Ludwig-Maximilians-Universität München
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Kindliche Entwicklung

Die Anfänge sozialen Verhaltens

München, 05.08.2014

Ob Kinder eine soziale Ader entwickeln, zeigt sich schon in den ersten Lebensmonaten. LMU-Psychologen zeigen neue Zusammenhänge in der kindlichen Entwicklung auf.

Foto: S. Kobold / Fotolia.com

Wie sehr Vorschulkinder von sich aus etwas für andere tun und ob sie bereitwillig teilen, deutet sich schon Jahre vorher an. LMU-Psychologen um Professor Beate Sodian und Professor Markus Paulus zeigen im Rahmen einer Längsschnittstudie, welche frühen Fähigkeiten von Kindern die Entwicklung ihrer sozialer Kompetenzen beeinflussen. Darüber berichten sie aktuell in der Fachzeitschrift International Journal of Behavioral Development.

Die Kinder nahmen erstmals mit sieben Monaten an der Längsschnittstudie teil. In diesem Alter wurde ihr Handlungsverständnis getestet. „Das erste Verständnis, das Kinder überhaupt über die Absichten einer anderen Person entwickeln, ist ein Verständnis von Zielen“, sagt Markus Paulus. Im Abstand von jeweils mehreren Monaten kamen die Kinder immer wieder an die LMU. Die Psychologen untersuchten nach und nach ihre Hilfsbereitschaft, ihre Empathie und Selbstbeherrschung und ihre sprachliche Intelligenz. Als sie fünf Jahre alt waren, wurde ihre Bereitschaft, mit anderen zu teilen, getestet.

Schließlich untersuchten die Wissenschaftler die längsschnittlichen Zusammenhänge der Testergebnisse, stellten also für jedes Kind zusammen, wie es über die Jahre bei den verschiedenen Untersuchungen abgeschnitten hatte. Besonders interessierte sie, welche frühen Fertigkeiten Rückschlüsse zulassen auf das Verhalten der Kinder beim Teilen. Wie ihre Auswertungen zeigen, hat es einen Einfluss auf das spätere soziale Verhalten, wie gut Kinder mit sieben Monaten die Handlungsabsichten ihrer Mitmenschen verstehen und wie gut sie sich mit zwei Jahren selbst beherrschen können. „Selbstbeherrschung und frühe sozial-kognitive Fähigkeiten spielen bei der Entwicklung der Teilungsbereitschaft eine große Rolle“, sagt Paulus. „Ein wichtiger psychologischer Mechanismus ist die Fähigkeit, seine eigenen Neigungen zu kontrollieren, also nicht alles nur für sich selbst zu nehmen.“

Nicht jeder gibt allen

Die Längsschnittstudie zeigte auch, dass unseren sozialen Handlungen offenbar unterschiedliche psychologische Mechanismen zugrunde liegen. So konnten die Forscher zum Beispiel keinen Zusammenhang finden zwischen der Hilfsbereitschaft 18-monatiger Kinder und ihrer Bereitschaft zu teilen, wenn sie fünf Jahre alt sind.

Die Forscher untersuchten auch, welche psychologischen Mechanismen jeweils unsere Bereitschaft beeinflussen, mit einem Freund zu teilen oder mit jemanden, den wir nicht mögen. „Eines der interessantesten Ergebnisse ist, dass die Neigung von Kindern mit jemandem zu teilen, den sie nicht mochten, sich aus ihrem frühen Handlungsverständnis vorhersagen lässt“, sagt Paulus. Kinder, die bereits im Alter von sieben Monaten die Handlungabsichten anderer verstanden, teilten eher mit einer ungeliebten Person. „Um mit jemandem zu teilen, den man nicht mag, braucht man ein Verständnis für die Überlegungen eines anderen“, sagt Paulus. Offenbar ist das Handlungsverständnis ein Vorläufer für die Fähigkeit, ein Konzept davon zu entwickeln, dass ein Anderer andere Absichten und Überzeugungen hat, als man selbst, was in der Psychologie als „Theory of Mind“ bezeichnet wird.

„Eine andere Erklärung könnte sein, dass Kinder, die schon früh ein Handlungsverständnis zeigen, auch früher und mehr Erfahrungen mit Anderen machen und daher ein besseres Verständnis für Personen entwickeln, die sie nicht mögen“, sagt Paulus.

Einen anderen Zusammenhang fanden die Forscher bei der Bereitschaft, Freunden etwas abzugeben. Je stärker Kinder im Alter von zwei Jahren empathisch reagierten, desto mehr teilten sie später mit ihrem Freund. Sie scheinen besser vorauszusehen, wie schlecht sich ihr Freund fühlen würde, wenn er nichts bekommt. „Je besser sie seine Enttäuschung antizipieren, desto großzügiger sind sie“, sagt Paulus. Allerdings galt dieser Zusammenhang nicht beim Teilen mit einer Person, die sie nicht mochten. „Das Einfühlen in die Emotionen anderer beziehungsweise das Vorwegnehmen ihrer Gefühle scheint eher bei Freunden zu gelingen. Daher sagt die frühkindliche Empathiefähigkeit das Teilen mit Freunden voraus, aber nichts darüber, wie man mit Menschen teilt, die man nicht mag“, erläutert Paulus.
(International Journal of Behavioral Development)                             nh