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Erich Kästner

Hauptwerk erstmals in der Urfassung publiziert

München, 18.10.2013

Erich Kästners wichtigster Roman „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ wurde bereits vor seinem Erscheinen 1931 vom Lektorat gekürzt und entschärft. Nun liegt er erstmals in der Urfassung vor. 

Erich Kästner (Foto: Paulae / wikimedia.org)
Erich Kästner (Foto: Paulae / wikimedia.org)

Erich Kästners wichtigstes Werk, den Roman „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“, konnte man noch nie so lesen, wie er vom Autor geschrieben wurde: Das Buch wurde bereits vom Verlag zensiert und um ganze Kapitel gekürzt, bevor es 1931 auf den Markt kam. Kästner schildert in dem Roman die Streifzüge des arbeitslosen Jakob Fabian durch das politisch und erotisch brodelnde Berlin Ende der 20er Jahre. Stein des Anstoßes für das Lektorat waren politisch unliebsame Stellen – etwa eine Busfahrt, während der sich Fabian über Nationalheiligtümer lustig macht - und die freizügige Schilderung von Sexualität, die als obszön galt. Zudem wurden als zu umgangssprachlich oder sprachlich zu frech empfundene Passagen geglättet.

„Trotzdem war Fabian neben einigen Gedichtbänden der Hauptgrund dafür, dass Kästner während des ‚Dritten Reichs’ verboten wurde“, sagt der LMU-Literaturwissenschaftler und Kästner-Experte Sven Hanuschek, der das Buch neu redigierte und seine ursprüngliche Fassung rekonstruierte. Unter dem Titel „Der Gang vor die Hunde“ ist das Werk nun im Atrium Verlag erschienen. Hanuschek liefert die Urfassung des Romans erstmals als durchgehend lesbaren Text, mit allen ge­strichenen Passagen und der Rekonstruktion stilistischer De­tails sowie Anhängen, in denen unter anderem auf die Entstehungsgeschichte und die satirischen und politischen Dimensionen des Romans eingegangen wird. Kästner verstand den Roman von Anfang an als eines seiner Hauptwerke und wollte mit ihm ein umfassendes Porträt der Gesellschaft zeichnen. Auf die Bearbeitung seines Manuskripts durch den Verlag reagierte er, indem er ein „Nachwort an die Sittenrichter“ und ein gestrichenes Kapitel in überarbeiteter Form separat publizierte.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 fiel Fabian den Bücherverbrennungen zum Opfer, und Kästner konnte nur noch unter Pseudonym politisch unverfängliche Werke publizieren. Auch nach Kriegsende erschien der Roman nicht mehr in der ursprünglichen Fassung. „Glücklicherweise blieb das handschriftlich korrigierte Typoskript des Romans erhalten, und es ist ein seltenes Glück philologischer Ar­beit, mehr als 80 Jahre nach Erscheinen der Erstausgabe das Leseerlebnis dieser Urfassung an das Publikum weitergeben zu können“, sagt Hanuschek. „Der scharfe, satirische Blick auf eine Gesellschaft im Umbruch ist bis heute eine seltene Tonlage in der deutschen Literatur; und vielleicht noch seltener: Kästner sagt offen, dass er keine Patentrezepte weiß.“
göd

Publikation:
Erich Kästner
Der Gang vor die Hunde
Atrium Verlag, 340 Seiten
ISBN: 3-85535-391-3

 

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