Ludwig-Maximilians-Universität München
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Welttag der sozialen Gerechtigkeit

„Wir leben auf Kosten der Zukunft“

München, 15.02.2013

Der LMU-Wissenschaftler Markus Vogt über soziale Gerechtigkeit in Deutschland und der Welt sowie über das Bedürfnis nach Anerkennung.

Shanghai (Foto: Alex Nikada / istockphoto.com)
Shanghai (Foto: Alex Nikada / istockphoto.com)

Umfragen zufolge finden viele, dass es in Deutschland nicht gerecht zugeht. Stimmt diese Wahrnehmung?
Markus Vogt: Es ist sicherlich berechtigt, von erheblichen Gerechtigkeitslücken zu sprechen. Der Reallohn in den unteren Einkommensbereichen ist in den vergangenen zehn Jahren gefallen. Das ist in Verbindung mit unsicheren Arbeitsverhältnissen ein ernst zu nehmendes Problem. Zugleich gab es eine Stabilisierung bei den oberen Einkommen, zum Teil werden extrem hohe Gehälter gezahlt. In Bezug auf die Lohnspreizung hat also eine Entwicklung hin zu mehr Ungleichheit stattgefunden.

Wie gerecht kann eine Leistungsgesellschaft denn sein?
Leistung anzuerkennen ist ein unverzichtbares Element von Gerechtigkeit. Für gleiche Leistung sollte gleicher Lohn gezahlt werden. Der normative Sinn von Gleichheit ist nicht die Nivellierung von Unterschieden, sondern die Ermöglichung fairer Interaktion.

Ungleichheit ist in vieler Hinsicht produktiv. Sie kann ein Anreiz sein. Es ist aber keineswegs so, dass der einzig mögliche Anreiz mehr Einkommen ist. Das wichtigste Bedürfnis des Menschen ist es, Anerkennung zu erfahren. Die Kommunikation wechselseitiger Anerkennung führt zu Solidarität, und Solidarität befähigt den Einzelnen, etwas zu wagen und Risiken einzugehen. Das ist die Grundidee der solidarischen Leistungsgesellschaft. Es wird unterschätzt, dass der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands sehr stark auf dem lange gut funktionierenden Sozialsystem beruht. Sein Erfolgsgeheimnis ist es, den Gedanken des Sozialen mit dem des Wettbewerbs produktiv zu verknüpfen.

In der christlichen Sozialethik wird Gerechtigkeit nicht nur bezogen auf das Existenzminimum gedacht, sondern auch in Bezug auf gesellschaftliche Teilhabe. In München gelten 120.000 Einwohner als arm. Sie haben zwar gerade genug Geld, um ihre Existenz zu sichern, aber sie sind in manchen Bereichen von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen, die in einer reichen Stadt wesentlich auch über Geld organisiert ist.

In Deutschland sind die Bildungschancen ungleich verteilt. Was bedeutet das für die gesellschaftliche Teilhabe?
Bei der Bildung kann man am deutlichsten zeigen, dass es an Zuwendung und Ermutigung fehlt. Alle Analysen, angefangen bei der Pisa-Studie, bestätigen, dass in Deutschland vor allem Kinder den Anschluss verlieren, die aus bildungsfernen Elternhäusern kommen. Diesen Kindern fehlt nicht der Leistungsanreiz. Ihnen fehlt die Ermutigung. Viele Schüler, auch mit Migrationshintergrund, sind irgendwann frustriert und trauen sich selber nichts mehr zu. Zu meinen, dass man allein mit Selektionsdruck die Leistung erhöhen könnte, ist falsch. Häufig macht man damit mehr kaputt. Natürlich kann Druck hilfreich sein, aber nur in Verbindung mit einer gewissen Sicherheit.

Der Gedanke, Leistung mit sozialer Gerechtigkeit zu verbinden, ist richtig. Jeder ist für sich verantwortlich, aber wir brauchen manchmal die Hilfe des anderen, um unsere Fähigkeiten zu entwickeln. Das gilt im Kleinen wie im Großen.

Wie könnte es in Deutschland gerechter zugehen?
Gerechtigkeit ist kein erreichbarer Zustand, sondern ein Prozess. Eine Gesellschaft ist immer dabei, die Rahmenbedingungen zu justieren. Das gilt aktuell zum Beispiel für den Mindestlohn. Ohne einen Mindestlohn sind viele Menschen in der Zwangslage für immer niedrigere Löhne arbeiten zu müssen. Ein anderes Beispiel ist die Transaktionssteuer, die der Bekämpfung von Armut zu Gute kommen soll. Es ist wichtig, den Bankensektor bei Risiken, die auch aus Unverantwortlichkeit entstanden sind, stärker in die Pflicht zu nehmen. In Deutschland wurden in den vergangenen Jahren die Gewinne privatisiert und die Verluste kollektiviert.

Auch beim Euro-Rettungsschirm zahlt der einfache Steuerzahler mit.
In Europa kommt es zurzeit darauf an, die richtige Balance zu finden zwischen Sparen und Investieren. Nicht Geld ist das knappe Gut, man kann es nachdrucken. Knapp ist das Vertrauen als wichtigstes Kapital. Vertrauen, dass man mit dem Geld Wertschöpfung betreiben kann und dafür etwas bekommt. Um Vertrauen herzustellen, braucht es verlässliche Kooperation, nur daraus wächst die Bereitschaft zu Investitionen. Zurzeit wird in Europa gespart auf Kosten des sozialen Zusammenhalts. In Spanien zum Beispiel gibt es bei jungen Menschen eine Arbeitslosenquote von 50 Prozent. Wenn die Sparpolitik solche Folgen hat, wird mehr kaputt gemacht als gerettet.

Was sind weltweit die Herausforderungen für mehr Gerechtigkeit?
Die größten Gerechtigkeitslücken gibt es in der Subsahara und in Indien. Hier werden Lebensräume zerstört und Kulturen vernichtet. Dazu kommen mangelnde Gesundheitsversorgung und fehlende Bildungschancen. Das zeigt, wie wichtig es ist, Armut nicht nur an Einkommen zu messen.

Die Hungerzunahme ist das drängendste Problem von massiver Ungerechtigkeit, zumal zugleich in den reichen Städten massenweise Lebensmittel weggeschmissen werden. Weltweit herrscht also kein Mangel, sondern es gibt eine ungleiche Verteilung und das liegt an falschen Strukturen. Bloße Umverteilung wird das Problem nicht lösen, sondern entscheidend wird es sein, Befähigungsgerechtigkeit im Sinne des Ökonomen Amartya Sen zu erreichen. Das Ziel muss sein, Menschen zu befähigen, Lebensmittel selbst zu erzeugen. Das bedeutet auch, die lokalen Märkte zu stärken. Heute sind die Länder des Globalen Südens in der Weltwirtschaft vor allem Rohstofflieferanten und Absatzmärkte für die Produkte aus den Industrieländern.

In ökologischer Hinsicht verletzt der massive Verlust an Naturressourcen im Zusammenhang mit dem Klimawandel die Gerechtigkeit zwischen den Generationen. Wir leben auf Kosten der Zukunft. Deutschland ist hinsichtlich der C02-Bilanz zwar im Vergleich mit anderen Ländern relativ erfolgreich. Doch das liegt vor allem daran, dass wir die C02-intensive Produktion ins Ausland verlagert haben.

Was bedeuten ungerechte Zustände für den Einzelnen? Sollten wir zum Beispiel nur noch Fairtrade-Produkte mit Ökosiegel kaufen?
Gerechtigkeit fängt beim Einzelnen an. Es reicht nicht, dass die Gesellschaft die notwendigen Rahmenbedingungen zur Verfügung stellt. Der Einzelne ist in der Pflicht. Und er kann natürlich, beispielsweise als Konsument, Einfluss nehmen. Wobei man die Möglichkeiten einer „Politik mit dem Einkaufskorb“ nicht überschätzen sollte. Die Informationsbasis ist zu dünn und deswegen die Gefahr groß, auf ein grünes Image hereinzufallen. Aber jeder sollte genau hinsehen und sich als Bürger engagieren, beispielsweise in Bürgerinitiativen, und selbstverständlich die politische Wahlen wahrnehmen.

Soziale Gerechtigkeit wirft komplexe Fragen auf. Gerade Studierende sollten sie zum Anlass für eine vertiefte Reflexion nehmen und sich auf dieser Basis aktiv an den Prozessen der politischen Willensbildung beteiligen.

Interview: nh

Martin VogtProfessor Dr. Markus Vogt leitet den Lehrstuhl für Christliche Sozialethik an der LMU. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Wohlstandschancen und neue Armut in der Globalisierung sowie Nachhaltigkeit. Markus Vogt ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik im deutschen Sprachraum sowie Mitglied in verschiedenen kirchlichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Gremien, darunter das Münchner Kompetenzzentrum Ethik.

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