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Vorstandsgehälter

Korrekturen an der steilen Kurve

München, 15.01.2013

Kanzler verdienten zu wenig, andere, vom „Sparkassendirektor“ aufwärts, bekämen mehr, beklagt SPD-Kandidat Peer Steinbrück und erntet dafür Kritik. Gegenfrage: Was verdienen diese anderen? Welchen Regeln folgt die Entlohnung von Industrie- und Bankvorständen? Antworten von VWL-Professorin Dalia Marin. 

- Foto: Cezar Perelles / sxc.hu
Foto: Cezar-Prelles / sxc.hu

Was bekommt denn ein Sparkassendirektor heute so?

Marin: Die individuellen Gehälter kenne ich nicht, an der Spitze werden sie nicht liegen. In Deutschland arbeiten die bestbezahlten Manager ohnehin nicht bei den Banken, sondern in der Industrie – mit Ausnahme von Josef Ackermann. Sein Nachfolger jedenfalls verdient schon sehr viel weniger.

 

Sie haben festgestellt, dass Industrievorstände im Schnitt 700.000 Euro im Jahr bekommen – mit kräftigen Ausreißern nach oben.

Marin: Genau. Wir haben die Entwicklung der Vorstandsbezüge in den 500 größten deutschen Unternehmen seit 1977 verfolgt. Bis zur Finanzkrise sind diese Einkommen – inflationsbereinigt – in diesem Zeitraum im Schnitt auf das Dreieinhalbfache gestiegen, was im Vergleich zu den USA im Übrigen noch einigermaßen moderat ist. Dort haben sich die Spitzeneinkommen unter Managern in kürzerer Zeit noch sogar versechsfacht. Und zweitens: Die Streubreite zwischen den Einkünften der Spitzenverdiener und des großen Restes ist dabei deutlich größer geworden. Außerdem hat sich der Gehaltsabstand zwischen Vorstand und normalem Angestellten über die Jahre im Schnitt verdoppelt, das Verhältnis lag zuletzt bei 16 zu 1.

 

Alle Berichte über die Ackermänner dieser Republik machen einen glauben, die Vorstandsbezüge seien explodiert. Ist das also richtig?

Marin: Das stimmt für die Spitzen, nicht für den Sparkassendirektor. Trotzdem mag Herr Steinbrück mit seiner Behauptung nicht ganz falsch liegen. Denn was die Großverdiener angeht, reden wir von Größenordnungen zwischen zehn und 14 Millionen Euro pro Jahr. Da dürfte ein Kanzlergehalt wohl kaum mithalten können.

 

In der Finanzwelt sieht die Entwicklung ja ein bisschen anders aus.

Marin: Ja, und das ist ein wesentlicher Unterschied zu den USA und Großbritannien, die einen bedeutenderen Finanzsektor haben. Dort ist die Explosion der Vorstandsbezüge durch die – weitgehend deregulierte – Geldbranche getrieben worden, in Deutschland ist sie von der Industrie ausgegangen.

 

Welche Dellen hat denn die Finanzkrise in diese aufwärts strebenden Kurven geschlagen?

Marin: Sie hat einen regelrechten Strukturbruch ausgelöst. Vor der Finanzkrise, so haben wir festgestellt, hat eher das Abschneiden des gesamten Sektors, weniger die Performance des Managers selbst den Ausschlag für die Höhe seiner Bezüge gegeben.

 

Er wurde also, überspitzt gesagt, dafür bezahlt, wie gut die anderen arbeiten?

Marin: Dafür eben, wie gut der Sektor dasteht. Das hat die Finanzkrise geändert: Heute sind die Vorstandsbezüge in der Regel an das Ergebnis des jeweiligen Unternehmens gekoppelt. Es hat ja Wellen der Empörung darüber gegeben, dass die Gewinne einbrechen und die Spitzenmanager sich weiter Boni auszahlen. Nachdem das Thema so in der Öffentlichkeit war, mussten die Unternehmen das notgedrungen korrigieren. Im deutschen Bankensektor werden im Übrigen die Manager schon seit Langem nach dem Ergebnis des Unternehmens entlohnt – ganz abgesehen davon, dass der Anstieg der Vorstandsgehälter dort ohnehin moderater war als in der Industrie.

 

Spielt die Größe des Unternehmens eine Rolle für die Bezahlung?

Marin: Eine prominente Hypothese besagt, dass die Bezüge gestiegen sind, weil auch die Größe der Unternehmen im Schnitt zugenommen hat. Und je größer die Unternehmen, desto wichtiger sind gute Manager, weil Fehlentscheidungen gleich viel mehr Geld verbrennen als in kleinen Firmen. Deswegen, so die Hypothese, ist ein scharfer Wettbewerb um die Spitzenmanager entstanden, der die Entlohnung in die Höhe treibt.

 

Und: Stimmt die Annahme?

Marin: In den USA ja, in Deutschland ist es eher umgekehrt: In schlechten Zeiten, wenn es mit den Unternehmen tendenziell bergab geht und sie im Schnitt schrumpfen, steigt womöglich die Neigung, den Vorstand auszutauschen, was den Wettbewerb um die Manager anheizt, die als Spitzenkräfte gelten. Aber das ist höchstens ein Teil der Erklärung.

 

Welchen Grund gibt es noch?

Marin: Unser großes Thema auch im Rahmen eines Sonderforschungsbereiches ist die Frage, welche Auswirkungen die Globalisierung auf den Anstieg der Managerbezüge hat. Unsere These ist, dass ihn die immense Zunahme des internationalen Handels getrieben hat. Sie sorgt nicht zuletzt dafür, dass internationale Unternehmen zunehmend Niederlassungen in Deutschland aufgebaut haben und ihre Manager auf dem lokalen Arbeitsmarkt suchen – was den Wettbewerb um die Kräfte verschärft und damit deren Entlohnung nach oben treibt. Dass diese These viel für sich hat, zeichnet sich in noch laufenden Arbeiten bereits deutlich ab. Auf dem lokalen Arbeitsmarkt wohlgemerkt, der oft beschworene globale „war for talents“ lässt sich für Deutschland so nicht bestätigen. Ausländische Vorstände? Die können Sie an einer Hand abzählen. Insofern bedeutet ein Anshu Jain an der Spitze der Deutschen Bank geradezu eine Revolution. Dabei ist das Institut wie Siemens und viele andere längst ein global operierendes Unternehmen.

 

Besetzen deutsche Firmen auch im Ausland ihre Führungsposten mit deutschen Managern?

Marin: Nicht unbedingt, sie stellen dort auch eher ortsansässige Führungskräfte ein. So gesehen trägt das sogenannte Offshoring, die Verlagerung der Produktion etwa nach Osteuropa, dazu bei, den Anstieg der Managergehälter hierzulande abzudämpfen. Es senkt tendenziell den Bedarf der Firmen an Führungskräften in Deutschland. Auch das zeigen unsere Daten. Aber um die politische Implikation unserer Arbeiten deutlich herauszustreichen: Schon wenn man, aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit oder warum auch immer, die Höhe der Vorstandsbezüge unter Kontrolle halten will, ist das beste Mittel die Internationalisierung der Vorstandsetagen.           Interview: math

 

marin_webProf. Dr. Dalia Marin ist Lehrstuhlinhaberin am Seminar für Internationale Wirtschaftsbeziehungen der LMU.

 

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