Ludwig-Maximilians-Universität München
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Broken-Windows-Theorie

Die brüchige Logik der Abwärtsspirale

München, 23.02.2015

Auch harmlose Übertretungen wie Graffiti oder das Liegenlassen von Müll können den Boden bereiten für weit schlimmere Taten. Das besagt die Broken-Windows-Theorie. LMU-Soziologen zeigen jetzt, dass sich damit keine Politik der harten Hand begründen lässt.

Foto: Steve Mann / fotolia.com

Ursprünglich stammt die Broken-Windows-Theorie aus dem New York der 1980er Jahre. Am Anfang standen Beobachtungen, dass Anzeichen von Verfall in einem Viertel, zerbrochene Scheiben etwa, Schmierereien und andere Akte von Vandalismus, die Bereitschaft zu destruktivem Verhalten erhöhen – in der Theorie bis hin zu kriminellen Akten. Die Umgebung erzeuge das Gefühl, die Situation sei außer Kontrolle geraten, niemand werde mehr zur Rechenschaft gezogen. Diese Theorie diente der Ordnungspolitik bald dazu, eine Politik der Nulltoleranz zu legitimieren. Selbst kleine Vergehen wurden danach kompromisslos geahndet. Doch wirklich stichhaltige Belege dafür, dass die Theorie stimmt, fehlten. Darum machte vor einigen Jahren eine Publikation niederländischer Sozialpsychologen im renommierten Wissenschaftsblatt Science Furore, die die Theorie mit relativ simplen Feldversuchen stützte.

Jetzt konnten die Soziologen Dr. Marc Keuschnigg (LMU) und Tobias Wolbring, mittlerweile Juniorprofessor an der Universität Mannheim, in ebenfalls vergleichsweise einfachen Feldexperimenten in München Broken-Windows-Effekte zeigen. In einigen entscheidenden Punkten legen ihre Versuche aber nahe, dass die Theorie revidiert werden muss. Die Ergebnisse sind im Fachblatt Rationality and Society erschienen.

Für ihr erstes Experiment wählten Keuschnigg und Wolbring zwei Münchner Studentenwohnheime aus, die sich nach Selbstaussage der Bewohner deutlich in ihrem sozialen Zusammenhalt unter den Studenten unterscheiden, wohl weil die in dem einen Fall ihre neuen Mitbewohner zugewiesen bekommen, im anderen unter den Bewerbern WG-ähnlich selbst aussuchen können. Die Bewohner indes wussten nicht, dass sie an einem Feldversuch teilnahmen. Auf den Fahrradstellplätzen vor dem Heim hängten die Wissenschaftler eines Morgens Flyer mit sinnlosem Inhalt an alle Lenker. Wie viele dieser Zettel würden – als harmlose Form der Normverletzung – einfach am Boden landen und nicht im Müllkorb? Im zweiten Teil des Versuchs präparierten sie den Parkplatz zusätzlich mit Abfall. Und tatsächlich funktionierte das als Stimulus: Deutlich mehr Flyer landeten diesmal am Boden. Interessanterweise fiel diese Steigerung vor dem Wohnheim mit dem besseren Kontakt unter den Bewohnern deutlich höher aus. Das deckte sich mit dem theoretischen Ansatz der beiden Soziologen: „Ein solcher Stimulus zeigt einen größeren Effekt, wenn er mit der gängigen Erwartung bricht“, erklärt Keuschnigg.

Das gleiche Muster fanden Keuschnigg und Wolbring mit einem zweiten Experiment bestätigt. Auch diesmal ging es um eine harmlose Normverletzung: über die Straße zu gehen, obwohl die Ampel rot zeigt. Und natürlich: Wenn jemand das Fehlverhalten vormacht und damit einen Stimulus setzt, gehen mehr Menschen hinterher. Diesmal unterschieden sich aber die Stadtteile, in denen die ansonsten vergleichbaren Kreuzungen liegen. Mithilfe von offiziellen Daten hatten die Soziologen die Münchner Stadtbezirke nach ihrem Grad an Nachbarschaftlichkeit und Sozialkontrolle gewichtet, was sie unter dem Begriff „soziales Kapital“ fassen. Und wieder wirkte der Stimulus zur Normverletzung stärker in dem Viertel mit dem engeren sozialen Zusammenhalt.

Das aber widerspreche klar der Vorstellung von der Abwärtsspirale, die der Broken-Windows-Theorie zugrunde liegt, sagt Keuschnigg. Und um eine Politik der harten Hand zu begründen, taugt dieser Befund ebenfalls nicht. Denn was nütze dann das „Aufräumen“ in den „schlechten“ Quartieren, wenn die stärksten Effekte in anderen Vierteln auftreten?

Im dritten Versuch schließlich ging es um ein kleineres Vergehen, nicht mehr nur um eine harmlose Regelübertretung. Vor Briefkästen legten die Wissenschafler frankierte und adressierte Umschläge ab, die durch das Kuvertfenster deutlich sichtbar einen Geldschein enthielten. Wie viele Passanten würden den Brief einwerfen, wie viele würden sich verleiten lassen, das Kuvert einfach einzustecken? Zusätzlich lehnten sie ein demoliertes Fahrrad an den Briefkasten. Was als Broken-Window-Signal gedacht ist, funktioniert: Es senkt die Hemmschwelle, den Brief mitzunehmen. Der Funke der Normverletzung springt sozusagen über, er verleitet, eine andere Regel zu übertreten.

Dieser Effekt verschwindet aber völlig, wenn nicht fünf, sondern 100 Euro im Umschlag stecken, ermittelten die Soziologen im Experiment. „Wenn es wirklich um etwas geht, lassen sich die Leute nicht mehr von schwachen Umweltreizen leiten“, sagt Keuschnigg. Dieser Befund lege nahe, dass Broken-Windows-Signale nur einen Einfluss haben auf vergleichsweise schwache Normverletzungen – und eben nicht den Boden bereiten für Kriminalität. „Unsere Ergebnisse taugen also keinesfalls dazu, einer strammen Sozialtechnologie das Wort zu reden“, sagt Keuschnigg.
(Rationality and Society 2015)                math