Ludwig-Maximilians-Universität München
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Projektförderung

Von der Karriere der Kalorien

München, 29.12.2014

Verräterische Fitness: Was sagt der hohe Wert, den Gesundheit und Leistungsfähigkeit heute haben, über die Gesellschaft aus? Ein neues Projekt untersucht Ursache und Wirkung des Fitnessbooms.

Foto: lightpoet - Fotolia.com

Die VW-Stiftung fördert ein neues Projekt an der LMU, das Gesundheit und Ernährung als Schlüssel zum Verständnis von Kultur und Gesellschaft untersucht. „Die gegenwärtigen Klagen über die Ausbreitung von Übergewicht sind Ausgangspunkt unserer Überlegungen. Zugleich gibt es einen Gesundheits- und Fitnessboom, der den Einzelnen in die Pflicht nimmt, gesund, fit und leistungsfähig zu sein“, sagt Paula-Irene Villa, Inhaberin des Lehrstuhls für Soziologie/Gender Studies an der LMU.

Wie gut es gelingt, diesem Körperideal zu entsprechen, ermöglicht dabei nicht nur Rückschlüsse auf die Kondition oder Leistungsfähigkeit. „Unsere Körper zeigen, wie wir es schaffen, selbstdiszipliniert- und verantwortlich zu handeln und damit auch die gesellschaftliche Ordnung zu stabilisieren“, sagt Villa.

An dem Kooperationsprojekt „Ernährung, Gesundheit und soziale Ordnung in der Moderne: Deutschland und die USA im Vergleich“ sind neben der LMU die Universitäten Erfurt und Leipzig sowie das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf beteiligt. Ziel des Forschungsteams ist es, in interdisziplinärer Zusammenarbeit Ernährung und Gesundheit in Geschichte und Gegenwart zu analysieren. Dafür werden acht Einzelprojekte im Verbund gefördert.

Freiwillige (Selbst-)Kontrolle
Am Beispiel der 1860er- bis 1920er-Jahre in den USA soll gezeigt werden, wie die Industrialisierung auch zu neuen Vorstellungen von Körpern und von Selbstverantwortung führte. „Einheiten wie die Kalorie oder das Kohlenhydrat durchliefen damals steile Karrieren, weil sie das Verhältnis von Ernährung und Gesundheit genau zu bestimmen schienen und letztlich die Produktivität der Gesellschaft zu sichern versprachen“, sagt Villa.

Heute ermöglichen es digitale Technologien, die eigene Ernährung, Fitness und das Gewicht mit automatischen Sensoren zu messen, die Ergebnisse zu kontrollieren und in Echtzeit in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen. Das Forschungsziel ist unter anderem, die Rolle dieser sogenannten Quantified-Self-Technologien für die Gesundheit und die Selbsteinschätzung der Nutzerinnen und Nutzer zu untersuchen. Halten sie sich für besonders mündig, weil sie sich präventiv und selbstverantwortlich verhalten? „Die Fremd- und Selbstwahrnehmung zu analysieren, ist ein wesentlicher Bestandteil des gesamten Projekts. Mit dem gängigen Körperideal sind auch Vorstellungen von einer guten und schlechten Lebensführung verbunden. In dieser sozialen Ordnung werden die Plätze unter anderem nach Fitness vergeben“, sagt Villa.

In weiteren Teilprojekten werden die Ernährungsnormen in Deutschland bis in die 1930er-Jahre untersucht, die Vorstellung von Ernährung in West- und Ostdeutschland zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren sowie das Verhältnis zu Amerika im Ernährungsdiskurs. Der Projektverbund wird von der Volkswagen Stiftung bis zum Jahr 2018 gefördert.