Ludwig-Maximilians-Universität München
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50-jähriges Jubiläum

Präziser Blick auf moderne Lebenswelten

München, 17.05.2013

Das Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie an der LMU gibt es seit 50 Jahren. Ein Interview mit Professor Johannes Moser über Entwicklung und Themen der Disziplin.

Aktuell wird an Ihrem Institut unter anderem über den Imagewandel geforscht. War die Volkskunde schon zu ihren Anfangszeiten so aktuell?
Johannes Moser: Die Volkskunde hat ihre Anfänge im 19. Jahrhundert. Im Zuge der Industrialisierung bestand großes Interesse daran, die verlorengehende Welt der ländlichen Gesellschaft zu retten und Wissen darüber zu sammeln, was damals durchaus sehr aktuell war. Das wurde sowohl innerhalb der Universität als auch durch den Landesverein für Volkskunst und Volkskunde, der heute Landesverein für Heimatpflege heißt, vorangetrieben. Daran waren maßgebliche Bürger in Bayern beteiligt. In einer sich transformierenden Welt war das damals hochaktuell. Auch heute beschäftigten wir uns mit dem, was sich in den europäischen Gesellschaften verändert, aber hoffentlich nicht mit einem so wehmütigen Blick zurück, dass etwas verloren geht.

Wenn Sie nach vorne schauen: Welche Themen werden die Volkskunde weiter beschäftigten?
Die Stadtforschung wird weiter sehr relevant sein, weil immer mehr Menschen weltweit in Städten wohnen. Wir bauen gerade eine Forschergruppe auf, die sich mit urbaner Ethik beschäftigt und danach fragt, was das gute Leben in der Stadt auszeichnet. In der Arbeitswelt verändert sich so viel, dass es unabdingbar ist, sich damit wissenschaftlich zu beschäftigen, auch in Verbindung mit Familienforschung. Weitere Bereiche sind zum Beispiel Tourismus-, Kulturtransfer- und Migrationsforschung.

Welche Veränderungen in Arbeitswelt und Familie sind zurzeit zu beobachten?
In der Arbeitswelt sind es die sogenannten Entgrenzungs- und Subjektivierungsprozesse, die massiv in den Alltag der Menschen eingreifen. Entgrenzung, weil zunehmend Arbeit nicht mehr nur im engeren Umfeld einer lokalisierten Arbeitsstätte wie Büro oder Fabrik stattfindet, sondern auch zu Hause, unterwegs und in unterschiedlichen Kontexten verrichtet wird. Subjektivierung, weil verstärkt die Einzelnen für die Gestaltung und Ausgestaltung ihres Erwerbslebens verantwortlich sind. In der Familienforschung werden ja schon seit längerer Zeit die größere Verbreitung „alternativer“ Familienformen wie Patchwork, gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern etcetera in den Blick genommen. Dazu kommen die Auswirkungen der neuen Reproduktionstechnologien auf Vorstellungen von Verwandtschaft und Familie.

Womit hat sich das Institut bei seiner Gründung in den 1960er-Jahren beschäftigt?
Das „Institut für deutsche und vergleichende Volkskunde“ wurde 1963 gegründet, aber die Volkskunde gibt es an der Universität München schon viel länger. Zu den Gründungsmythen der Disziplin gehört der Vortrag „Die Volkskunde als Wissenschaft“, den der Volkswirt und Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl, zweimaliger Rektor der LMU und später Generaldirektor des Bayerischen Nationalmuseums, 1858 in München gehalten hat. Volkskundliche Themen wurden in München anfangs vor allem in der Germanistik unterrichtet, weil viel Erzählforschung dabei war.

Josef Hanika, der ab 1955 eine außerordentliche Professor für Volkskunde innehatte und selbst zu den Vertriebenen gehörte, hatte sich nach dem zweiten Weltkrieg noch bemüht, eine Vertriebenenvolkskunde zu etablieren. Gleichzeitig haben die Vertreter der sogenannten „Münchner Schule“ als Reaktion auf die spekulativen und völkischen Volkskulturkonstruktionen der NS-Zeit auf eine kritische historisch-archivalische Erforschung des Volkslebens gesetzt. Das Institut wollte dann 1963 den engen Bezug zur deutschen Volkskunde endgültig verlassen und nannte sich daher Institut für deutsche und vergleichende Volkskunde. Georg Schobek, Hanikas erster Assistent, und Hanikas Nachfolger Leopold Kretzenbacher interessierten sich schon damals für das multiethnische Zusammenleben in Mittel- und Südosteuropa.

Gerade haben Sie sich in einer Tagung zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde unter anderem mit der Volkskunde nach der NS-Zeit beschäftigt. Welche Rolle spielte das Fach in der NS-Zeit?
Die Volkskunde suchte in der NS-Zeit und bereits davor nach dem „Volksgeist“, und versuchte zu erforschen, welche Kreativität im einfachen Volk vorhanden ist und woher diese kommt. Im Nationalsozialismus erhielt dieser Ansatz eine verhängnisvolle Wende: Traditionen wurden rein spekulativ auf das Germanentum und das Arische reduziert und zurückgeführt, und dann noch mit einer Rassenideologie verbunden. Rasseideen waren damals weit verbreitet. Aber nur die NS-Ideologie hat zum Wahnsinn des industriellen Massenmords geführt. Auch die Debatte, woher das Denken und Fühlen der einfachen Menschen kam, ob es so etwas wie einen Volksgeist gibt, war keine Erfindung der Nationalsozialisten. Das steckt ja schon in der Romantik.

Nach der NS-Zeit begannen Debatten darüber, wie das Fach ausgerichtet ist und ausgerichtet war. In München wurde versucht, Wissenschaftler, die aus Sicht der damaligen Kulturbürokratie nicht so belastet waren, zu integrieren. Josef Hanika war nah am nationalsozialistischen Gedankengut, aber auch dezidierte Gegner des NS-Regimes kamen zum Zug. Seit 1947 war zum Beispiel Rudolf Kriß Honorarprofessor für Volkskunde an der LMU.

An der LMU war Professor Helge Gerndt einer der ersten, die innerhalb des Faches in den 1980er-Jahren mit der Aufarbeitung der NS-Zeit begonnen haben. 1986 gab es eine sehr große Tagung „Volkskunde im Nationalsozialismus“, an der ich als Student teilgenommen habe und auf der große Emotionen frei geworden sind. In Vorträgen wurden ältere Vertreter des Fachs angegriffen, was zu heftigen Reaktionen geführt hat. Das klingt spät, aber andere Fächer haben noch später mit der Aufarbeitung der NS-Zeit begonnen. Unter anderem diese Bemühungen haben dazu geführt, dass im Fach sehr viel stärker die Rolle der Forscherinnen und Forscher reflektiert wird.

Wie steht das Fach heute da?
Seit den 1960er-Jahren entfernte sich das Fach nach und nach von seinem Interesse für kulturelle Phänomene in der eigenen, nationalen Gesellschaft und versucht eine vergleichende Perspektive auf die europäischen Gesellschaften. Das hat mit der Globalisierung einen neuen Schub erhalten: Wir können nicht mehr in rein nationalen Kategorien denken. Dadurch ist das Fach mit seiner breiten Palette kulturwissenschaftlicher Themen sehr populär geworden. Das zeigt sich auch an den Studierendenzahlen, die massiv zugenommen haben.

Was ist Ihnen persönlich an Ihrer Disziplin wichtig?
Die Volkskunde/Europäische Ethnologie hat als einen zentralen Kern ihres Selbstverständnisses die Erforschung des Denkens, Handelns und Fühlens von Menschen – wobei der Mensch als ein homo creator verstanden wird, der seine Umwelt in Kooperation und Konfrontation mit anderen aktiv gestaltet. Die Volkskunde ist mit ihren qualitativen Methoden daher sehr nah an den Menschen, nicht nur an der Elite, sondern auch an den einfachen Menschen, und gewinnt daraus ihre Erkenntnisse. Das ist sicherlich ein Alleinstellungsmerkmal unserer Disziplin.

Interview: nh

Professor Dr. Johannes Moser Professor Dr. Johannes Moser hat den Lehrstuhl für Volkskunde/Europäische Ethnologie an der LMU inne. Er ist Dekan der Fakultät für Kulturwissenschaften an der LMU.

 

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