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Kulturwissenschaften

„Das Geheimnis der Mode ist ihre List“

München, 27.11.2013

Was steckt dahinter, dass heute Männer Anzüge und Frauen Strumpfhosen tragen? Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken erzählt die Geschichte der Mode neu.

Cover „Angezogen“Eingangs beschreiben Sie in Ihrem neuen Buch Angezogen eine Straßenszene, in der Ihnen die „neue Hochbeinigkeit“ der Frauen auffällt, die in Shorts und dunklen Strumpfhosen oder in schmalen Röhrenjeans Bein zeigen. Was ist daran so bemerkenswert?

Prof. Barbara Vinken: Mein Anliegen war es, die Mode dem Monopol der Soziologie zu entreißen, sie stärker für einen ästhetischen Diskurs zu öffnen und mit dem Werkzeug der Literaturwissenschaften einer rhetorischen Analyse zu unterziehen. Dafür musste ich erst einmal das Phänomen erfassen: Was ziehen wir an und was machen wir dabei? Ich habe versucht, die das Straßenbild prägenden Silhouetten phänomenologisch zu beschreiben. Dabei fiel mir auf, dass die Beine der heutigen Frauen die Beine der Männer vor der Französischen Revolution sind. Die Frauen haben die Beine der aristokratischen Männer übernommen, die ihre Beine in engen, blickdichten Strümpfen wirkungsvoll inszenierten.

Heute tragen die Männer statt Strumpfhosen Anzüge. Wie kam dieser Wechsel von der einstigen Männer- zur heutigen Frauenmode?

Mit dem Bruch der Französischen Revolution hat die Mode stärker die Geschlechter als die Stände geteilt. Vor der Revolution machten Kleider wirklich noch Leute. Wer sich anzog und bewegte wie ein Höfling, hatte auch Chancen, als ein solcher durchzugehen. Als die Trennung entstanden ist, hat sich der Mann als a-modisch definiert. Weiblichkeit und Mode wurden synonym. Auch um sich vom Stigma des Modischen zu befreien, übernimmt die Frauenmode seit der letzten Jahrhundertwende systematisch Männermode.

Sie zitieren Hegel mit den Worten, dass der Anzug aus den Gliedmaßen „gestreckte Säcke mit steifen Falten“ mache. Dennoch prägt er seit 200 Jahren die Kleidung der Männer. Was macht ihn so unverzichtbar?

Der Anzug hat eine transzendierende Funktion: Er hebt den individuellen Körper im Amtskörper, in Korporationen auf und doppelt die bürgerliche Ethik. Der Anzug uniformiert seine Träger und schließt sie zu einer Identität zusammen, die das Individuum überdauert. Der Anzug ist das ikonische Kleidungsstück der Moderne; ihm war ein wirklich globaler Erfolg und eine fast klassische Beständigkeit beschieden.

Was ist mit der Frauenmode passiert, während die Männer Anzüge trugen und tragen?

Die Männermode, die sich gegen den französischen Höfling definiert, ist seit 1830 relativ stabil. Die Frauenmode hingegen war erstaunlichen Wandlungen unterworfen. Von dreidimensionalen Kleidern, in Kaskaden drapiert und im wahrsten Sinne des Wortes raumgreifend, hat sie sich hin zu einer schlanken Zweidimensionalität entwickelt. Es beginnt um die Jahrhundertwende, das Korsett wird abgeschafft. Die Stoffe werden so geschnitten, dass sie den Körper umspielen. Im 20. Jahrhunderts hat Chanel Stück für Stück Männer- in Frauenmode übersetzt. Chanel lässt die ganze Zurichtung der Weiblichkeit weg, die dreidimensionale Überformung – tournure und Cul de Paris, das Korsett, das die Taille schnürt und den Busen hebt –, zugunsten eines Kleides, das zweidimensional wird und Männermode zitiert. Aber es gab immer hyperfeminisierte Gegenbewegungen wie zum Beispiel den New Look. Die Damenmode schwankt, schematisch gesprochen, zwischen Chanel und Dior, zwischen der garconne à la Chanel und einer hyperfetischisierten Weiblichkeit à la Dior.

Sie sprechen vom „Geheimnis der Mode“: Worin liegt es begründet?

Die Mode der Moderne ist immer Cross-Dressing. Sie nimmt beim anderen Geschlecht, bei einer anderen Klasse oder einer anderen Kultur Anleihen auf. Die neuen Beine der Frauen sind ein sehr schönes Beispiel für Cross-Dressing. Mode ist die Zersetzung jeglicher Behauptung von Eigentlichkeit. Aber ihr wirkliches Geheimnis ist ihre List: Sie tut nicht, was sie zu tun vorgibt.

Ziehen sich mit der Unisex-Mode denn beide Geschlechter gleich an? Frauen wie Männer tragen Jeans und T-Shirt oder im Berufsleben auch Anzug.

Die Unisex-Mode läuft, wenn man genau hinschaut, unter einer besonders falschen Flagge. Denn tatsächlich ist dabei die erotische Zone der Männermode auf die Frauenmode übertragen worden. Beine und Po, die Frauen bis dahin unter langen Röcken versteckt haben, werden durch die Hosen modelliert. Die Unisex-Mode führt also de facto zu einer Durcherotisierung des weiblichen Körpers und damit nicht zu einer Verwischung, sondern zu einer Verschärftung des Gegensatzes männlich/weiblich. Die Business-Kostüme und -Anzüge, zum Beispiel von Jil Sander, die in der Übertragung des Anzugs in die Damenmode sicherlich führend war, umspielen den Körper sehr viel schmeichelnder und silhouettieren ihn enganliegender als dies die Anzüge für Männer im Normalfall tun. Der männliche Anzug ist ja mit seiner Unterfütterung ein Konstrukt, das den Körper schematisch überformt und in seiner Partikularität verschleift. Dieses Verschleifen des weiblichen Körpers, diese neutralisierende Funktion des Anzugs ist in der Frauenmode nie passiert.

Wie wird sich die Mode weiterentwickeln?

Von Friedrich Nietzsche bis Adolf Loos haben alle Modetheoretiker eine Modedämmerung vorausgesagt: Wenn wir endlich in gleichberechtigten Zeiten leben, Frauen gleichberechtigten Zugang zum Arbeitsmarkt und wir keine parasitären Klassen mehr haben, dann gibt es keine Moden mehr. Dieser Diskurs der Moderne stigmatisierte die Mode als weibisch, oberflächlich-frivol, als Zurschaustellung des Fleisches auf dem Heirats- oder Sexmarkt – dem einzigen Markt, der den Frauen zugänglich sei – im Gegensatz zum mode-indifferenten, reifen Geistesmenschen, der selbstredend männlichen Geschlechtes sein sollte.

Nun ist eines sicher: Zu dieser Modedämmerung ist es nicht gekommen. Mode gibt es noch, unbeeindruckt der angeführten sozialpolitischen Kriterien. Sie trennt nach wie vor in ein modisches und ein a-modisches Geschlecht qua markierter versus unmarkierter Sexualität. Daraus kann man schließen, dass wir noch immer starke Oligarchien haben und von einer Gleichberechtigung der Geschlechter im Zugang zu Geld, Macht und Autorität meilenweit entfernt sind, und das mag stimmen. Aber man kann die Geschichte der Mode auch etwas anders erzählen: Die weibliche Mode zersetzt das transzendierende Prinzip, das der Anzug behauptet. Kunstvoll setzt sie auf die Eleganz und Schönheit des Körpers im Hier und Jetzt. Sie gibt ihm Form. Sie versucht nicht, wie der Anzug, etwas anderes – Macht, Reichtum, Autorität – zu behaupten. Dadurch tritt hinter seiner sozialen Überformung der Körper in seiner Einmaligkeit und seiner Schönheit, in seiner Verletzlichkeit und Hinfälligkeit hervor und wird in dem ihm eigenen Wert sichtbar. Das erscheint mir viel reizender, als die Körper den Korporationen zu unterwerfen und in ihren Funktionen aufgehen zu lassen.

Also sollten Frauen den Anzug lieber im Schrank lassen?

Ich meine, dass es nicht darum gehen kann, die Öffentlichkeit von Weiblichkeit zu reinigen und dieses Ablegen alles Weiblichen zur Bedingung des Zugangs zu Autorität, Geld, und Macht zu machen. Es gilt, eine institutionelle Sphäre zu schaffen, die Weiblichkeit nicht nur toleriert, sondern ihr Raum gibt, weil sie sie schätzt. Das ist eine Frage von kulturellen, lebensweltlichen Standards, die nicht dem geschäftlichen Funktionieren einer Männerwelt unterworfen sein müssen. Einer Männerwelt, die ihrerseits alles andere als glücklich sein dürfte mit dieser Art von Privilegierung.

Interview: nh

Professor Barbara VinkenProf. Dr. Barbara Vinken ist Inhaberin des Lehrstuhls für Romanische Philologie und Allgemeine Literaturwissenschat an der LMU. Ihr Buch Angezogen. Das Geheimnis der Mode ist bei Klett-Cotta erschienen.

Dieses Interview stammt aus dem Forschungsmagazin Einsichten, das Ende November erscheint.

Verantwortlich für den Inhalt: Kommunikation und Presse