Ludwig-Maximilians-Universität München
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Chronobiologie

Neues Schichtsystem mindert sozialen Jetlag

München, 12.03.2015

Ein erster Praxistest zeigt: Der inneren Uhr angepasste Arbeitszeiten können Schichtarbeitern zu mehr Schlaf verhelfen und ihren sozialen Jetlag vermindern.

Foto: eyetronic / fotolia.web

Wer kennt nicht das Gefühl, unausgeschlafen den Tag wie durch Nebel zu erleben? Arbeitszeiten und Termine nehmen oft wenig Rücksicht auf biologische Rhythmen. „Die Diskrepanz zwischen ihrer inneren Uhr und den Anforderungen der Außenwelt führt bei vielen Menschen zu einem sozialen Jetlag, also einer umweltbedingten Störung ihres natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus“, sagt der LMU-Chronobiologe Professor Till Roenneberg. Besonders problematisch ist dies für Schichtarbeiter. Roenneberg konnte mit seinem Team nun erstmalig eine Studie in einem Betrieb durchführen und zeigen, dass eine Anpassung des Schichtsystems an den jeweiligen Chronotyp der Arbeiter den sozialen Jetlag vermindern kann.

Die Schlafpräferenzen jedes Menschen sind genetisch festgelegt: Eine Nachteule wandelt sich auch dann nicht zum Frühaufsteher, wenn über Jahre jeden Morgen der Wecker klingelt. Wer dauerhaft gegen seine innere Uhr lebt, dem drohen gesundheitliche Beeinträchtigungen bis hin zu schweren Erkrankungen wie Atherosklerose oder sogar Krebs. „Besonders Nachtarbeit und Schichtbetrieb sind extrem ungesund“, sagt Roenneberg, „durch den Schlafmangel wird der Organismus generell geschwächt und die Reparatursysteme des Körpers arbeiten schlechter“.

Schichtwechsel mit Rücksicht auf den Chronotyp

Die Situation verbessern kann eine Umorganisation des Schichtsystems, wie Roenneberg nun zeigen konnte: „Dank eines visionären Arbeitsdirektors der Firma ThyssenKrupp Steel Europe hatten wir die Chance, die Auswirkungen eines an den Chronotyp angepassten Schichtsystems im laufenden Betrieb zu untersuchen“, sagt Roenneberg.

Dazu bestimmten die Wissenschaftler zunächst die Schlafmuster der an der Studie teilnehmenden Mitarbeiter und teilten diese in frühe, späte oder mittlere Chronotypen ein. Dann wurden die Schichten so angepasst, dass die extremen Chronotypen keine Schichten übernehmen mussten, die ihrer inneren Uhr besonders zuwider laufen – früh aktive ,Lerchen´ also keine Nachtschichten und von Natur aus noch spät aktive ,Nachteulen´ keine Frühschichten. Die mittleren Chronotypen dienten als Kontrolle.

Mehr Schlaf durch angepasste Arbeitszeiten

Am Anfang und am Ende der fünfmonatigen Versuchsphase untersuchten die Wissenschaftler anhand von Fragebögen und Aktivitätsmessungen unter anderem das Schlafverhalten und das allgemeine Befinden der Probanden. Im Ergebnis schliefen die Arbeiter nach der Umorganisation an Werktagen durchschnittlich eine Stunde länger, sodass ihr sozialer Jetlag entsprechend gemindert wurde. Zudem führten die angepassten Arbeitszeiten zu leichten Verbesserungen im subjektiven Wohlbefinden. Frühaufsteher empfanden die Verbesserungen insgesamt stärker als die Langschläfer, was zeigt, dass Nachtschichten für alle Chronotypen hart sind – letztendlich sind auch Nachteulen nicht dafür geschaffen, die ganze Nacht durchzumachen.

Weitere Studien folgen

„Insgesamt weisen unsere Ergebnisse erstmals nach, dass die Umorganisation von Schichten in der Praxis prinzipiell funktionieren und den sozialen Jetlag mindern kann“, sagt Roenneberg, „allerdings war die untersuchte Stichprobe eher klein, sodass weitere Studien mit größeren Stichprobenzahlen durchgeführt werden sollten“. Weitere Studien sind auch wünschenswert, um zu untersuchen, inwiefern die Ergebnisse auf andere Lebensbereiche – etwa andere Berufsgruppen oder Schüler – ausgeweitet werden können. Als nächsten Schritt untersucht Roenneberg derzeit die Zusammenhänge zwischen Schichtarbeit, Schlafdauer und Gesundheit im Rahmen kontrollierter Laborexperimente. „Wir wissen, dass das Schlafverhalten weit reichende Konsequenzen für die Gesundheit hat. Daher hoffen wir, dass unsere Erkenntnisse letztlich die Arbeitskultur und das generelle Zeitmanagement verändern werden“, sagt Roenneberg.
(Current Biology 2015)   göd