Ludwig-Maximilians-Universität München
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Jahrestag der Pogromnacht

Holocaustforschung in München

München, 09.11.2017

Im Juli 2013 hat das Institut für Zeitgeschichte im engen Schulterschluss mit der Ludwig-Maximilians-Universität München begonnen, ein Zentrum für Holocaust-Studien aufzubauen. Erstmals in Deutschland wurde damit ein institutionelles Forum geschaffen, das im Netzwerk mit internationalen Partnern die Forschung über den Holocaust vorantreibt.

Foto: ChiccoDodiFC / fotolia.com

„Lange Zeit war es das Verdienst überwiegend ausländischer Institutionen wie Yad Vashem in Jerusalem oder dem United States Holocaust Memorial Museum in Washington die internationale Forschung über den Holocaust auf hohem Niveau zu bündeln“, erklärt der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, Professor Andreas Wirsching. Wissenschaftliches Ziel beim Aufbau des Zentrums für Holocaust-Studien in München war es deshalb, die deutsche und internationale Forschung zum Holocaust institutionell zu stärken und erstmals auch in Deutschland ein Kompetenz- und Kommunikationszentrum für die empirische Erschließung des Holocaust zu schaffen.

„München als Standort hat dafür beste wissenschaftliche Startbedingungen geboten“, ergänzt der Leiter des Zentrums für Holocaust-Studien, Professor Frank Bajohr. Zum einen konnte das Institut für Zeitgeschichte durch seine langjährige Expertise in der Erforschung des Nationalsozialismus nicht nur wissenschaftliche Kompetenz, sondern auch intensive Beziehungen in die internationale Wissenschaftswelt in die Waagschale werfen. Dazu zählen langjährige Kooperationen mit Yad Vashem und dem United States Holocaust Memorial Museum, aber auch das weitverzweigte, EU-geförderte Forschungsnetzwerk EHRI (European Holocaust Research Infrastructure), über das das IfZ mit 19 Einrichtungen in ganz Europa verbunden ist. Zum anderen unterhält das Institut am Standort München mit Bibliothek und Archiv eine etablierte Forschungsinfrastruktur mit dem Sammelschwerpunkt Nationalsozialismus. „Dadurch können wir attraktive Arbeitsbedingungen für Forscherinnen und Forscher aus aller Welt schaffen.“

Nicht zuletzt bietet München als historischer Ort des Nationalsozialismus ein intensives Netzwerk an Dokumentationsstätten und Erinnerungsorten, wie beispielsweise die KZ Gedenkstätte Dachau und das NS-Dokuzentrum. Wissenschaftsminister Dr. Ludwig Spaenle: „Die Forschung zum Holocaust ist existenziell – auch für das Selbstverständnis des demokratischen Rechtsstaats Deutschland und Bayern. Sie liefert die Grundlagen für neue wissenschaftliche Erkenntnisse, aber auch für den öffentlichen Diskurs und die auch heute und in Zukunft nötige Erinnerungsarbeit. Es ist höchst erfreulich, dass an dem Ort, von dem aus einst der menschenverachtende Nationalsozialismus sein schreckliches Tun entfaltet hat, heute intensiv über seine Ideologie des Rassismus und des Unrechts geforscht wird und damit auch ein wichtiger Beitrag zum ,Nie wieder‘ geleistet wird.“

Das Münchner Zentrum für Holocaust-Studien hat die bestehende internationale Forschungsstruktur durch einen leistungsfähigen Pfeiler in Deutschland ergänzt und gleichzeitig eine Brückenfunktion nach Osteuropa übernommen. „Dort“, so Andreas Wirsching, „ist aufgrund der vielfach erst seit den 1990er Jahren zugänglichen Quellen für die Zukunft am meisten Erkenntnisgewinn für die Holocaust-Forschung zu erwarten.“

Gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung startete das Institut für Zeitgeschichte 2013 eine zweijährige Vorlaufphase, um die Infrastruktur für das Zentrum für Holocaust-Studien aufzubauen. Seit 1.1.2017 ist das Zentrum in eine Bund-Länder-Finanzierung überführt und wurde in der Folge personell und materiell erweitert. Minister Spaenle: „Zwei Wissenschaftler haben sich unmittelbar bei der Gründung des Zentrums für Holocaust-Forschung dieser Aufgabe gewidmet. Ich bin sehr froh, dass es dem Freistaat Bayern auch in zähen Verhandlungen auf der Ebene der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz gelungen ist, aus diesen kleinen Anfängen eine solide finanzierte Forschungsstelle zu entwickeln und diese zukunftsfähig zu machen: Heute stehen für diese Arbeit neun Stellen zur Verfügung. Das Zentrum für Holocaust-Studien ist seit 2017 fester Bestandteil des Instituts für Zeitgeschichte.

Strategischer Partner LMU
Die Ludwig-Maximilians-Universität ist ein strategisch bedeutsamer Partner für die Stärkung der Holocaust-Forschung in München. Das Historische Seminar der LMU verfügt über einschlägige und langjährige Expertise auf diesem Gebiet und zusammen mit der LMU konnte die von Anfang an angestrebte enge Verzahnung von Forschung und Lehre realisiert werden. „Die enge Zusammenarbeit zwischen der LMU und dem IfZ ist ein gelungenes Beispiel für das erfolgreiche Zusammenwirken von außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Universitäten - in diesem Fall in den Geisteswissenschaften“, betont LMU-Präsident Professor Bernd Huber. „Durch das Zentrum können neue Akzente in der Forschung und Lehre gesetzt und die Bedeutung Münchens auf diesem wichtigen Forschungsgebiet weiter gestärkt werden.“

Neben IfZ-Direktor Wirsching, der gleichzeitig eine Professur an der LMU innehat, lehrt auch der Leiter des Zentrums für Holocaust-Studien Frank Bajohr an der LMU. Für die Koordination und die enge Zusammenarbeit mit dem Zentrum gibt es seit September 2017 eine eigene Stelle am Lehrstuhl für Zeitgeschichte der LMU. Das Thema ist damit in Forschung und Lehre fest verankert. So startet etwa zum Wintersemester 2017/18 das gemeinsame Kolloquium „The Holocaust and its Contexts“, das mit Studierenden und Lehrenden an der LMU, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Zentrums für Holocaust-Studien und einer interessierten Öffentlichkeit Trends, Themen und Grundsatzfragen der Holocaust-Forschung diskutiert und neue Forschungsansätze und -ergebnisse präsentiert.

Bilanz des Zentrums und künftige Perspektiven
Eigene Forschungsprojekte, die universitäre Lehre und die Bereitstellung von hochkarätiger Forschungsinfrastruktur für die internationale Holocaust-Forschung sind die drei Schwerpunkte in der Arbeit des Zentrums für Holocaust-Studien am IfZ. Neun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zählen seit Anfang 2017 zum Stab an der Münchner Leonrodstraße 52 unweit des IfZ-Stammsitzes. Seit 2013 haben mehr als 40 Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler einen Forschungsaufenthalt in München absolviert. Das Zentrum schreibt dafür verschiedene Stipendienprogramme für Doktoranden, Post-Docs und „distinguished fellows“, also herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Bereich der Holocaust-Forschung aus. Es organisiert Konferenzen und Workshops und führt eigene Forschungs- und Editionsprojekte durch. Neben den Akteuren und Etappen der NS-Vernichtungspolitik widmen sich die Forschungsprojekte insbesondere dem Holocaust und den Gesellschaften in Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Seit 2013 sind zahlreiche Veröffentlichungen des Zentrums erschienen, darunter eine viel beachtete Edition der Tagebücher von Alfred Rosenberg.

Mit Beginn des Wintersemesters 2017/2018 können Wissenschaftler, Fellows und Studierende auf eine weitere wichtige Forschungsressource zurückgreifen: Die Bibliothek des IfZ bietet seit Oktober exklusiven Zugang zum „Visual History Archive“, der weltweit größten Datenbank mit Interviews von Überlebenden des Holocaust. Die Sammlung ergänzt die nur im Institut für Zeitgeschichte zugängliche Datenbank „Die Verfolgung von NS-Verbrechen durch deutsche Justizbehörden seit 1945“, die über 50.000 Justizverfahren zu NS-Verbrechen katalogisiert.

Nach dem großen Ausbauschritt 2017 hat das Team des Zentrums auch für die kommenden Jahre große Projekte in Planung: Ab 2018 wird das Zentrum für Holocaust-Studien erstmals ein englischsprachiges Jahrbuch veröffentlichen. Unter dem Titel „European Holocaust Studies“ soll diese Veröffentlichung jährlich über neue Projekte und Archivfunde informieren und sich als Debatten- und Diskussionsforum der europäischen Holocaustforschung etablieren.

Ab 2019 wird das Zentrum für Holcoaust-Studien gemeinsam mit der LMU und der Bundeszentrale für politische Bildung in München erstmals ein europäisches Format der in den USA seit langem etablierten Konferenzserie „Lessons and Legacies“ organisieren. Als „Lessons and Legacies Europe“ soll diese Konferenz ähnlich wie ihr amerikanisches Pendant ein Treffpunkt der Holocaust-Forschung werden und hier vor allem eine geografische Brücke für die osteuropäischen Partnerinnen und Partner bauen.

„Das Pionierprojekt Zentrum für Holocaust-Studien hat sich zu einer echten Erfolgsgeschichte entwickelt“, so das Resümee von Staatsminister Ludwig Spaenle. Gerade München, das sich unter den Nationalsozialisten noch als berüchtigte „Hauptstadt der Bewegung“ verstand, dürfe heute als zentraler Pfeiler der internationalen Holocaust-Forschung gelten.

 

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