Ludwig-Maximilians-Universität München
print

Links und Funktionen
Sprachumschaltung

Navigationspfad


Inhaltsbereich

Hochdotierter Forschungspreis

Die Lehre von Linda

München, 16.11.2012

„Nur Schmetterlinge zu sammeln, ist langweilig“: Stephan Hartmann ist Humboldt-Professor und seit Kurzem Ordinarius für Wissenschaftstheorie. Er setzt auf mathematische Methoden – und holt hochtourige analytische Philosophie in den Alltag zurück.

Prof. Dr. Stephan Hartmann„Kennen Sie Linda?“, fragt Stephan Hartmann mit Unschuldsmiene. „Linda ist 31 Jahre alt und Single. Sie hat einen Abschluss in Philosophie und engagiert sich gegen Atomkraft. Welche der folgenden Aussagen, glauben Sie, ist wahrscheinlicher,“ fährt er fort, während er sich voller Elan über den Kaffeetisch beugt: „Erstens: Linda ist Bankangestellte, oder zweitens: Linda ist Bankangestellte und Feministin? Sie meinen, die zweite Aussage?“, hakt Hartmann nach. „Verständlich“, meint er freundlich und ohne jeden Triumph in der Stimme, „ist aber falsch. Richtig ist die erste. Die Wahrscheinlichkeit, dass beide Eigenschaften gleichzeitig zutreffen, kann gar nicht größer sein, als dass nur eine Eigenschaft zutrifft. Zweitens ist eine Teilmenge von erstens“, führt Hartmann aus und kritzelt eine Formel aufs Blatt. „Nicht so schlimm, den Fehler machen 85 Prozent.“ Das hätten Daniel Kahnemann und Amos Tversky 1983 in einem „berühmten Versuch“ zur sogenannten Repräsentativitätsheuristik gezeigt.

Mit Linda wird sich der 44 Jahre alte Philosoph, seit Kurzem Lehrstuhlinhaber für Wissenschaftstheorie an der LMU, nicht weiter beschäftigen, sie gibt aber ein gutes Beispiel für die Art von Philosophie, die er in München künftig zusammen mit seinem Kollegen Hannes Leitgeb betreiben möchte. Die beiden Hochschullehrer leiten das „Munich Center for Mathematical Philosophy“ und sind international renommierte Vertreter ihres Faches. Noch dazu sind beide Alexander von Humboldt-Professoren; dieser höchstdotierte deutsche Forschungspreis soll weltweit umworbene Wissenschaftler aus dem Ausland für eine langfristige Forschertätigkeit in Deutschland gewinnen. Zum Termin kommt Stephan Hartmann in Jeans, Fahrradhelm und Holzfällerkaro. Der gebürtige Hesse hat einen festen Händedruck, ein freundliches Lächeln und einen verbindlichen Ton.

Zunächst dorthin, wo schon Popper war
Studiert hat Hartmann in Gießen Physik und Wissenschaftsphilosophie: „Die Physiker meinten immer, dass ich mit der Philosophie meine Zeit verplempere. Aber der große Vorteil der Philosophie ist, dass man sich mit allem Möglichen beschäftigen kann.“ Nach der Promotion über Modelle und Computersimulationen in den Wissenschaften wird er zunächst Assistent von Jürgen Mittelstraß, Ordinarius am Fachbereich Philosophie der Universität Konstanz. „Aber bald wurde mir klar“, so Hartmann bescheiden, „dass ich mit meiner Forschung in Deutschland wohl keine Philosophieprofessur bekommen würde. Mir fehlte die historische Tiefe und die thematische Breite.“ Also zieht es Hartmann, der sowieso der angelsächsischen Tradition der analytischen Philosophie verpflichtet ist, im Anschluss an ein Auslandsjahr in Pittsburgh (USA) nach Großbritannien an die London School of Economics, an der schon Karl Popper lehrte. In London wird er schnell zum Professor befördert, ohne die in Deutschland immer noch übliche Habilitation. An Rückkehr denkt Hartmann nicht. Lieber folgt er einem Ruf an die Tilburg University in den Niderlanden, wo er das „Tilburg Center for Logic and Philosophy of Science“ aufbaut. Dass Stephan Hartmann doch zurückkehrt, liegt an der Humboldt-Professur und an den Möglichkeiten, die das „Munich Center for Mathematical Philosophy“ und die interdisziplinäre Vernetzung an der LMU bieten.

Fragen von politischer Brisanz
„Ich betreibe Philosophie, wie ein Naturwissenschaftler seine Wissenschaft betreibt. Dabei beginne ich oft mit einem ganz konkreten Problem.“  So interessiert ihn etwa die Frage, nach welchen Entscheidungsregeln der EU-Ministerrat abstimmen sollte. Was sich nach trockener Bürokraten-Arithmetik anhört, steckt voll politischer Brisanz. Schließlich geht es um sehr viel Geld, aber auch um den inneren Zusammenhalt der EU. Jedes Land erhält eine Stimme, wäre eine Möglichkeit. Das würde allerdings bedeuten, dass ein Bürger Maltas zweihundertmal höher gewichtet würde als ein Deutscher. Umgekehrt aber würde ein proportionales Stimmgewicht – ein Land hat so viele Stimmen, wie es seiner tatsächlichen Größe entspricht – die kleinen Länder marginalisieren. Die Lösung liegt also irgendwo in der Mitte. Wo und wie genau sie angesetzt wird, ist also nicht nur ein mathematisches, sondern auch ein politik-philosophisches Problem.

Genau diese Verbindung von Empirie, Praxis und Philosophie fasziniert Hartmann: „Linda steht auch für eine philosophische Frage – und die wird uns in den nächsten Jahren beschäftigen: Wie passt die Wahrscheinlichkeitstheorie, wie die Mathematik auf die Welt?“ Hartmann philosophiert nicht einfach im stillen Kämmerlein über die letzten Fragen der Menschheit. „Ich glaube nicht daran“, sagt Hartmann, „dass ich durch reines Denken sehr weit komme.“ Er sucht lieber nach mathematischen Methoden für philosophische Probleme, zum Beispiel dafür, wie Normen entstehen. Oder dafür, was Wahrscheinlichkeiten in der Physik bedeuten. Beschreiben quantenmechanische Wahrscheinlichkeiten beispielsweise nur unsere Unwissenheit über den Zustand eines Objektes oder Systems? Oder drücken sie eine objektive Unbestimmtheit der Welt aus? Fragen wie diese sind nicht allein von philosophischem Interesse, sondern werden in den letzten Jahren auch vermehrt von Physikern gestellt, die sich mit der für Anwendungen wichtigen Quanteninformationstheorie beschäftigen.

Immer mit praktischem Hintergrund
Hartmanns Interesse gilt Fragen, die sich alleine meist nicht lösen lassen und die immer auch einen praktischen Hintergrund haben. Deswegen ist das „Munich Center for Mathematical Philosophy“ von Leitgeb und Hartmann auch interdisziplinär angelegt. Ausgewiesene Experten und Nachwuchskräfte aus den unterschiedlichsten Disziplinen wie Ökonomie und Politikwissenschaft, Biologie und Philosophie, Physik und Psychologie werden in verschiedenen Arbeitsgruppen forschen. Ihr Ziel: „nicht triviale Konsequenzen für konkrete Probleme aus philosophischen Positionen ziehen. Denn wir wollen zeigen“, so Hartmann, „dass die Philosophie eine Rolle spielt. Ich finde es langweilig, nur Schmetterlinge zu sammeln. Die Kunst besteht darin, etwas philosophisch Spannendes und damit etwas eher Allgemeingültiges zu sagen und gleichzeitig interessante Bezüge zu unserer Welt herzustellen.“ So holt Stephan Hartmann – hochtourige – analytische Philosophie in den Alltag zurück. Maximilian G. Burkhart

Verantwortlich für den Inhalt: Kommunikation und Presse