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Allianz-Gastprofessur

„Ich versuche den genetischen Code des Nahost-Konflikts zu verstehen“

München, 03.06.2015

Warum eine Lösung für den Nahostkonflikt nur von der internationalen Gemeinschaft kommen kann und wie die Allianz-Gastprofessur der LMU dazu beitragen kann, einen Dialog zwischen jüdischem und islamischem Kulturkreis zu fördern. Ein Interview mit dem ehemaligen israelischen Außenminister Shlomo Ben-Ami.

Foto: Toledo International Center for Peace

Das Interview wurde in englischer Sprache geführt. Zum Original-Interview auf der englischen Website

Der Nahost-Konflikt bestimmt das Leben von Generationen. Warum ist es so schwierig, den Nahost-Konflikt zu befrieden?
Shlomo Ben-Ami:
Weil er alle Zutaten eines langandauernden Konflikts hat. Dass eine Lösung des Nahostkonflikts schwierig ist, zeigt das Beispiel Syriens, das gerade ein Thema in den Medien ist. Beide ehemaligen Ministerpräsidenten, Rabin und Barak, wären bereit gewesen, die gesamten Golanhöhen für eine Normalisierung der Beziehungen zwischen den beiden Staaten aufzugeben. Doch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern erwies sich als das eigentliche Problem: Allein die Vorstellung, dass eine israelische Fahne auf dem Dach einer israelischen Botschaft in Damaskus wehen könnte, war für Syrien untragbar. Und übrigens: Stellen Sie sich vor, wir hätten damals die Golan Höhen an Bashar al-Assad zurückgegeben. Dann hätten wir heute den IS am Ufer des Sees Genezareth…

Und genau diese immateriellen Aspekte, wie die Normalisierung diplomatischer Beziehungen, sind es, die eine Lösung so ungemein schwierig machen. Als jemand, der lange mit den Palästinensern verhandelt hat, musste ich immer wieder feststellen, dass territoriale Fragen durchaus lösbar waren: In den Verhandlungen mit palästinensischen Vertretern haben wir uns beispielsweise auf eine Kompensation für die von Israel annektierten Gebiete geeinigt. Fragen, die sich um heilige Stätten, Erinnerung und Flüchtlinge drehen, sind dagegen viel komplizierter. Ich glaube manchmal, dass ich versuche, dem genetischen Code des Nahost-Konflikts auf den Grund zu gehen.

Sie beschäftigten sich seit Langem mit dem Nahost-Konflikt, waren von 1999 bis 2001 als Minister für Innere Sicherheit und Außenminister selbst in der Politik und an Verhandlungen beteiligt. Wie hat sich Ihr Blick auf den Nahost-Konflikt in all den Jahren verändert?
Die Suche nach einer Lösung ist mit den Jahren noch schwieriger geworden. Dazu ist der Standpunkt Netanyahus wichtig – auch wenn ich selbst kein politischer Freund Netanyahus bin. Seine Position ist: Die arabischen Staaten im Nahen Osten befinden sich in einem Auflösungsprozess. Grund dafür ist die künstliche Konstruktion der meisten Staaten dieser Region. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass die arabischen Staaten unfähig sind, auf die Herausforderungen des arabischen Frühlings zu reagieren. Nethanyahu glaubte, im Gegensatz zu vielen in den westlichen Staaten, nie an eine arabische Demokratie. Bis jetzt scheint er damit auch nicht so falsch zu liegen. Nun er wirft zu Recht die Frage auf, ob es wirklich eine gute Idee ist, einen weiteren arabischen Staat zu schaffen, wenn alle anderen arabischen Staaten vor unseren Augen zerbrechen?

Zurück zu dem Dilemma in Friedensverhandlungen mit den Palästinensern: Meine Erfahrung ist, dass einfacher ist, mit einem Staat als mit einer Bewegung wie den Palästinensern Verhandlungen zu führen. Die Verhandlungen mit Syrien über den Abzug militärischer Truppen nach dem Yom Kippur-Krieg sind ein gutes Beispiel dafür. Seit 1974 ist dort kein einziger Schuss abgefeuert worden. Im Konflikt mit den Palästinensern haben wir dagegen eine komplett andere Situation: Israel hat sich zwar aus dem Gaza-Streifen zurückgezogen, trotzdem werden wir mit Raketen beschossen.

Mein Fazit ist: Die zionistische Idee kann nur in einer Zwei-Staaten-Lösung verwirklicht werden. Gleichzeitig benötigen auch die Palästinenser einen eigenen Staat. Und trotzdem zögern beide Seiten, das Projekt in Angriff zu nehmen: Warum? Weil dieser Weg seltsamerweise für keine Seite attraktiv ist. Auf israelischer Seite würde das einen Rückzug in die Grenzen von 1967 bedeuten und damit in Grenzen, die der damalige israelische Außenminister Abba Eban, der nicht gerade ein „Falke“ ist, als „Auschwitz borders” bezeichnet hat. Was er damit sagen wollte, war: Dies sind Grenzen, die nicht verteidigt werden können und damit eine existentielle Bedrohung des Staates Israels sind. Zudem müsste eine Lösung für hunderttausende israelische Siedler gefunden werden: Das würde in Israel eine bürgerkriegsähnliche Situation in einer zutiefst gespalten Gesellschaft heraufbeschwören.

Die Zwei-Staaten-Lösung ist auch für die palästinensische Seite nicht sehr attraktiv. Das Problem der Palästinenser ist ein Drama von geradezu kosmischen Dimensionen: Es ist die Tragödie einer enterbten Nation, die auf die Katastrophe von 1948 zurückgeht, eines überwältigenden, noch immer manipulierten Flüchtlingsproblem und des Verrats Palästinas durch die arabischen Staaten. Dies alles soll in einem Staat von der Größe Luxemburgs gelöst werden, der zudem zwischen Gaza und der Westbank geteilt ist? Zudem kann ein Teil des nationalen Ethos – das Recht der Flüchtlinge auf eine Rückkehr nach Palästina – nicht gelöst werden. Ein palästinensischer Staat könnte allein daher in einigen Teilen der palästinensischen Gesellschaft und Politik als illegitim gesehen werden – sowohl in Palästina als auch in der Diaspora. Und die Hamas in Gaza würde diesen Punkt vielleicht sogar als Aufforderung zu einem Bürgerkrieg verstehen.

Sie haben 2007 das Buch „Scars of War. Wounds of Peace. The Israeli-Arab Tragedy“ veröffentlicht. Warum sprechen Sie von einer „Tragödie“?
Weil es sich um eine echte Tragödie handelt: Es ist eine Auseinandersetzung zweier Zivilisationen. Beide Seiten haben gute Argumente für ihre jeweilige Position. Zudem beruht auch die jüdische Nationalbewegung auf der Katastrophe der jüdischen Diaspora – und damit ist nicht unbedingt der Holocaust gemeint. Die Verbindung zwischen dem Holocaust und der Gründung des Staates Israel wird oft überstrapaziert. Denn als die Wahrheit über den Holocaust 1945 bekannt wurde, existierte bereits ein israelischer Staat. Ein jüdischer Staat wäre früher oder später entstanden. Der Holocaust hat die unvermeidliche Entstehung eines jüdischen Staates nicht beeinflusst; er machte es der internationalen Gemeinschaft jedoch leichter, ihn zu akzeptieren. Ohne den Holocaust hätte diese Entwicklung vielleicht länger gedauert, doch der Verlauf der Geschichte hätte sich nicht grundsätzlich geändert. Hitler war nicht der Schöpfer des Israelischen Staates. Die Gründerväter des Zionismus legten mit ihrem diplomatischem Wissen und ihrer Fähigkeit zum „state building" schon früh den Grundstein des Israelischen Staates. Holocaust-Leugner wie Mahmoud Ahmadinejad und andere verneinen mit ihren Aussagen ja nicht den Holocaust, vielmehr wollen sie Israel das Existenzrecht absprechen – und zwar mit dem falschen oder zynischen Argument, dass der Staat Israel nur aufgrund des Holocausts existiere.

Hier haben wir eine jüdische und eine palästinensische Tragödie: jede der Konfliktparteien nimmt für sich selbst in Anspruch, die richtige Seite zu vertreten. Der Konflikt kann nur gelöst werden, wenn wir uns mit der jeweils anderen Lesart des Konflikts aussöhnen. Ich träume davon, dass eines Tages der Ministerpräsident von Israel auf dem Podium der Knesset den Palästinensern und der Welt folgendes sagt: „Wir bekennen uns zu unsere Mitverantwortung an der palästinensische Tragödie.” Eine solche Anerkennung hätte eine ungeheure Wirkung. Wir sind in unseren Bemühungen, der anderen Seite die Hand zu reichen, immer zu kleinlich gewesen. Und ich habe wenig Hoffnung, dass sich dies bald ändert. Genauso wenig sehe ich auf palästinensischer Seite die Bereitschaft, ihre eigene Verantwortung für ihre Tragödie anzunehmen. Drei Mal in ihrer Geschichte wurde ihnen ein Staat angeboten (1937 von der Peel-Kommission, 1947 von der UN Resolution 181 der Generalversammlung und 2000 in den Friedensparametern von US-Präsident Clinton) und drei Mal haben sie dieses Angebot zurückgewiesen.

Als Vizepräsident des „Toledo International Center for Peace“ setzen Sie sich aktiv für den Ausgleich zwischen Israelis und Palästinensern ein. Wie könnte eine Lösung für den Nahen Osten aussehen?
Der Schlüssel zu einer Lösung liegt darin, dass sie von außen kommt. Als ich aus der Regierung ausschied, habe ich in der Financial Times und in Newsweek einen Artikel veröffentlicht, in dem ich vorschlug, die alten Friedensparameter zu ändern: Damals genauso wie heute, war ich überzeugt, dass direkte Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien zu keinem Ergebnis führen werden. Stattdessen muss die internationale Gemeinschaft ein Maßnahmenpaket schnüren und den Kontrahenten sagen: Dies ist unsere Lösung zum arabisch-israelischen Konflikt, über die genauen Parameter könnt ihr noch verhandeln und auch dabei werden wir euch helfen. Die Lösung selbst können wir nicht verhandeln.

Ich unterstütze eine UN Resolution des Sicherheitsrats, die die Friedensparameter Clintons international anerkannt auslegen und zu einem vernünftigen Friedensvertrag führen könnte. Der Nahostkonflikt ist nicht unlösbar, aber er ist nahe daran, unlösbar zu werden, da auf beiden Seiten eine visionäre Führung und der politische Wille fehlen.

Die Allianz-Gastprofessur an der LMU soll den Dialog zwischen dem jüdischen und islamischen Kulturkreis fördern. Übernehmen Sie die Allianz-Gastprofessur mit bestimmten Zielen?
Ich hoffe, dass ich als Israeli und ehemaliger Amtsträger beide Seiten des arabisch-israelischen Konflikts darstellen kann. Und, dass ich selbstkritisch genug bin, die Politik Israels zu hinterfragen. Es wäre ein großer Fehler, wenn ein arabischer oder ein israelischer Dozent nur die Meinung seiner Seite vertreten würde. Als Historiker respektiere ich die Regeln meiner Disziplin. Vorlesungen an einer Universität sind keine politischen Demonstrationen, sie sollen dem Verständnis Studierender dienen. Ich versuche, die Studenten in ein Thema einzuführen, das ständig in den Medien präsent ist, und trotzdem nicht verstanden wird. Der Nahost-Konflikt gehört zu den Themen der internationalen Politik, die von Slogans und der Einteilung in Gut und Böse, Besatzer und Besetzte geprägt sind. Vieles davon ist wahr. Trotzdem ist es ist ungemein wichtig, die Nuancen des Nahostkonflikts herauszuarbeiten und es den Studenten zu überlassen, sich ihre Meinung zu bilden. Ich will meine Studenten neugierig machen, ich will sie anregen, sich weiter in dieses Thema einzuarbeiten, und ich habe den Eindruck, dass viel Neues für sie dabei ist. Ich möchte ihnen die Standpunkte der sich gegenüberstehenden Parteien und ihre gegenseitige Wahrnehmung erklären. Dabei geht es nicht darum, ein Urteil zu fällen oder festzustellen wer im Recht oder Unrecht ist.

Wie nehmen Sie das Interesse der Studierenden am Nahost-Konflikt und an Israel wahr?
Professor Brenner von der Abteilung für Jüdische Geschichte und Kultur war überrascht darüber, wie viele Studenten meine Vorlesungen besuchen. Dies liegt vor allem daran, dass der Nahost-Konflikt ein interessantes Thema ist: Der Konflikt erregt eine enorme Aufmerksamkeit, weil er in eine größere Erzählung eingebettet ist. In diesem Fall bildet die Geschichte des jüdischen Volkes, der Juden in Europa und des Holocaust den größeren Rahmen. Dies ist der Kontext, der ihn so interessant macht und damit interessanter als beispielsweise den Konflikt in Darfur. Und es gibt einen weiteren Aspekt, den Israelis nicht gerne hören: Heute sind wir die letzte „westliche Macht“, die eine Volksgruppe besetzt. Vielleicht ist das die Perspektive, die – zusammen mit der größeren Erzählung, von der ich sprach – , die den Zionismus so sehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt hat: Die Gründung des Staates Israel im Zeitalter der Massenmedien.

Shlomo Ben-Ami ist ehemaliger Außenminister Israels und Gastprofessor für Jüdische Studien an der LMU.

Interview: Constanze Drewlo