Ludwig-Maximilians-Universität München
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Kunst und Migration

Fremde überall

München, 30.09.2013

Ein Sammelband zeigt auf, welche Bedeutung Migration und das Leben im Exil für die Arbeit von Künstlerinnen und Künstlern haben. 

Migration

 „Im Exil, worin die Decke der Gewohnheit abgezogen ist, wird man zum Revolutionär, und sei es nur, um dort wohnen zu können“, schrieb der jüdische Philosoph Vilém Flusser, der im Jahr 1939 vor den Nationalsozialisten aus Prag nach Frankreich fliehen musste und später nach Brasilien emigrierte. Aus künstlerischer Sicht bewertete er die Exilerfahrung positiv – der Vertriebene müsse kreativ sein, „will er nicht verkommen“, meinte Flusser.

Wie sich Migrationserfahrungen auf die Arbeit von Künstlerinnen und Künstlern auswirken, interessiert Burcu Dogramaci, Professorin für Kunstgeschichte an der LMU. „Ein- oder Auswanderung verändert den Blick für das Umfeld, ebenso wie das Umfeld dadurch verändert wird. Sie ist ein bedeutender Motor künstlerischer Produktion“, sagt Dogramaci.

Im Rahmen eines Forschungsaufenthalts am Center for Advanced Studies (CAS) der LMU hat die Kunsthistorikerin systematisch den Zusammenhang von Exil, Migration und Kulturtransfer untersucht. Die Vorträge der abschließenden Tagung des Forschungsprojekts sind nun in dem Sammelband “Migration und künstlerische Produktion“ erschienen.

Zuhause in der Heimatlosigkeit

Die Beiträge zeigen, in welch unterschiedlicher Weise Künstler das Leben im Exil erfahren und dies in ihrer Arbeit ausdrücken. Der Philosoph Flusser war der Überzeugung, Migranten könnten dazu beitragen Einheimischen einen neuen Blick auf ihre eigene Welt zu eröffnen. Andere Künstler empfinden das Exil nur als Zeit des Wartens. Der französische Maler und Objektkünstler Marcel Duchamp, der nach New York auswanderte, drückte sein Gefühl der Heimatlosigkeit in der Installation „First Papers of Surrealism“ aus, in der er eine weiße Schnur wie ein Labyrinth durch eine Ausstellung zog.

Mehrere Beiträge thematisieren auch, wie die Werke von Künstlern mit Exilerfahrung wahrgenommen werden – was deren Selbstverständnis mitunter widerspricht. „Ich will nicht als migrantische Künstlerin abgestempelt werden“, sagt etwa die Performance-Künstlerin Nezaket Ekici in einem Interview mit Burcu Dogramaci. Sie habe drei Kulturen: deutsch, türkisch und international. Auf die Frage, ob es für sie so etwas wie Heimat gebe, antwortet Ekici: „Ich weiß gar nicht, was Heimat überhaupt ist. Ich glaube, dass sie irgendwo in mir ist“.

„In den Kunstwissenschaften ist Migration erst seit jüngerer Zeit ein zentrales Thema“, sagt Burcu Dogramaci. In ihrem Sammelband bringt sie neue Forschungsansätze zusammen. Die Autorinnen und Autoren haben aus verschiedenen Disziplinen, darunter Literaturwissenschaft und Soziologie, Perspektiven für künftige Forschungen entwickelt.
nh

 

Publikation:
Burcu Dogramaci (Hrsg.):
Migration und künstlerische Produktion
Transcipt Verlag, 388 S.
ISBN 978-3-8376-2365-9

 

Kontakt:
Professor Burcu Dogramaci
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Kunstgeschichte
Telefon: 089 / 2180-2462
E-Mail: burcu.dogramaci@kunstgeschichte.uni-muenchen.de

 

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