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Umweltgeschichte

Flut und Flucht

München, 14.12.2012

Anmerkungen zum Kyoto-Protokoll: Wissenschaftler am Rachel Carson Center untersuchen an historischen Beispielen, welches Ausmaß an Vertreibung und Migration der Klimawandel auslösen könnte.

Das letzte Haus auf Holland Island in der Chesapeake Bay (Foto: baldeaglebluff / www.flickr.com)
Das letzte Haus auf Holland Island in der Chesapeake Bay (Foto: baldeaglebluff / www.flickr.com)

„Klimaflüchtlinge“ – der Begriff ist in Mode gekommen. Gibt es sie wirklich – angesichts von weltweitem Kohlendioxidausstoß und globaler Erwärmung, die die Staatengemeinschaft eigentlich mit dem – gerade verlängerten – Kyoto-Protokoll  begrenzen will? Oder handelt es sich bei dem Begriff um eine eher fragwürdige semantische Kombination der Phänomene Klimawandel und Flüchtlingsproblematik?
Der Begriff ist in der Tat umstritten, weil er gleichsam von dem erwarteten Anstieg von Extremereignissen wie Stürmen, Flutwellen, Dürren auf die Wanderungsbewegungen extrapoliert – ohne Umschweife. Dabei gibt es, wie die Forschung in den letzten Jahren gezeigt hat, eine ganze Reihe von Faktoren, die Einfluss darauf haben, ob aus den Bedrohten tatsächlich Flüchtlinge werden.

Aber die Flucht vor dem Klimawandel und anderen Umweltdesastern ist in skandinavischen Ländern mittlerweile im Asylrecht berücksichtigt.
Es gibt wohl bislang kaum einen Fall von Klimaflüchtlingen dort. Die meisten anderen Staaten sperren sich dagegen, insgesamt ist es eine eher theoretische Diskussion.

Sie leiten ein Forschungsprojekt, das die Umweltmigration durch die Jahrhunderte und durch alle Weltgegenden systematisch verfolgt. War das bislang nicht ein Randphänomen?
Es gibt eine Fülle von Fallbeispielen. In dem Projekt „Climates of Migration“ versuchen Wissenschaftler am Rachel Carson Center und am Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) in Essen, sich einen Überblick über die Vielfalt von Umweltmigration in der Geschichte zu verschaffen und gemeinsame Muster zu erkennen. Der jüngste breit diskutierte Fall ist Hurrikan Katrina. Als der Sturm über New Orleans tobte, brachen Dämme, tieferliegende Areale, weite Teile der Stadt wurden überflutet. Viele Bewohner wurden vertrieben und entwurzelt, längst nicht alle sind zurückgekommen. Und es gab eine gewisse Kongruenz zwischen Pegelhöhe und sozialer Hierarchie: Am stärksten betroffen waren ohnehin schon marginalisierte Bevölkerungsgruppen. Schließlich spielten, was das Ausmaß der Katastrophe angeht, nicht nur Umweltphänomene eine Rolle, sondern auch andere Faktoren wie soziale Vulnerabilität und rassistische Gesellschaftsstrukturen. Gerade um solche Verflechtungen von Umwelt, Gesellschaft und erzwungener Migration geht es in unserem Projekt.

Die Geschichte der USA ist nicht arm an Flutkatastrophen.
Die Mississippi-Flut von 1927 (Foto: Ed Leake)Ja, als beispielsweise 1937 der Ohio River Städte wie Cincinnati oder Louisville/Kentucky überflutete, wurden Gegenden, in denen arme Weiße und African Americans gelebt hatten, einfach aufgegeben. Viele Menschen mussten ohne Infrastruktur und Versorgung auskommen; die betroffenen Stadtteile wurden von der Stadtverwaltung regelrecht aufgegeben. Oft boten also solche Desaster den Stadtplanern einen willkommenen Anlass, Bevölkerungsgruppen zu „verlegen“. Da trafen sich Bestrebungen, die Städte zu modernisieren und autogerecht zu machen, mit den Plänen für einen sozialen Umbau. Ein anderes Beispiel für Umweltmigration, das mir als Amerikahistoriker sofort einfällt, ist die große Dürre in den 1930er Jahren, die viele Menschen aus der Dustbowl, der Staubschüssel der Southern Plains, nach Kalifornien hat auswandern lassen.

Wanderungen nach Dürren oder Hungerkrisen gehören auch zu Europas Geschichte.
Ja, das bekannteste Beispiel sind sicherlich die irischen Hungerflüchtlinge nach den verheerenden Kartoffelmissernten in den 1840er Jahren. Wir in München erforschen aber hauptsächlich den Zusammenhang von Desastern und Migration, etwa nach Überschwemmungen in Bangladesh. Im Golf von Bengalen entstehen durch Sedimentationsprozesse immer wieder neue große Inseln – die innerhalb von Jahrzehnten wieder erodieren. Dorthin verschlägt es die ohnehin marginalisierten Gruppen der Bevölkerung; hier trifft die Fragilität der Natur auf die Fragilität der Gesellschaft. Das sind sehr instruierende Fallstudien. Meine Kollegin Ina Richter etwa untersucht die Siedlungsgeschichte an der Chesapeake Bay, der größten Flussmündung der USA, etwa eine Autostunde östlich der Hauptstadt Washington. In den vergangenen 150 Jahren ist dort eine Reihe von Inseln untergegangen. Daran lässt sich nachverfolgen, wie eine Bevölkerung mit der Veränderung umgeht: Wann wird sie gewahr, dass der Lebensraum enger wird? Wann müssen die ersten gehen? Rücken die Bewohner zunächst auf den benachbarten Inseln zusammen oder gehen sie gleich aufs Festland? Gibt es tipping points?

Die Reaktionen auf die Bedrohung erforschen Sie auch an aktuellen Beispielen?
Rebecca Hoffmann, sie ist Ethnologin, war gerade ein Jahr lang auf Chuuk, einem kleinen Inselstaat in Mikronesien. Sie hat sich dort angeschaut, wie die Einwohner mit dem drohenden Klimawandel umgehen, wie sie vielleicht sogar auf historische Erfahrungen von Meeresspiegelschwankungen rekurrieren. Die Einwohner sind indes vergleichsweise mobil, sie haben weite Netze von Verwandtschaftsverhältnissen, auf die Nachbarinseln und sogar in die ferne USA, nicht zuletzt weil Mikronesien mit den USA assoziiert ist. Gleichzeitig aber sind sie sehr heimatverbunden, selbst alle, die bereit wären zu gehen, wollten auf jeden Fall zurückkommen. Chuuk ist nur ein Mikrobeispiel; aber wenn es so kommt, wie prognostiziert, werden womöglich ganze Staaten aufhören zu existieren. Da geraten Gesellschaften ins Rutschen, denn Sozialordnungen lassen sich nicht einfach transplantieren.

Sie wollen aus all den einzelnen Fallstudien generelle Muster der Umweltmigration ableiten. Was lässt sich aus der Summe der Beispiele, so gesehen aus der Geschichte lernen?
Welches Ausmaß die Klimamigration annimmt, ist nicht einfach zu beantworten. Es wird sehr davon abhängen, ob die am stärksten vom Klimawandel betroffenen Regionen in der Lage sind, beziehungsweise in die Lage versetzt werden, selbst Resilienzen aufzubauen und ihre eigene Bevölkerung zu schützen. Und selbst wenn dies nicht geschieht, werden die Wanderungen wohl zunächst im engeren Umkreis stattfinden, auf die nächste Insel, aufs Festland, zu den Verwandten, die an einem sicheren Ort leben, oder in Flüchtlingscamps. All das wird eher geschehen, als dass sich ein großer Flüchtlingsstrom in die westliche Welt „ergießt“, wie manche befürchten. Man wird in der gegenwärtigen Debatte jedenfalls nicht weiterkommen, ohne auf historische Muster von Vulnerabilität und Resilienz zurückzugreifen. Von wie vielen Faktoren das Ausmaß der Folgen abhängt, zeigt beispielsweise der Vergleich zweier Erdbeben auf Sizilien: Die Stadt Messina, die 1908 heimgesucht wurde, regenerierte sich vergleichsweise gut, sie prosperierte sogar danach. Das Belice Valley, eine eher ländliche, ärmliche Gegend erholte sich dagegen kaum von dem Desaster, das es 1968 traf.

Auf die Woche genau vor 15 Jahren hat die Staatengemeinschaft das Kyoto-Protokoll beschlossen, das den Kohlendioxidausstoß begrenzen und so den menschengemachten Klimawandel aufhalten soll. Gerade hat sie sich in Doha durchgerungen, das Protokoll bis 2020 zu verlängern. Doch die Szenarien der Klimaforscher verheißen nichts Gutes.
Der anthropogene Klimawandel wird ohne Zweifel massive Einfluss auf die Migrationsentscheidungen von Millionen von Menschen haben. Welche konkreten Formen diese Wanderungen aber annehmen werden, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass wir es mit einer Bandbreite von verschiedenen Migrationsphänomenen zu tun bekommen werden – von individueller Wanderung über inter-familiäre Flucht bis hin zur Verlegung ganzer Städte. Das Bild von der Welle von Klimaflüchtlingen aber, die an die Küsten der Industriestaaten brandet, halte ich für sehr problematisch. Die Angst davor jedenfalls sagt wahrscheinlich mehr über die Flüchtlingshysterie des Westens aus als über die tatsächlichen Probleme.

Interview: math

PD Dr. Uwe Lübken ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Rachel Carson Center für Umwelt und Gesellschaft (RCC) an der LMU. Lübken ist Projektleiter für „Climates of Migration“, einem Forschungsverbund des RCC und des Kulturwissenschaftlichen Instituts (KWI) in Essen.

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