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Neues Buch

Als Honecker die Medien gleichschaltete

München, 31.03.2014

Wie die DDR-Führung die Medien für ihre Interessen instrumentalisierte und warum sie damit scheitern musste: Die LMU-Kommunikationswissenschaftlerin Anke Fiedler hat die Medienlenkung in der DDR untersucht.

Buchcover "Medienlenkung in der DDR"

Am Dienstag, den 14. Juni 1983, gab es viel zu tun für die SED-Parteispitze. Auf der Tagesordnung standen 18 Punkte, darunter eine Polenreise von SED-Chef Erich Honecker und ein anstehender Staatsbesuch des damaligen Generalsekretärs der Vereinten Nationen. Doch Honecker nahm sich Zeit, eine zehnzeilige Meldung der DDR-Nachrichtenagentur ADN zu redigieren. Diese Szene beschreibt Dr. Anke Fiedler, Kommunikationswissenschaftlerin an der LMU, in ihrem Buch „Medienlenkung in der DDR“.

Von Beginn der Staatsgründung an, wurden die Medien in der DDR kontrolliert. Unter Honecker verloren sie in den 1980er-Jahren vollends ihre Autonomie. „Die Medienlenkung veränderte sich von einer Nachzensur unter Ulbricht in eine Vorzensur unter Honecker. Veröffentlicht wurde, was den gerade aktuellen politischen Zielen am besten zu helfen schien“, sagt Fiedler. Und dabei mischte Honecker selbst mit. Er redigierte nicht nur Meldungen, sondern diskutierte Seitenspiegel und schrieb Artikel für die Zeitung „Neues Deutschland“, die dann unter dem Kürzel AZ erschienen. Die Initialen hatte er selbst gewählt mit der Begründung, alles Notwendige müsse von A bis Z gesagt werden.

Wie aufwendig und detailliert die Eingriffe in die DDR-Presse waren, zeigt eine Rechnung, die Günter Schabowski, Chefredakteur des Neuen Deutschland (ND), aufmachte, um für die Einführung eines Fernschreibers zu plädieren: Die redigierten Nachrichten und Artikel wurden per Autokurier in einer schäbigen kunstledernen Transporttasche zwischen den Redaktionen und dem Zentralkomitee hin und hergefahren. Der finanzielle Aufwand pro Jahr lag dafür im Jahr 1980 bei 3070 Liter Benzin allein für die Abstimmung mit der Nachrichtenagentur ADN und bei 1600 Litern beim ND.

Quälende Agitationsbesprechungen

Anke Fiedler versteht die Medienpolitik der DDR als politische Öffentlichkeitsarbeit. „Die Medien sollten nur die Dinge ins Rampenlicht rücken, die den aktuellen Interessen der SED-Führung entsprachen und dem Westen keine Angriffsfläche boten“, sagt Fiedler. Die goldene Faustregel sei gewesen, dem Westen keine Munition zu liefern. Neben der Vor- und Nachzensur beobachtete die SED dafür auch die „Feindmedien“ im Westen sowie durch Bespitzelung die Stimmung der eigenen Bevölkerung.

Die Wurzeln der DDR-Medienpolitik reichen Fiedler zufolge bis in die Weimarer Republik zurück. Die DDR-Organe hätten Strukturen des Medienlenkungsapparats der KPD und SPD der Weimarer Republik übernommen. Die SED verfolgte dabei vor allem zwei Ziele: Innenpolitisch ging es darum, die Bevölkerung hinter sich zu versammeln. Außenpolitisch sollte Anerkennung auf der internationalen Bühne erreicht werden.

Wie es den Journalisten dabei ging, zeigen beispielhaft folgende Erinnerungen: „Honecker nahm starken Einfluss auf die Zeitung, was ihr nicht gut bekommen ist. Er liebte es nicht, wenn man ihm widersprach, vor allem nicht auf Gebieten, wo er selbt amateurhaften Ehrgeiz entwickete“, klagte Schabowski. Der DDR-Journalist Günter Böhme, Mitglied in der Agitationskommission, formulierte es so: „Das Zentralorgan hat die Politik so darzustellen, wie ich, Erich Honecker, sie sehe. Egal, ob die Leser das gut finden oder nicht.“ Entschädigt wurden die Journalisten für „quälende Agitationsbesprechungen“, wie Fiedler schreibt, mit Privilegien, dem Zugang zur Macht, der Aussicht in die Welt reisen zu dürfen und „hin und wieder auch mal was Schönes zu schreiben“.

Wie besessen

Dabei ignorierte die SED, so Fiedler, die Sorgen der Menschen in der DDR. Anstatt sich um die schlechte Stimmungslage und Probleme der eigenen Bevölkerung zu kümmern, hätte man wie besessen nach möglichen DDR-kritischen Äußerungen in den Westmedien gesucht. „Da dem Gegner keine Argumente geliefert werden sollten, wurde dieses Aufzeigen von Missständen und damit ein Fördern des Neuen immer stärker tabuisiert, was zu Stagnation und fehlenden Innovationen führte“, schreibt die Kommunikationswissenschaftlerin.

Doch wie Fiedlers umfassende Analyse auch zeigt, erreichte die DDR-Medienlenkung zumindest für einige Zeit durchaus ihr Ziel. Obwohl die Bevölkerung wusste, dass die Medien durch die SED gelenkt wurden, entstand erst Ende der 1980er-Jahre eine kritische Öffentlichkeit. Und der Westen fiel immerhin soweit auf die DDR-PR herein, dass er nicht nur von der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage der DDR nichts ahnte, sondern sogar vom Fall der Mauer überrascht wurde.

Publikation:
Anke Fiedler
Medienlenkung in der DDR
Böhlau Verlag 2014, 494 Seiten
ISBN 978-3-412-21055-7