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Islamwissenschaft

Alltag auf Papyrus

München, 23.01.2014

Islamwissenschaftler der LMU erstellen eine Datenbank für Jahrhunderte alte arabische Dokumente, die einzigartige Einblicke in das Alltagsleben im arabischen Raum ermöglichen. Ihre Pionierarbeit wird von der Mellon-Foundation unterstützt. 

Mit dieser Urkunde vom 29. Dezember 709 ernannte Qurra, Gouverneur von Ägypten, Quṣṭā zum Steuerbeamten
Mit dieser Urkunde vom 29. Dezember 709 ernannte Qurra, Gouverneur von Ägypten, Quṣṭā zum Steuerbeamten.

Die Datenbank „The Arabic Papyrology Database“ bietet einen einmaligen Zugriff auf historische Dokumente aus dem arabischen Raum. Sie enthält beispielsweise Ehe- und Mietverträge aus dem siebten Jahrhundert, Listen zu Steuerzahlungen und Verdiensten sowie Texte von Amuletten. „Die Dokumente eröffnen uns einen unvergleichlichen Zugang auf das Alltagsleben, vor allem in Ägypten, bis ins 16. Jahrhundert“, sagt Professor Andreas Kaplony, Inhaber des Lehrstuhls für Arabistik und Islamwissenschaft an der LMU, unter dessen Leitung die Arabic Papyrology Database, kurz APD, entsteht.

Kaplony und seine Mitarbeiter werden nun von der amerikanischen Stiftung Andrew W. Mellon Foundation für die nächsten zwei Jahre mit 466000 US-Dollar in ihrer Arbeit unterstützt. Am Ende dieses Zeitraums soll die Datenbank alle 2500 bislang publizierten Dokumente erfassen. Zudem führen die Islamwissenschaftler eine zweite Datenbank fort, die Metainformationen bislang noch nicht edierter Dokumente enthält; diese soll auf 15000 Dokumente wachsen.

Bislang weitgehend unbekannte Quellen

Die APD ist die weltweit einzige Datenbank, die historische Alltagsdokumente in arabischer Schrift auf Papyrus und Papier aus dem arabischen Raum erfasst. „Sie eröffnet Einblicke in einen Alltag, der an der Buchkultur vorbeigeht. So erfahren wir zum Beispiel auch Details aus dem Leben von Frauen, Kindern und Bauern. Die Datenbank zeigt einen Reichtum an Quellen, die bislang weitgehend unbekannt sind“, sagt Kaplony.

Die Datenbank ist im Internet allgemein zugänglich und bietet Wissenschaftlern, darunter Historikern und Linguisten, umfangreiche Recherchemöglichkeiten. Sie enthält neben der Originalabschrift und Metainformationen zum Dokument, etwa über Datum und Material, außergewöhnlich gut dokumentierte Übersetzungen. „Wir machen mehrere Stufen der Edition transparent und nehmen mehrere Lesarten auf. Das bietet keine andere Datenbank“, sagt Kaplony. Zudem sind die einzelnen arabischen Wörter direkt mit einem Wörterbuch verknüpft.

Bereits heute umfasst die Datenbank, an der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der LMU sowie der Universitäten Zürich und Wien bereits seit 2006 arbeiten, 1575 Dokumente. „Die APD liefert wertvolle Informationen zur Sprache, dem Arabischen des Alltags, und der literarischen Gestaltung. Sie erleichtert es, Massenquellen zu untersuchen: Wie musste ein Kaufvertrag geschrieben und wie ein Brief formuliert sein? Wie schrieb man zum Beispiel an seine ‘liebste Sklavin‘ oder machte seinem Sohn unmissverständlich, aber höflich klar, dass er sofort nach Hause kommen soll? Das erkennt man nur, wenn eine Vielzahl von Dokumenten vorliegen“, erläutert Kaplony.

Die Originaldokumente bestehen aus Papyrus, Pergament oder Papier. Sie sind weltweit zerstreut und lagern in Archiven oder Sammlungen. Insgesamt sind heute ungefähr 130000 historische Dokumente des arabischen Alltags bekannt, von denen der Großteil noch nicht ediert ist. Die Mellon Foundation engagiert sich seit Langem für die Arabic Papyrology Database und hat bereits die vergangenen drei Jahre bis 2013 finanziell gefördert.

Am Lehrstuhl für Arabistik und Islamwissenschaft der LMU wird die Forschung an der APD von zwei internetbasierten Projekten der Lehre begleitet: der Arabic Papyrology School und der Arabic Papyrology Webclass. Beide führen Nachwuchswissenschaftler und Professoren aus der ganzen Welt, auch aus dem arabischen Raum, mithilfe der digitalen Kommunikationsmöglichkeiten zusammen.             nh

 

Verantwortlich für den Inhalt: Kommunikation und Presse