Ludwig-Maximilians-Universität München
print

Links und Funktionen
Sprachumschaltung

Navigationspfad


Inhaltsbereich

Tagung „Foundations of Physics“

Welt der Theorien, Theorien der Welt

München, 29.07.2013

Bis zum Grund der Welt: Namhafte Forscher aus Philosophie, Physik und Wissenschaftsgeschichte treffen sich an der LMU zur internationalen Konferenz „Foundations of Physics“. Stephan Hartmann, Professor für Wissenschaftstheorie an der LMU und einer der Organisatoren, gibt einen Überblick.

hartmann_535

Drei Tage, ein umfangreiches Programm: Worum geht es bei der Tagung?
Stephan Hartmann: Unsere Tagung behandelt Themen an der Schnittstelle von Philosophie, Physik und Wissenschaftsgeschichte. Philosophen interessieren sich zum Beispiel für die Natur von Raum und Zeit. Was ist der Raum? Gleicht er einem Behälter, in dem sich alles Geschehen abspielt? Und was müssen wir uns unter der Zeit vorstellen? Vorläuft sie gleichmäßig? Steht fest, welche Ereignisse objektiv gleichzeitig stattfinden? Und: Gibt es Raum und Zeit überhaupt unabhängig von den Gegenständen? Um diese Fragen zu klären, hilft ein Blick auf unsere besten wissenschaftlichen Theorien. Tatsächlich stellt sich heraus, dass sich Philosophen und mit Grundlagenfragen befasste Physiker oft ganz ähnliche Fragen stellen – Fragen, die zum Teil übrigens schon Newton und Leibniz umtrieben.

Raum und Zeit sind also klassische Themen der Philosophie...
In der Tat. Viele der großen Philosophen – wie Aristoteles, Descartes und der schon erwähnte Leibniz – haben sich um ein philosophisches Verständnis von Raum und Zeit bemüht. Viele von diesen Philosophen waren interessanterweise auch Physiker. Die Arbeitsteilung zwischen den verschiedenen Wissenschaften kam ja erst später. Ein anderes großes Thema ist die philosophische Relevanz der Quantenmechanik. Widerlegt diese Theorie tatsächlich den Determinismus und vielleicht sogar den Realismus? Als drittes großes Themenfeld hat sich in den letzten Jahren die statistische Physik etabliert. Dieses ausgesprochen aktive und boomende Gebiet ist nicht nur von großer Relevanz für technische Anwendungen; es wirft auch zahlreiche philosophisch brisante Fragen auf.

Wie lassen sich denn die Fragen der statistischen Physik in die Philosophie übertragen?
Ein zentrales Konzept der statistischen Physik sind Wahrscheinlichkeiten. Diese spielen eine wichtige Rolle in den verschiedenen Theorien und Modellen und lassen sich mathematisch berechnen. Dabei ist oft nicht klar, was Wahrscheinlichkeiten genau bedeuten. Drücken sie nur unser Unwissen über das genaue Verhalten eines deterministischen Systems aus, oder entsprechen sie vielmehr dem System innewohnende Tendenzen, sich in einem gegebenen Kontext auf diese oder jene Weise zu verhalten. Oder, philosophischer ausgedrückt: Sind die Wahrscheinlichkeiten der statistischen Physik subjektiv oder objektiv? Wir fragen: Welche dieser Deutungen ist die angemessenere? Welche Argumente können für beide Positionen vorgebracht werden, und wie sind diese zu bewerten? Interessanterweise sind derartige Interpretationsfragen oft nicht nur von philosophischem Interesse; sie treiben zuweilen ganze Forschungsprogramme an. Wenn ich zum Beispiel die Auffassung vertrete, dass Wahrscheinlichkeiten subjektive Glaubensgrade sind, dann entwickle ich vielleicht andere physikalische Theorien, als wenn ich Wahrscheinlichkeiten objektiv interpretiere. Philosophische Vorentscheidungen spielen oft eine (vielfach unbemerkte) Rolle bei der Formulierung wissenschaftlicher Theorien und Modelle. Diese explizit zu machen ist eines der Ziele der Wissenschaftstheorie, was letztendlich auch zu einem besseren Verständnis davon führt, was uns unsere besten physikalische Theorien über die Welt sagen.

Die Wissenschaftslandschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten, gar Jahrhunderten immer weiter ausdifferenziert und spezialisiert. Gleichzeitig ist die Sprachlosigkeit zwischen den Disziplinen immer weiter angewachsen. In welcher Sprache unterhalten sie sich denn eigentlich?
Es ist wahr, dass sich selbst Forscher innerhalb einer Disziplin oft nicht mehr viel zu sagen haben. Und das ist nicht grundsätzlich schlecht. Die Entwicklung passender Fach-Vokabularien ist dem wissenschaftlichen Fortschritt sicher zuträglich, und tatsächlich bringt die Wissenschaft Großes zuwege. Wenn es aber darum geht, das alles auch zu verstehen, Verbindungen zwischen Forschungsgebieten und Disziplinen aufzudecken, und Themenfelder zwischen den Disziplinen zu erschließen, dann hilft es, ein weinig Abstand zu den Disziplinen zu haben, sich Klarheit über die verwendeten Begriffe zu verschaffen, und gemeinsame oder ähnliche Strukturen zu identifizieren. Hier kann die Philosophie, denke ich, wichtige Beiträge leisten. Philosophen sind beispielsweise darin geschult, Begriffe zu klären und Ungereimtheiten aufzudecken. Darüber hinaus ist es gerade die Aufgabe des Philosophen, über die Begrenzungen des eigenen Fachs hinaus zu blicken und etwaige Verbindungen zwischen unterschiedlichen Gebieten zu erkennen. Das hat mich zum Beispiel immer an der Philosophie gereizt.

Gibt es denn schon konkrete Ideen für Crossover-Projekte?
Es gibt bereits viele etablierte Kollaborationen zwischen Philosophen, Physikern und Wissenschaftsgeschichtlern. Mit unserer Tagung, die mit über 150 Teilnehmern die größte ihrer Art ist, die jemals stattgefunden hat, hoffe ich auf viele weitere Crossover-Projekte. Wichtig ist ja zunächst einmal, die Leute überhaupt zusammen zu bringen. Und dann ergibt sich bestimmt auch etwas, etwa bei Gesprächen während der Kaffeepausen, für die wir viel Zeit lassen. Besonders gespannt bin ich auf die Impulse, die von unseren eingeladenen Sprechern ausgehen. So wird zum Beispiel der Experimentalphysiker Markus Aspelmeyer (Wien) über neue Experimente zu den Grundlagen der Quantenmechanik vortragen. Spannend wird sicher auch der Vortrag der Physikerin Fay Douker (Imperial College London), die diskutieren wird, was für eine diskrete Raumzeit spricht. Schließlich sei noch der Physiker und Philosoph Julian Barbour (Oxford) erwähnt, der in einem Abendvortrag im Deutschen Museum über das Mysterium der Zeit vortragen wird. - Uns geht es mit der Tagung auch darum, auf die großartigen Möglichkeiten an der LMU hinzuweisen, sich mit der Geschichte, der Philosophie und den Grundlagen der Physik zu befassen. Vielleicht bekommt ja der eine oder andere Wissenschaftler Lust, einen längeren Forschungsaufenthalt in München zu verbringen?

Interview: Maximilian G. Burkhart

Weitere Informationen:

Verantwortlich für den Inhalt: Kommunikation und Presse