dies auch als ambivalentes Verhältnis beschrieben werden kann. Es finden sich aber auch immer wieder Fälle, in denen muslimische Gelehrte die Bibel zur Untermauerung ihrer eigenen theologischen Argumentation heranzogen oder im Kontext der interreligiösen Polemik.“

Inwieweit hat die Bibel den Koran beeinflusst?
Eine weitere Besonderheit der arabischen Bibel ist die Vielfalt und Vielzahl der Übersetzungen. Jede Religionsgemeinschaft hatte ihre eigene Übersetzungstradition, die etwa auf dem Text der hebräischen Bibel, der griechischen Septuaginta, der syrischen Peschitta, der koptischen Bibel oder selbst der lateinischen Vulgata basierte. Im Rahmen des Projekts sollen auch die historisch-kulturellen Hintergründe herausgearbeitet und analysiert werden, inwiefern sich die Übersetzer der verschiedenen Glaubensrichtungen gegenseitig beeinflussten und welche Absichten sie verfolgten.

„Die große Frage, die kontrovers diskutiert wird, ist natürlich, ob die erste arabische Bibel vorislamisch gewesen sei. Der Koran enthält sehr viele biblische Narrative, die Josephssure ist dabei das längste. Auch die Figur Moses ist zum Beispiel sehr präsent“, sagt Vollandt. Inwiefern hatten Muslime Zugang zu einer Übersetzung der biblischen Schriften in arabischer Sprache? Und hat dies womöglich die Entstehung des Korans beeinflusst? „Nach dem derzeitigen Forschungsstand gehen wir davon aus, dass es zwar eine gewisse Form der mündlichen, aber keine schriftliche Übersetzung der Bibel ins Arabische gab. Die Übersetzungen scheinen allerdings primär den internen Bedürfnissen der jüdischen und christlichen Gemeinschaften gedient zu haben.“ Ronny Vollandt hat selbst insbesondere zu den Übersetzungen des Pentateuch, das die fünf Bücher Moses enthält, gearbeitet. Gerade in den frühen arabischen Übersetzungen des Pentateuch fällt auf, dass die Sprache an den Koran erinnert. In einer der Handschriften (die heute im Katharinenkloster im Sinai aufbewahrt wird, siehe Abbildungen) wird in der arabischen Übersetzung zum Beispiel exakt dieselbe Formulierung für eine bestimmte Passage der Josephgeschichte verwendet wie im Koran. „Das ist kein Zufall. Auf diese Weise wollten die Christen zeigen: Alles, was im Koran steht, ist in unseren Offenbarungen bereits enthalten. Das zeigt wieder das apologetische Element der Übersetzungen“, sagt Vollandt.

Späte Pioniere
Die vermutlich älteste bekannte Übersetzung des Pentateuch in arabischer Sprache befindet sich im Katharinenkloster auf der Sinai-Halbinsel in Ägypten, einem der ältesten christlichen Klöster, die auch heute noch bewohnt sind. Die Zahl der handschriftlichen arabischen Übersetzungen ist so groß, dass die Forscher noch dabei sind, den Bestand aufzuarbeiten. Ronny Vollandt geht davon aus, dass es noch unentdeckte Übersetzungen gibt. Ziel seines Teams ist es, die wichtigsten arabischen Übersetzungen, die sich heute vor allem in Klöstern des Nahen Ostens, aber auch in Bibliotheken auf der ganzen Welt befinden, zu erfassen und zu beschreiben und eine Bibliographie der arabischen Bibel zu erstellen.

„Die arabischen Übersetzungen sind lange von der Forschung vernachlässigt worden, da sie wesentlich jünger sind als etwa die griechischen Übersetzungen, die in die Antike fallen. Außerdem sind es häufig Übersetzungen von Übersetzungen, so dass sie für die Textkritik in der Bibelwissenschaft keinen Wert haben“, erklärt Ronny Vollandt die späte Pionierarbeit seines Teams. Die Arabistik hingegen fokussierte sich bislang auf die muslimische Literatur. Die Bedeutung der arabischen Übersetzungen wurde erst durch die jüngeren Forschungsarbeiten der vergangenen Jahre klar. „Die arabischen Bibelübersetzungen sind Teil der Auslegungstraditionen der jüdischen und christlichen Gemeinschaften unter dem Islam und ein integraler Bestandteil ihrer Kultur“, sagt Vollandt. Sie zeugen zudem von einem Zeitalter, in dem es über die Bibel einen einzigartigen kulturellen und intellektuellen Austausch zwischen den Schriftgelehrten aller drei monotheistischen Religionen gab.

portrait_130_webProfessor Ronny Vollandt ist Professor für Judaistik am Institut für den Nahen und Mittleren Osten der LMU. Er leitet das Projekt „Biblia Arabica: The Bible in Arabic among Jews, Christians and Muslims“.

 

 

Biblia Arabica
Das "Projekt „Biblia Arabica": The Bible in Arabic among Jews, Christians and Muslims“ wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen der Deutsch-Israelischen Projektkooperationen unterstützt. Es startete im Jahr 2013 an der FU Berlin unter der Leitung von Professor Sabine Schmidtke in Kooperation mit der Universität Tel Aviv, und wird seit 2015 nach erfolgreicher Evaluation an der LMU unter der Leitung von Ronny Vollandt sowie unter der Leitung von Professor Camilla Adang und Professor Meira Polliack an der Universität Tel Aviv weitergeführt. Die Projektergebnisse werden im Rahmen der Buchserie „Biblia Arabica: Texts and Studies“ publiziert.