Ludwig-Maximilians-Universität München
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Erwerb von Fremdsprachen

Richtig gehört, falsch gesprochen

München, 12.05.2015

Eine neue Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe an der LMU erforscht den Lauterwerb beim Lernen von Fremdsprachen: Warum tun wir uns mit der Aussprache oft so schwer, obwohl wir die Fehler bei anderen sofort hören?

On se won händ

„On se won händ“ statt „On the one hand“ – EU-Kommissar Günther Oettinger musste schon viel Spott einstecken für seinen starken deutschen Akzent bei englischen Reden. Dabei ist er mit seinem Akzentproblem bei Weitem nicht allein, wie es nicht nur viele andere Prominente laufend öffentlich vorführen, sondern wie es fast jeder auch aus eigener Erfahrung kennt. „Wer eine Fremdsprache erlernt, macht oft trotz jahrelangen Übens Fehler in der Aussprache“, sagt Dr. Eva Reinisch vom Institut für Phonetik und Sprachverarbeitung der LMU. In einem neuen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit einer Emmy-Noether-Förderung unterstützten Projekt wird die Sprachwissenschaftlerin in den kommenden Jahren untersuchen, warum es so schwierig ist, akzentfrei eine Fremdsprache zu erlernen. „The impact of auditory feedback on error monitoring and phonetic category representation in a second language“ lautet der Titel ihres Projekts

„Das Paradoxe ist, dass man häufig die Aussprachefehler anderer wahrnimmt, sie bei sich selbst aber nicht korrigieren kann“, sagt Reinisch. In ihrem Forschungsprojekt wird sie genau dieser Asymmetrie auf den Grund gehen. Dabei werden vor allem zwei mögliche Ursachen näher untersucht. Zum einen ist die Wahrnehmung einer fremden Sprache nicht so einfach, wie man gemeinhin meint. „Die Laute der Fremdsprache werden erst angepasst in die Laute der Muttersprache. Das heißt: Man nimmt die fremden Laute nicht so gut wahr wie die muttersprachlichen“, sagt Reinisch. Zum anderen könnte es an misslungenen Versuchen liegen, sich selbst zu korrigieren – weil man dabei entweder zu viel oder zu wenig macht.

„Wir passen unsere Wahrnehmung an die Aussprache unseres Gegenübers an, um ihn zu verstehen. Eine gewisse Flexibilität ist also notwendig. Doch wenn ich zu flexibel bin, kann ich womöglich die Unterschiede nicht mehr verstehen, wenn etwas anders ausgesprochen wird“, erläutert Reinisch. In den kommenden Jahren wird sie nun viele Versuchspersonen in ihr Labor einladen und ihre Wahrnehmung fremder Laute untersuchen sowie ihre Versuche, Aussprachefehler zu korrigieren. Außerdem soll gezeigt werden, wie sich Laute, die es in der Mutter- oder Fremdsprache nicht gibt, auf die Flexibilität in der Wahrnehmung und Aussprache auswirken.

Typischer Fehler: „s“ statt „th“

Damit widmet sie sich einem bislang weitgehend unerforschten Aspekt des Fremdspracherwerbs. „Bislang konzentrierte sich die Forschung vor allem auf sozioökonomische Faktoren, die den Erwerb einer Fremdsprache erschweren. Über die kognitiven Faktoren, die den Prozess des Lauterwerbs bestimmen, weiß man noch viel zu wenig. Mein Ziel ist es, diesen Mechanismus und die Sprachverarbeitung bei Zweisprachigkeit besser zu verstehen“, sagt Reinisch. Untersucht wird in einem ersten Schritt der Erwerb des Englischen von deutschen Muttersprachlern. Danach soll auch das Deutschlernen erforscht werden.

Im Rahmen einer Bachelor-Arbeit, die Eva Reinisch betreut, geht es bereits um das englische „th“, das, ausgesprochen von deutschen Muttersprachlern, häufig zum „s“ wird. Dennoch haben wir kein Problem, „birsday“ als „birthday“ zu verstehen. „Es scheint, dass Deutsche so sehr an die s-Repräsentation des th-Lauts gewohnt sind, dass sie ihn beim Zuhören als gleichwertig akzeptieren“, sagt Reinisch.

Die Ergebnisse ihrer Forschung könnten auch Implikationen für das Lernen von Fremdsprachen haben. „Möglicherweise wird sich zeigen, dass es hilft, seine eigenen Fehler vorgespielt zu bekommen, um das Bewusstsein dafür zu erhöhen und sie dann leichter verbessern zu können. Und wir wollen herausfinden, ob es eine wirksame Methode sein könnte, die Fehler zu stark zu korrigieren und sich so der richtigen Aussprache anzunähern.“                    nh