Ludwig-Maximilians-Universität München
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Interview zur Tagung Ethik 2.0

„Hetze ist Hetze – auch im Netz“

München, 18.11.2015

Gelten bei Facebook und Twitter andere Regeln als in der realen Welt? Dr. Jasmin Siri über den Umgang mit Hasskommentaren in sozialen Netzwerken.

Foto: xurzon / fotolia.com

Facebook wird derzeit massiv dafür kritisiert, dass nicht alle Hasskommentare gelöscht, Nacktbilder jedoch umgehend aus dem Netz entfernt werden. Wie wird in den Social Media-Kanälen zensiert?
Dr. Jasmin Siri: Jedes soziale Medium wie Facebook, Twitter oder Instagram funktioniert anders, hat andere Regeln und zensiert ganz unterschiedlich. Dass ein amerikanisches Unternehmen eher Bilder mit Brustwarzen verbietet als Hasskommentare, ist eine Frage der politischen Kultur. Zudem gelten auch im Netz die Grenzen des Straf- und Zivilrechts: Jeder Nutzer kann wegen einer Beleidigung angezeigt werden. Allerdings gehen Unternehmen wie Facebook nicht von sich aus gegen Hasskommentare vor. Nutzer müssen offensive Tweets, Posts oder Kommentare erst melden. Dann wird überprüft, ob ein Profilinhaber gesperrt wird.

Vor allem im Zusammenhang mit Pegida wird immer wieder der Umgang mit rassistischen Beiträgen in sozialen Medien diskutiert. Steigt die Zahl der Hasskommentare an?
Shitstorms und Hasskommentare sind nichts Neues: Einen historischen Shitstorm gab es zum Beispiel schon gegen Friedrich Ebert. Von ihm wurden Fotos in damals für unzüchtig gehaltenen Badehosen veröffentlicht, um ihn zu demontieren. Neu ist dagegen die steigende Anzahl der Nutzer von Social Media-Kanälen – allein Facebook hat inzwischen ungefähr 28 Millionen User in Deutschland – und damit mag auch die Anzahl der Hasskommentare steigen. Zudem bilden sich seit einigen Jahren neue netzpolitische Formationen, die sich als Gegenöffentlichkeit zum Mainstream sehen. „Lügenpresse“ und „Volksverräter“ sind gängige Begriffe, die wir in diesem Kontext neu lesen. Interessant ist: Diese Gruppen – von Rechtspopulisten über christliche Fundamentalisten bis zu Verschwörungstheoretikern und sogenannten „Anti-Genderisten“ – treten alle mit dem Anspruch auf, eine eindeutige Wahrheit gegen eine feindselige Umwelt zu vertreten. Und innerhalb dieser Gruppen wird so eine Stimmung erzeugt, in der die Äußerung von Hasskommentaren ganz normal ist.

Kann sich das auch wieder ändern?
Was sich wohl nicht ändern wird, ist das, was der amerikanische Forscher Cass Sunstein als „Echokammerprinzip“ beschrieben hat. Echokammer meint, dass wir uns in sozialen Medien vor allem mit Menschen umgeben, die unsere eigene Meinung teilen. Die Folge davon ist, dass wir abweichende Meinungen nicht mehr gewöhnt sind und uns in diesen „Blasen“ starker Freund-Feind-Unterscheidungen bedienen. Und das manifestiert sich auch auf der Straße: Pegida hat zum Beispiel sehr starke Facebook-Gruppen. Zudem gibt es Provokateure, die das Prinzip des Shitstorms strategisch für sich nutzen. In der Netzsprache redet man hier von „Trollen“. Ein gutes Beispiel dafür ist die Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach, die regelmäßig mit Twitterkommentaren provoziert. So hat sie zum Beispiel die Trauer im Netz um Helmut Schmidt dafür genutzt, um einen – wie viele fanden – pietätlosen Kommentar zu schreiben, mit dem sie klar provozieren wollte. Sie zitierte Helmut Schmidt mit den Worten „Wir können nicht mehr Ausländer verdauen, das gibt Mord und Totschlag“, um für ihre eigene Politik werben.

Wie gehen Sie selbst mit Hasskommentaren bei Facebook und Twitter um?
Als Mitarbeiterin am Lehrstuhl für allgemeine Soziologie und Gender Studies bei Paula-Irene Villa bekomme ich häufig Hasskommentare und Angriffe auf die Gender Studies mit. Diese Szene wird jetzt glücklicherweise auch beforscht, zum Beispiel in dem aktuell beim transcript Verlag erschienenen Buch von Sabine Hark und Paula-Irene Villa über „Antigenderisten“. Diese Forschung ist wichtig, um die politischen und psychologischen Motive und ideologischen Grundlagen zu verstehen, die zu den oft bizarren Angriffen – im Netz und außerhalb des Netzes – führen. Ich selbst habe in meiner eigenen Social-Media-Nutzung immer mal wieder versucht, auf negative Postings und Angriffe auf Facebook oder Twitter zu reagieren, zum Beispiel wenn die Frauen- und Geschlechterforschung oder Gender Studies denunziert wurden. Allerdings habe ich gemerkt, dass es fast unmöglich ist, eine gemeinsame Gesprächsbasis zu finden. Meine Gesprächs- oder Schreibpartner haben mir von Anfang an unterstellt, dass ich lüge und hatten wenig Lust auf eine sachliche Diskussion oder Gegenargumente. Und das ist paradox: Auf der einen Seite beklagen viele, dass man seine Meinung aufgrund von Political Correctness nicht mehr äußern dürfe. Anderseits wird dieser Vorwurf genutzt, um sich selbst der sachlichen Diskussion zu entziehen, indem jedes auch noch so höflich vorgetragene Gegenargument als „Meinungsdiktatur“ oder bewusste „Falschinformation“ diskreditiert wird. Diese Konstellation ist für unsere Gesellschaft eine ethische Herausforderung.

Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Facebook-Manager wegen des Verdachts der Beihilfe zur Volksverhetzung. Ist das der richtige Umgang mit diesem Thema?
Man muss deutlich machen, dass Hetze Hetze ist – auch im Netz. Und, dass es für die Strafwürdigkeit keine Rolle spielt, ob ich jemandem ins Gesicht sage „Ich will, dass du stirbst“ oder schreibe. Anderseits ist die Hemmschwelle, etwas anonym zu schreiben viel geringer. Und nicht jeder, der einen Hasskommentar schreibt, greift morgen zum Messer. Aber: Es gibt ein kollektives Sinken von Hemmschwellen – wie auch etwa die Forschung zum Nationalsozialismus zeigt. Daher muss man Hasskommunikation im Netz ernst nehmen.

Bei der Tagung zu Ethik 2.0 sprechen Sie von Hass, Protest und Zuwendung in Social Media-Kanälen. Wie äußert sich Zuwendung im Netz?
Wenn es um Ethik im Netz geht, sprechen wir oft über Negativfälle, so wie ich gerade auch. Mir ist jedoch wichtig zu sehen, dass Medien nicht von sich aus einfach gut oder böse sind. Auch ein Brief kann eine Kriegserklärung oder ein Liebesbrief sein. Das Gleiche gilt im Netz: Dort wird nicht nur gehasst, sondern es wird auch Zuwendung und Anerkennung gespendet. Menschen formulieren dort frustrierende Erfahrungen und werden getröstet. Nach traumatischen kollektiven Erfahrungen wie Terrorattentaten wird im Netz der Solidarität mit den Opfern Ausdruck verliehen. Und die vielen sachlichen Kommentare – wie etwa bei Spiegel online – zeigen, wie wenig politikverdrossen viele Menschen sind und wie gerne sie mit anderen über Politik und Gesellschaft diskutieren. Und daran sehen wir, dass auch viel positives Potenzial in der Öffentlichkeit von Social Media-Kanälen liegt.

Die Vortragsreihe Ethik_2.0? Zur #normativen Dimension des digitalen Lebens findet am Samstag, den 21. November 2015, von 10 – 16 Uhr im Münchner Kompetenzzentrum Ethik statt.

jasmin_siri

Dr. Jasmin Siri ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der LMU.

 

 

 

 

 

Interview: Constanze Drewlo