Ludwig-Maximilians-Universität München
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Alpen

Entlastung aus dem Untergrund

München, 11.04.2014

Seit fünf Millionen Jahren erodieren die Alpen stärker als zuvor. Eine neue Studie erklärt die vermehrte Erosion mit Prozessen im Erdinneren und widerspricht der Hypothese, dass dieses Phänomen mit globalen Klimaänderungen zusammenhängt.

Steinschlag (Foto: savoieleysse / Fotolia)
Foto: savoieleysse / Fotolia

Kräfte tief im Inneren der Erde hoben die Alpen in die Höhe: Deren Auffaltung begann vor etwa 35 Millionen Jahren, als die afrikanische Platte auf ihrer Drift nach Norden mit dem Südrand Europas kollidierte. Gleichzeitig wurden die Alpen immer durch die Erosion geformt, d.h. Gestein wurde wieder abgetragen und an anderer Stelle abgelagert. „Seit etwa fünf Millionen Jahren hat sich die Erosionsrate beschleunigt, was in jüngerer Zeit oft mit globalen Klimaveränderungen erklärt wurde“, sagt LMU-Geologin Professor Anke Friedrich, die diesen Prozess nun im Detail untersuchte.

Mithilfe eines neuen methodischen Ansatzes gelang es Friedrich in Kooperation mit Professor Fritz Schlunegger von der Universität Bern erstmals, die Abtragungsgeschichte der Alpen und des Alpenvorlands umfassend zu analysieren. „Die an meinem Lehrstuhl entwickelte Methode erlaubt es, unterschiedliche Datensätze zusammenzuführen und gemeinsam auszuwerten“, erklärt Friedrich. „So konnten wir eine viel größere Region als bisher systematisch erfassen“. Dabei zeigte sich: Die Erosion beschleunigte sich vor fünf Millionen Jahren tatsächlich stark – aber nicht überall.

Starke Erosion nur im Westen

Die Erosion nahm vor allem im westlichen Untersuchungsgebiet zu, wobei das betroffene Gebiet deutlich über die eigentlichen Alpen hinausreicht und das gesamte Vorlandbecken – wozu auch die Münchener Schotterebene gehört – mit umfasst. Dabei nimmt das Ausmaß der Abtragung im Alpenvorland systematisch von Salzburg über München nach Zürich und Genf hin zu. Diese Beobachtung widerspricht der Klimatheorie, denn erosionsfördernde klimatische Veränderungen hätten sich vor allem im Gebirge auswirken müssen und weniger im niedriger gelegenen Alpenvorland. In den Ostalpen fanden die Wissenschaftler zu ihrer Überraschung in der Regel keine verstärkte Erosion.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass dieses Erosionsmuster nicht aufgrund von Klimaveränderungen entstanden ist, sondern mit dem komplizierten Aufbau der Erdkruste im Alpenraum zusammenhängt. Der Südrand der eurasischen Platte zersplittert in mehrere Mikroplatten, wobei der Großteil der Ostalpen zur sogenannten adriatischen Platte gehört, die teilweise über die europäische Platte überschoben ist. Vor etwa fünf Millionen Jahren änderte die adriatische Platte ihre Bewegungsrichtung und begann, sich von der europäischen Platte herunter zu drehen und diese zu entlasten.

„Durch diese Entlastung kommt es zu einer großräumigen Hebung der Erdkruste im Bereich der Westalpen, die mit einer verstärkten Erosion einher geht“, sagt Friedrich. Diese Hebung ist auch der Grund, warum die höchsten Alpengipfel im Westen liegen – trotz Erosion: Um Mont Blanc und Matterhorn wurden im Mittel der letzten fünf Millionen Jahre etwa 2500 Meter Gestein abgetragen.
(Lithosphere 2014)             göd