Ludwig-Maximilians-Universität München
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500 Jahre Reformation

Modernisierung des Christentums

München, 16.06.2017

Vor 500 Jahren wurde mit der Reformation ein wichtiges Kapitel zur Erneuerung der christlichen Kirche eingeleitet, das immer noch nachwirkt. Der LMU-Kirchenhistoriker Professor Harry Oelke zeichnet die wichtigsten Impulse der Reformation nach.

Foto: nmann77 / fotolia.com

Für Thomas Mann war Luther eine der wichtigsten Gestalten der deutschen Geschichte, für Hans Maier hat er gar das „Christentum in der Moderne angemeldet“. Für andere wiederum war er „ein deutscher Grobian“. Wer war Luther und was bewirkte er?
Professor Harry Oelke: In der Tat verfügte Luther über eine gewisse polemische Potenz und Volkstümlichkeit. Andererseits steht er ganz klar an der Schwelle zu einer modernen Zeit, weil er der europäischen und globalen Individuumsgeschichte einen enormen Impuls gegeben hat. Sein Verdienst ist es, dass er den Einzelnen in die Verantwortung vor Gott gestellt und ihn gleichsam aus dem kirchlich-institutionellen Kontext entlassen hat. Dabei betont Luther „sola scriptura“: Allein aus der Heiligen Schrift kommen sowohl die Kraft als auch die Verbindlichkeit des Glaubens. Das war neu und ein wichtiges Differenzkriterium gegenüber der katholischen Kirche.

Ein zweites Differenzkriterium ist das von Luther propagierte Allgemeine Priestertum. Das heißt, er stärkt den Einfluss der Laien, indem er ihnen den gleichen Rang wie den Priestern zuweist. Unter christlichem – nicht unter weltlichem – Vorzeichen hebt er damit die Trennung von Klerus und Laien auf. Das war vor dem Hintergrund mittelalterlicher Geschichte revolutionär.

Welche Bedeutung haben Luther und sein Erbe für die Gegenwart?
Sowohl die Individuumsgeschichte als auch das Konzept vom Allgemeinen Priestertum weisen Stränge in die Gegenwart auf. Vor allem durch letzteres etablieren sich – mit aller Vorsicht formuliert – im Raum der evangelischen Kirche vordemokratische Verhältnisse. Was damit propagiert wird, ist ein Umgang auf einer gleichen verbindlichen Basis, der Bibel. Es gibt Übersetzungen in deutscher Sprache, womit die Laien befähigt werden, die heilige Schrift zu lesen.

Als dritter Punkt kommt dazu noch die Nutzung von Medien in einem vorher nie dagewesenen Umfang. Luther war ihnen gegenüber sehr aufgeschlossen und hatte keine Scheu davor, das Wort Gottes auch über die Medien zu verbreiten. Luthers bedeutendste theologische Botschaft war die Erkenntnis, von der Rechtfertigung vor Gott allein aus Glauben. Sie in die Gegenwart zu übertragen, ist die größte Herausforderung des aktuellen Reformationsjubiläums.

Sie setzen bei Ihrer Veranstaltung zum 500jährigen Reformationsjubiläum am 23. Juni den Schwerpunkt auf den Buchdruck. Wie entscheidend war dieser für Luthers Erfolg?
Der Buchdruck ermöglichte die auflagenstarke Verbreitung reformatorischer Positionen und damit erstmals den gleichzeitigen Diskurs der gleichen Themen zur gleichen Zeit. Das war neu, denn bis dahin herrschte eine stark sektorierte Form des Austausches: Die Bauern sprachen auf dem Markt miteinander, die Humanisten an den Universitäten und auch die Adligen am Hof hatten ihre ganz eigenen Kommunikationskanäle.

Jetzt aber werden die Themen kollektiv rezipiert, vorgelesen, weitererzählt, ja, zerlesen: Wir wissen von Flugblättern, die nicht mehr vorhanden sind, weil sie durch so viele Hände gegangen sind, dass sie schließlich nicht mehr brauchbar waren.

Natürlich hat der Buchdruck für die großflächige Verbreitung reformatorischer Schriften gesorgt. Andererseits konnte dadurch auch die Druckbranche enorm expandieren. Denn der Buchdruck mit beweglichen Lettern war zurzeit der Reformation schon ein halbes Jahrhundert alt. Gab es vorher zwar auch schon Flugblätter und Bücher in minimalen Auflagen, so beginnt ab 1518/19 ein exponentieller Anstieg gedruckter Schriftstücke. Dass sich in der Reformation auch eine ganze Berufsgruppe konstituiert, die Geld verdienen will, wird in der Forschung zur Reformation oft übersehen. Aber die Medien bedürfen einer Botschaft. Ohne die theologischen Impulse Luthers wären die neuen Medien eine semantische Nullstelle geblieben.

Auch heute ändern sich mit der digitalen Kommunikation die medialen Möglichkeiten für Religionen. Was bedeutet das für ihre Verbreitung und Ausübung?
Die Reformation ermöglichte eine neue Struktur von Öffentlichkeit innerhalb der deutschen Reichsgrenzen. Der Verbreitungsraum war jedoch im wesentlichen durch die Sprache bedingt. Die Globalisierung hebt das ganze noch einmal auf eine andere Stufe. Mit den neuen Medien und dem Englischen als verbindender Sprache werden die Möglichkeiten potenziert. Strukturell ist es aber ganz ähnlich wie in der Reformation. Nur sind eben die Grenzen gesprengt – es ist ein Vielfaches an Kommunikation und Interaktion möglich. Ob das aber passiert, ist fraglich, denn überall gibt es Binnenräume, in denen eine Klientel mit der anderen kommuniziert. Das sind dann schon eher wieder traditionelle Kommunikationsstrukturen.

 

Veranstaltung zum Reformationsjubiläum an der LMU
Am 23. Juni um 19 Uhr befasst sich der Themenabend „Der Buchdruck: Anfang & Ende?“ der Evangelisch-Theologischen Fakultät mit diesem besonderen Aspekt der Reformation. Nach eine Luther-Lesung, für die ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsidenten Björn Engholm, gelernter Schriftsetzer, gewonnen werde konnte, findet ein Podiumsgespräch unter anderem mit Professor Harry Oelke und Arnd Brummer, Chefredakteur des Magazins Chrismon, statt. Von Studenten produzierte Videoclips runden die Veranstaltung ab.


Aus Einsichten:
Die Welt im Zentrum
Der Weg in die Säkularisierung beginnt nicht erst mit der Reformation. Er ist schon in den Anfängen des Christentums angelegt, sagt der Religionswissenschaftler Robert Yelle. Auszug aus dem LMU-Forschungsmagazin mit dem Schwerpunkt „Glaubensfragen“.