Ludwig-Maximilians-Universität München
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2400 Jahre Aristoteles

Die Wiederkehr des Allrounders

München, 13.05.2016

Aristoteles ist einer der bekanntesten Philosophen und war unter anderem Lehrer des späteren Welteroberers Alexander des Großen. Warum seine Arbeiten auch heute noch lesenswert sind, sagen der Philosoph Christof Rapp und der Altphilologe Oliver Primavesi.

Aristoteles-Statue vor der Bayerischen Staatsbibliothek (Foto: Anselm Baumgart / fotolia.com)

Der britische Philosoph Alfred Whitehead hat einmal behauptet, die philosophische Tradition Europas bestehe aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon. Warum sollten wir uns heute noch ausgerechnet mit Aristoteles beschäftigen?

Primavesi: Aristoteles ist Schüler Platons, aber er hat seine eigene Philosophie in einer sehr tiefgehenden Kritik der Platonischen Philosophie entwickelt und dabei Antworten gefunden, die sich als viel haltbarer und aktueller darstellen als die von ihm kritisierten platonischen Positionen. Zwei Beispiele. Erstens die Logik: In der Logik ist es wichtig, ob ein Argument schlüssig ist, ob die Schlussfolgerung aus den Prämissen tatsächlich folgt. Die Schlüssigkeit eines Arguments ist aber etwas anderes als die Wahrheit der beteiligten Sätze. Diesen Unterschied hat Aristoteles gegen Platon durchgesetzt. Zweitens die Biologie: Beide Denker sind sich darüber einig, dass Erkenntnis nur von etwas Stabilem möglich ist. Ein verfließendes Objekt sperrt sich wissenschaftlich zuverlässiger Erkenntnis. Platon suchte diese Objekte in der Annahme unveränderlicher Formen oder Ideen, von denen dann die empirischen Gegenstände die Abbilder seien. Daran hat Aristoteles massive Zweifel geäußert und an die Stelle der Ideen die Formen des Lebens gesetzt. Das hat ihn zum Begründer der Biologie gemacht.

Rapp: Ich habe noch ein drittes Beispiel: Platon vertritt die Auffassung, dass es eine Einheitswissenschaft gebe, innerhalb derer alle Dinge dadurch erkannt werden, dass man ein Prinzip der Philosophie entdeckt und versteht. Aristoteles dagegen ist der Erfinder eines einzelwissenschaftlichen Systems, in dem es verschiedene Wissensbereiche mit unabhängigen Prinzipien und Rationalitätsstandards gibt. Und jeder dieser Bereiche verdient es, erforscht und rational erfasst zu werden - auch wenn die Genauigkeitsstandards in Teilbereichen - wie etwa in der Politik oder in der Ethik - nicht so hoch sind wie zum Beispiel in der Geometrie.

Aristoteles entwickelt seine Verfassungstheorie anhand der Polis, eines kleinen Raumes freier Bürger, zu dem weder Frauen noch Sklaven oder Kinder gehören. Von Demokratie im heutigen Sinne ist das weit entfernt. Was hat uns Aristoteles in politischer Hinsicht heute zu sagen?

Rapp: Die Art von Polis, über die er philosophiert hat, gab es schon bald nach seinem Tod nicht mehr. Was wir heute in seiner Theorie empörenswert finden – etwa, dass Frauen kein Wahlrecht haben oder die Sklaverei – spiegelt die damalige Praxis und den Konsens vieler Theoretiker seiner Zeit. Aristoteles versteht unter Demokratie eine Form von Volksherrschaft, die aus dem Ruder gelaufen ist, weil sie auf das Partikularwohl einer armen Klasse auf Kosten der Wohlhabenden zielt. Aber er hat auch einen positiven Begriff von Volksherrschaft: die Politie zum Wohl aller. Und da liefert er ziemlich interessante Gedanken. Zum Beispiel, dass man schon um des inneren Friedens willen nicht eine Vielzahl von Bürgern dauerhaft von der politischen Partizipation ausschließen kann.

Primavesi: Die radikale Demokratie hatte sich aufgrund des eigenen Prinzips der Partizipation als unstabil erwiesen und Athen in den Untergang geführt. Die Gleichberechtigung der freien Männer ging so weit, dass bei der Bestellung politischer Ämter das Los entschied und so die sichtliche Überlegenheit Einiger irrelevant gestellt wurde. Das war das Problem - und Platon antwortet darauf mit einem radikal antidemokratischen Modell in der Politeia. Vor diesem Extrem einer radikalen Demokratie, die sich selbst zur Explosion gebracht hat, einerseits und Platons Politeia andererseits entwickelt Aristoteles verschiedene ausgleichende Modelle und überprüft sie auf ihre mögliche Stabilität. Und das finde ich in heutiger Perspektive, die nicht mehr so selbstgewiss wie vor 20 oder 30 Jahren in der westlichen Parteiendemokratie das Ideal sieht, sehr interessant.

Rapp: Ja, und eine angebotene Lösung ist die mittlere Verfassung und die Idee eines Proto-Mittelstandes. Das beruht auf keiner moralische Beurteilung, sondern auf einer rein pragmatischen Überlegung: Aristoteles geht davon aus, dass politischer Umsturz und Gesetzlosigkeit der schlimmste Zustand überhaupt seien und dass radikalisierende Demokratien in eine Tyrannis münden.

Sollte, wer heutzutage Logik lernen will, Aristoteles lesen? Oder ist das nur Zeitverschwendung?

Primavesi: Dass sie überholt sei, trifft gerade für die Logik am allerwenigsten zu. Wenn etwas dafür verantwortlich ist, dass große Teile des Aristotelischen Werkes heute diskutiert werden wie Beiträge eines Zeitgenossen, dann ist das die Logik. Aus der Logik kommt das Revival des Aristoteles in die jeweils zeitgenössische Philosophie.

Rapp: Genau. Man kann völlig neidlos anerkennen, dass die formale Logik seit Frege und Russell große Fortschritte gemacht hat, ohne deswegen das Verdienst des Aristoteles in formaler Logik leugnen zu müssen. Immerhin war Aristoteles der erste, der auf wenigen Buchseiten ein vollständiges formales logisches System entwickelt hat. Einige moderne Argumentationstheoretiker finden gar, dass uns die formale Logik, wie sie heute in den logischen Departments praktiziert wird, keine gute Handhabe für echte Argumentation bietet – und führen deshalb gegen die formale Syllogistik des Aristoteles seine Topik ins Feld.

Mit der Aufklärung, mit Kants Pflichtethik, ist Aristoteles Tugendethik in Verruf geraten. Warum befindet sie sich seit einigen Jahren wieder im Aufwind?

Primavesi: Auf der Pflicht eine Ethik aufzubauen, ist im Lauf des 20. Jahrhunderts in Verruf gekommen. Das ist also eine unverdiente oder kontingente Wiederbelebung der Aristotelischen Ethik. Aber auch in diesem Zusammenhang ist der Kontrast zu Platon interessant. Platon entwirft eine intellektualistische Ethik, die keinen Zwischenraum lässt zwischen richtiger Erkenntnis und richtigem Handeln. Das Wohltuende, Flexible und Anschlussfähige der Aristotelischen Ethik besteht in der kategorialen Unterscheidung zwischen sogenannten dianoetischen Tugenden (Verstandestugenden) und ethischen Tugenden. Rationale Tugenden entspringen dem Verstand und können gelehrt werden, die Bezwingung der Begierden durch die irrationalen Tugenden erfolgt durch Gewöhnung. Eine Unterscheidung, die sich als viel realistischer erweist als alles auf die Erkenntnis zu stellen.

Rapp: Es gibt aber auch innerphilosophische Gründe: Die vorherrschenden Ethiken wie der Konsequenzialismus und die Pflichtenethik können die Frage, was denn der moralisch Handelnde davon hat, dass er gut handelt, nicht gut beantworten. Auf diese Weise wird das handelnde Subjekt systematisch überfordert. Die Pflichtenethik und die konsequenzialistische Ethik verdrängen zudem die Frage „Wie soll ich leben?“, die in der Antike Ausgangspunkt der Ethik war. „Worin besteht das glückliche Leben für mich?“ beantworten die meisten Tugendethiker der Antike, vor allem auch Aristoteles, mit: „In der Ausübung der Tugenden." Zwischen tugendhaftem Handeln und der Frage, was ich davon habe und worin mein gutes Leben besteht, besteht dann keine grundsätzliche Spannung mehr. Ich denke, dass der antike Tugendbegriff in der neuzeitlichen Philosophie gerne absichtlich etwas dumm geredet oder unplausibel interpretiert wurde.

Aristoteles wurde sowohl im Orient und Okzident rezipiert. Könnte in Zukunft auch darin Aristoteles' Bedeutung als verbindendes Element liegen?

Primavesi: Im 12. Jahrhundert war das Aristoteles-Verständnis in der islamischen Welt nachweislich dem westlichen überlegen, und die großen westlichen Kommentatoren, vor allem Thomas von Aquin, haben auf Ibn Rushd Averroes zurückgegriffen – um ihn nachher zu beschimpfen. Die Frage ist nur, ob darin ein Paradigma für einen west-östlichen Diwan liegt. Und da möchte ich ein bisschen Essig reingießen, denn Ibn Rushd war in der arabischen Welt ein Außenseiter. Er hat zwar eine Fatwa geschrieben, dass voraussetzungsloses Philosophieren sich aus dem Koran als Pflicht des Gläubigen erweisen lässt. Aber das hat ihm nichts genützt. Er musste das arabische Spanien verlassen und ging nach Marokko ins Exil. Der Westen hat damals dankbar von der überlegenen arabischen Kultur gelernt. Aber dieser Aspekt ist schon zu Lebzeiten des Ibn Rushd erstickt worden. Interview: Maximilian G. Burkhart

Noch bis 11. Juli findet montags von 18 bis 20 Uhr die Vorlesung 2400 Jahre Aristoteles im Hauptgebäude der LMU, Geschwister-Scholl-Platz 1, Raum M 218, statt. Im Oktober 2016 erscheint zudem das Buch „Aristoteles“ von Oliver Primavesi und Christof Rapp im Verlag C.H.Beck.

 

primavesiProf. Dr. Oliver Primavesi (Lehrstuhl für Griechische Philologie I der LMU) arbeitet vor allem zur Philosophie des Vorsokratikers Empedokles von Agrigent und zur Textkritik der Werke des Aristoteles. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt ist die Aristotelische Dialektik.

 

 

 

 

rappProf. Dr. Christof Rapp arbeitet vor allem zur Philosophie der Antike und deren Verhältnis zu modernen Debatten in Ontologie, Ethik, Handlungstheorie, Argumentationstheorie und Philosophie des Geistes. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt stellt die antike Rhetorik dar. Zur Zeit ist Professor Christof Rapp Direktor des Center for Advanced Studies der LMU.