Ludwig-Maximilians-Universität München
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Pflanzensystematik

Wassermelone unter falscher Identität

München, 31.10.2014

Eine jahrzehntealte Verwechslung machte die Wassermelone zur Südafrikanerin – und das auch noch unter falschem Namen. LMU-Wissenschaftler klären diesen Irrtum nun auf und werfen neues Licht auf den Ursprung der Wassermelone.

Foto: Mariusz-Blach / Fotolia.com

Typusexemplare sind quasi die Urmeter einer jeden Art: Sie legen fest, wie eine bestimmte Art benannt wird. Diese besonders wichtigen Exemplare werden für alle Zeit in wissenschaftlichen Sammlungen aufbewahrt. Für die Wassermelone befindet sich das Typusexemplar im Herbarium eines Schülers von Linnaeus in der schwedischen Stadt Uppsala. Wie die LMU-Botanikerin Professor Susanne Renner und ihr Mitarbeiter Guillaume Chomicki anhand genetischer Analysen zeigen, stimmen aber die Gene dieses Herbarexemplars nicht mit denen der rotfleischigen wässrigen Frucht überein, die heute weltweit als Wassermelone angebaut wird. „Dieses Typusexemplar ist nicht einmal eng mit der essbaren Wassermelone verwandt“, sagt Renner.

Vermutlich ist der erstaunliche Fund das Resultat einer Verwechslung: Der schwedische Botaniker Carl Peter Thunberg sammelte das Typusexemplar 1773 in der Nähe von Kapstadt in Südafrika. „Als Schüler des Systematikers Carl von Linné, der einige Jahre zuvor die kultivierte Form der Wassermelone beschrieb, hat Thunberg sicherlich erkannt, dass seine Pflanze keine Wassermelone war“, ist sich Renner sicher, „darauf deutet auch seine Beschreibung hin: Im Unterschied zur Wassermelone hatte seine Pflanze trockene, bittere Früchte, die auch noch behaart waren. Daher nannte Thunberg die Pflanze Citrullus lanatus – die wollige Melone“.

Die falsche Zuordnung des Typusexemplars erfolgte in den 1930er Jahren, als Thunbergs und Linnés Melonen von einem berühmten amerikanischen Fachmann für Nutzpflanzen irrtümlich zusammengeworfen wurden – er hatte die Typusexemplare nicht gesehen, und damals gab es auch noch keine DNA-Daten. Unerklärlich ist der Irrtum also nicht: Die Früchte und Blüten von Melonen lassen sich nur schwer herbarisieren. Das Typusexemplar besteht daher nur aus wenigen trockenen Blättern, die optisch keine eindeutige Identifizierung zulassen. „Wegen dieser Verwechslung taucht ab den 1930er Jahren in wissenschaftlichen Publikationen der Name Citrullus lanatus für die Wassermelone auf“, sagt Renner, „inzwischen gibt es tausende von Veröffentlichungen, die den eigentlich falschen Namen nutzen“.

Die neuen Ergebnisse erhellen auch den bisher rätselhaften Ursprung der Wassermelonen: Wegen der südafrikanischen Herkunft des Typusexemplars von Thunbergs wolliger Melone ging man davon aus, dass eben die Wassermelone auch von dort stammt. Allerdings gibt es heute in Südafrika keine Wildformen der Wassermelone – sehr wohl aber in Westafrika, etwa im südwestlichen Libyen. „Wir haben nun zum ersten Mal das Erbgut verschiedener Citrullus-Spezies analysiert und deren die Verwandtschaftsverhältnisse untersucht. So konnten wir nachweisen, dass die Wassermelone tatsächlich aus dem tropischen Westafrika stammt und sich vor rund drei Millionen Jahren von ihrer wilden westafrikanischen Schwesterart abspaltete. Außerdem hat die Wassermelone sogar sechs statt wie bisher gedacht zwei Verwandte“, erklärt Renner. Das südafrikanische Exemplar dagegen gehört zu den Zitronenmelonen, die eine eigene Gruppe bilden und unabhängig von der Wassermelone kultiviert wurden.

„Unsere Ergebnisse werfen ein ganz neues Licht auf die Stammesgeschichte der Wassermelone und könnten auch für Pflanzenzüchter interessant sein“, sagt Renner: Wer wilde Verwandte der Wassermelone sucht, um deren Eigenschaften für neue Züchtungen zu nutzen, sollte zukünftig nach Westafrika fahren. Was die Benennung der Wassermelone angeht, will Renner vorschlagen, den nun eingebürgerten Namen Citrullus lanatus zu lassen. „Streng nach wissenschaftlichen Kriterien müsste man die Wassermelone umtaufen. Aber sie ist eine ökonomisch wichtige Frucht und ihre wissenschaftliche Bezeichnung ist in der Literatur tausendfach verbreitet. In diesem seltenen Ausnahmefall ist es wohl sinnvoller und einfacher, Citrullus lanatus einem neuen Typusexemplar zuzuordnen – eben einer essbaren süßen Melone“, schließt Renner.
(New Phytologist 2014)                       göd