Werkausgabe Siegfried Kracauer
Eine deutsche Einheit
München, 17.08.2012

Siegfried Kracauer (Foto: Suhrkamp-Verlag)
Marseille, August 1940: „Auf dem Weg, vor einem Cafè, saß unser Freund S. Kracauer, eifrig schreibend“, erinnert sich ein Schriftstellerfreund. Die deutschen Truppen hatten Paris besetzt und viele aus Nazi-Deutschland geflohene Juden versuchten, über Südfrankreich nach Spanien und weiter in die USA zu gelangen. So strandeten im Sommer 1940 führende deutsche Intellektuelle wie Siegfried Kracauer und Walter Benjamin in der Hafenstadt und warteten verzweifelt auf ihre Visa. „Ehe wir weitergingen“, so heißt es in den Erinnerungen, „fragte ich Kracauer: ,Was wird aus uns werden, Krac?’ Darauf er, ohne lange nachzudenken, erstaunlich schnell und apodiktisch: ,Soma, wir werden uns alle hier umbringen müssen.’“
Schnell habe Kracauer weitergeschrieben, die Unterhaltung war für ihn beendet. Auch die Replik Benjamins ist überliefert: „Was mit uns geschehen wird, ist nicht so leicht vorauszusehen. Aber eins weiß ich sicher: Wer sich sicherlich nicht umbringen wird, ist unser Freund Kracauer. Er muß ja noch seine Encyclopädie des Films zu Ende schreiben. Und dazu gehört ein langes Leben.“
Abschließende Bände erschienen
Benjamin sollte Recht behalten: 16 Jahre hat Kracauer an seiner Theory of Film gearbeitet und um jeden einzelnen Satz gerungen, erzählt die LMU-Literaturwissenschaftlerin Inka Mülder-Bach über den „bedeutendsten Feuilletonisten der 1920er-Jahre“. Es ist das Opus magnum seines Schaffens, das nun erstmals in einer vollständigen Werkausgabe vorliegt. Inka Mülder-Bach und Ingrid Belke haben sie mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft herausgegeben. Die beiden abschließenden Bände der Edition, darunter Von Caligari zu Hitler, ein weiteres Hauptwerk, sind unlängst erschienen. Jetzt erst wird die Fülle dieses einzigartigen Schaffens in Gänze sichtbar.
In jahrelanger und teils mühevoller Sucharbeit haben die Herausgeberinnen und ihre Mitarbeiterinnen das schriftstellerische und wissenschaftliche Werk sowie nahezu das gesamte journalistische Schaffen Kracauers versammelt. Die Bände Essays, Feuilletons und Rezensionen sowie Kleine Schriften zum Film gehören denn auch zu den Kernstücken der Edition. Die „Konsequenz von Kracauers Werk“, das „in eine Anzahl scheinbar heterogener Komplexe zerfällt“, resümiert Mülder-Bach, erschließt sich erst in der chronologischen Rückschau.
Romane, Feuilletons, soziologische Studien, medientheoretische Klassiker: Was vom Schaffen eines der wichtigsten Intellektuellen der Weimarer Jahre und des Exils bleib und wie sich die scheinbar disparaten Stränge seines Werkes zu einem Ganzen fügen, lesen Sie hier – im vollständigen Artikel aus dem Forschungsmagazin „Einsichten“ (pdf, 655kb). Maximilian G. Burkhart
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