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Unternehmensgeschichte

Brauner Pudding: Dr. Oetker und der Nationalsozialismus

München, 28.10.2013

Im Auftrag des Lebensmittelunternehmens haben Forscher um den Historiker Andreas Wirsching erstmals die Firmengeschichte von Dr. Oetker in der NS-Zeit untersucht. Jetzt liegt die Studie als Buch vor.

Buchcover: Dr. Oetker und der Nationalsozialismus. Geschichte eines Familienunternehmens 1933-1945, Verlag C.H. Beck 2013„Kinder, lasst mich damit in Ruhe. Das war eine schlimme Zeit.“ Wenn es um die eigene Rolle im Dritten Reich ging, wurde der sonst sehr traditionsbewusste Rudolf-August Oetker einsilbig. Als begeisterter Reiter sei er mehr oder weniger in die Reiter-SS hineingeschlittert, erzählte er den Kindern. Tatsächlich wurde sein Reitverein in die Reiter-SA überführt; zur Waffen-SS meldete er sich später freiwillig und absolvierte Teile seiner Ausbildung im KZ Dachau. Im Wirtschafts- und Verwaltungsdienst wollte er der Front entgehen – um den Familienkonzern Dr. Oetker nicht durch den Tod des einzig männlichen Erben in eine weitere existenzielle Krise zu stürzen wie anno 1916, als Rudolf-August Oetkers Vater Rudolf bei Verdun fiel.

Es sind die Kriegszeiten, in denen die Geschichte der Unternehmensgruppe Dr. Oetker kulminiert, die nun erstmals umfassend wissenschaftlich aufgearbeitet wurde. Beauftragt mit der Studie hat die Firma eine Forschergruppe um Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte und Ordinarius für Neuere und Neueste Geschichte an der LMU.

Ein typischer Gründerzeitpatriarch war Dr. August Oetker, der 1891 mit Backhefe in Kleinstpackungen für die Hausfrau den Grundstock für ein Familienimperium legte, wertkonservativ und mit ausgeprägter sozialer Ader für die unmündigen Untergebenen. Umso schwerer wog der Schock durch den Tod des auserkorenen Nachfolgers Rudolf – noch vor der Geburt dessen leiblichen Sohnes Rudolf-August.

An die Vaterstelle trat Richard Kaselowsky, ein Jugendfreund Rudolfs, der als Treuhänder bis zu Rudolf-Augusts 27. Geburtstag die Firmengruppe führen sollte. Unternehmerisch weitsichtig, war der gelernte Kaufmann Kaselowsky zunächst nationalliberal gesinnt und patriarchalisch.

Anknüpfungspunkte zu den Nazis gab es genug, auch wenn Kaselowsky kein Rassenantisemit war. Und so wurde der Leiter des schon 1937 zum „NS-Musterbetrieb“ erhobenen Unternehmens als einziger Lebensmittelfabrikant bald auch Mitglied des „Freundeskreis Reichsführer SS“. Immer den Vorteil der Bielefelder Firma im Blick manövrierte Kaselowsky, der „Nationalsozialist des Herzens“, Dr. Oetker durch die Kriegsjahre. Er kooperierte mit der SS und profitierte von Arisierungen. An Menschenversuchen durch die SS für neuartige Trockennahrung aus Abfallprodukten war Dr. Oetker unter Kaselowsky aber wohl nicht beteiligt, haben die Forscher herausgefunden.

Spät haben sich die Erben des Wirtschaftswunder-Imperiums der eigenen Geschichte gestellt. Verhindert hatte dies vor allem Patriarch Rudolf-August, der auch nach dem Krieg noch alte SS-Kameraden unterstützte und seinem 1944 verstorbenen Nazi-Stiefvater Kaselowsky treu ergeben blieb. (mbu)

Publikation:
Jürgen Finger, Sven Keller, Andreas Wirsching
Dr. Oetker und der Nationalsozialismus. Geschichte eines Familienunternehmens 1933-1945
Verlag C.H. Beck 2013, 624 Seiten
ISBN 978-3-406-64545-7

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