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Wirtschaftsforschung

Das späte Leid des Krieges

München, 21.01.2014

Der Zweite Weltkrieg hat Europa verheert. Spätfolgen lassen sich auch heute, Jahrzehnte danach, noch messen: Wer als Kind den Krieg miterlebte, leidet beispielsweise im Alter statistisch gesehen häufiger an Diabetes, Depressionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

2. Weltkrieg (Foto: National Archives and Records Administration / wikipedia.org)
Foto: National Archives and Records Administration / wikipedia.org

Die Welt als Schlachthaus: Zwischen 1939 und 1945 starben je nach Schätzung zwischen 62 und 78 Millionen Menschen, rund drei Prozent der damaligen Weltbevölkerung. Sie ließen ihr Leben auf den Schlachtfeldern und in den Flächenbombardements oder wurden im Rahmen des Holocaust ermordet. Rund die Hälfte der Opfer waren Zivilisten. Der von den Deutschen begonnene Krieg gilt als die tiefste Zäsur, als Kulturbruch, in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Katastrophe wirkt nach – nicht nur in der kollektiven Erinnerung, sondern ganz individuell in der physischen und mentalen Gesundheit, in den Lebensverhältnissen der Menschen, die den Krieg erlebt haben. Das zeigt eine Untersuchung, die Forscher der LMU und der RAND Corporation, Santa Monica/USA, jetzt im Fachblatt The Review of Economics and Statistics veröffentlichen.

Wie kommen Menschen später mit ihrem Leben klar, wenn sie als Kind den Krieg erlebten, wenn sie Zeuge von Kampfhandlungen waren, in Ländern wie Polen oder Frankreich auch den Naziterror sahen? Wenn sie Bombenhagel, Hunger, Flucht und Vertreibung kannten, vielfach ohne Vater aufwuchsen? Auch in hohem Alter noch, so fanden die Wissenschaftler heraus, haben sie häufiger mit physischen und mentalen Problemen zu kämpfen als andere, die entweder später geboren sind oder in Ländern aufwuchsen, die vom Krieg weniger stark betroffen waren. So leiden sie statistisch gesehen öfter an Diabetes, Depressionen oder Herz-Kreislauferkrankungen. Sie haben im Schnitt einen niedrigen Bildungsstand erreicht, brauchten länger für die Ausbildung, heirateten seltener und sind insgesamt weniger mit ihrem Leben zufrieden.

Besonders auffällig in der Mittelschicht

Viele solcher Langzeitfolgen seien wie die Zuckerkrankheit als Spätfolge jahrelanger Unterernährung durchaus naheliegend, räumt Professor Joachim Winter ein, Lehrstuhlinhaber am Seminar für Empirische Wirtschaftsforschung der LMU und einer der Autoren der Studie. Neu sei aber, betont Winter, dass sich derartig lang nachwirkende Folgen des Krieges nun quantifizieren ließen: So lag die Wahrscheinlichkeit, später an Depressionen zu leiden, bei Menschen, die als Kind den Krieg erlebt hatten, um fast sechs Prozentpunkte höher als bei anderen, vor allem wenn sie in Gebieten groß geworden waren, in denen die Kämpfe besonders tobten. In den Befragungen schätzten diejenigen mit Kriegserlebnissen auch ihre Gesundheit im Alter deutlich schlechter ein. Besonders auffällig waren solche Langzeitfolgen bei Angehörigen der Mittelschicht, die angesichts der Nachteile oft über die gesamte Lebenszeit hin nicht aufschließen konnten.

„Wenn man das Ausmaß der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und die große Bedeutung für die politische und wirtschaftliche Entwicklung Europas bedenkt, musste einem das bisherige Wissen über die Langzeitfolgen für die vom Krieg Betroffenen einigermaßen schmal erscheinen“, sagt Joachim Winter. Für die neue Untersuchung haben die Ökonomen Winter, James P. Smith (RAND), Dr. Iris Kesternich (LMU) und Dr. Bettina Siflinger (mittlerweile Universität Mannheim) Befragungsdaten von rund 21.000 Personen aus dem „Survey of Health, Aging an Retirement in Europe“ (SHARE) ausgewertet, die Teilnehmer waren 50 Jahre und älter, die ältesten waren vom Jahrgang 1929. Die Befragten stammen aus zwölf europäischen Ländern, neben Deutschland waren dies besonders vom Krieg betroffene Staaten wie Polen oder Frankreich, aber auch nicht in direkte Kampfhandlungen verwickelte oder neutrale Staaten wie Schweden und die Schweiz.
(The Review of Economics and Statistics, März 2014)                         math

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