Ludwig-Maximilians-Universität München
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Ethnologie

Schöner Slum

München, 19.05.2014

Armut als Urlaubsziel: LMU-Ethnologin untersucht die Folgen des Slumtourismus.

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Foto: thakala - Fotolia.com

Das Projekt „Slum Tourism in the Americas: Commodifying Urban Poverty and Violence“ unter der Leitung von Eveline Dürr, Professorin am Institut für Ethnologie der LMU, wird für drei Jahre vom Open Research Area Scheme (ORA) gefördert, einem Zusammenschluss von Forschungsförderorganisationen aus fünf Ländern, darunter die DFG. An dem Projekt sind neben der LMU die Universität Amsterdam und die London School of Economics beteiligt. Die Fördersumme beträgt über eine Million Euro.

Eveline Dürr und ihre Kollegen untersuchen den Slumtourismus in Los Angeles, Mexico City, Kingston und Rio de Janeiro. „Wir haben bewusst eine Stadt des Globalen Nordens mit aufgenommen, die nicht sofort mit Slumtourismus assoziiert wird. Am stärksten werden Slums in Rio vermarktet, wo sie inzwischen Teil des städtischen Sightseeing-Programms sind“, sagt Dürr.

Inszenierung von Armut
Slumbesuche für Touristen werden weltweit von kommerziellen Anbietern und karitativen Einrichtungen organisiert. Ziel des internationalen Forschungsprojekts ist es, vergleichend zu untersuchen, wie diese Form des Tourismus entsteht und was er für die Menschen in den Slums bedeutet. „Die Bewohner selbst sagen von sich aus so gut wie nie, dass sie in einem Slum wohnen. Mit dem Tourismus beginnt eine Reflexion darüber, was "Slum" bedeutet. Es entwickeln sich dann Formen der Inszenierung“, sagt Dürr.

Wie Armut und Gewalt insbesondere gegenüber Touristen gezeigt werden, wollen die Forscherinnen und Forscher im Vergleich der vier Slums darstellen. „Wir wollen die Stadtforschung über nationale Grenzen hinweg stärken und einen neuen Blick auf Stadt, Armut und Kommerz eröffnen“, sagt Dürr.

Dabei geht es ihnen auch darum, mit Stereotypen zu brechen und die widersprüchlichen Seiten des Slumtourismus darzustellen. „Wir wollen weg von der Opferstilisierung. Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen, werden durch den Tourismus sichtbar. Das ist eine Form der Partizipation. Die Bewohner versuchen, am lukrativen Tourismusgeschäft teilzuhaben“, sagt Dürr. „Andererseits gehen nicht alle Formen des Slumtourismus von den Bewohnern aus, es gibt auch neokoloniale Tendenzen, wenn mit Slumtouren und der Zuschaustellung von Armut Geld verdient wird.“

Im Rahmen von ORA werden Projekte gefördert, an denen Sozialwissenschaftler in Europa und den USA gemeinsam an Fragen über individuelles und soziales Verhalten forschen. ORA wird von den nationalen Förderorganisationen aus Europa und den USA unterstützt, darunter der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Das Programm soll die internationale Kooperation in den Sozialwissenschaften stärken.