Ludwig-Maximilians-Universität München
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Kleine Geschichten

Fußnoten aus 30 Jahren Erasmus

München, 04.12.2017

Wer stöbert, findet sie: kleine Randgeschichten. Zu Erasmus gibt es Millionen davon. Zum Beispiel von der ältesten Erasmus-Studentin der LMU, dem alleinerziehenden LMU-Student Nicolai, der in La Reunion Erasmus machte, oder von Pierre, dem "Erasmus-Baby".

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Beschluss 87/327/EWG - so bürokratisch klingt der Beschluss, mit dem der Europäische Rat vor 30 Jahren das Erasmus-Programm ins Leben rief. Anfangs war die Skepsis in der Öffentlichkeit und auch an der LMU groß. Niemand wusste so genau, was das Programm bringen wird. Es stellte sich allerdings schnell heraus: Erasmus wird eine Erfolgsgeschichte.

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Wie alles begann: "Infotheke mit einer Mitarbeiterin"
Alle Pioniere, die in der Anfangszeit Erasmus machten, wurden von Jean Schleiss beraten und unterstützt. Die gebürtige Schottin war Ende der 80er allein für alle Outgoings zuständig. "Damals waren Studenten, die ins Ausland gingen, noch eher Exoten", erzählt Schleiss. Heute ist das anders: Die LMU schickt fast 1.000 Studierende mit Erasmus ins Ausland und hat über 300 europäische Partnerunis. Als das Erasmus-Programm startete, war Schleiss gerade in Elternzeit. Dann kam der Anruf des damaligen Dezernatsleiters: ‚Sie müssen zurückkommen, aus diesem Programm wird mal was ganz Großes.‘ Das Angebot wollte Schleiss nicht ablehnen und kam vorzeitig aus der Elternzeit zurück. Bis heute hat Schleiss - und das merkt jeder, der über sie den Erasmus-Aufenthalt "bucht" - Spaß an ihrer Arbeit und ist stellvertretende Leitung des International Office.

Mythos Erasmus-Baby?
Manche Kooperationen gab es von Beginn an - zum Beispiel die der Tierärztlichen Fakultät der LMU und der École Nationale Vétérinaire de Toulouse. Bis heute wird fast jeden Sommer zum französischen Nationalfeiertag ein Barbecue an der Fakultät gefeiert, erzählt Professor Rambeck, der bis heute Partnerschaftsbeauftragter für das Austauschprogramm ist. Er erinnert sich an Isabell, eine junge Studentin aus Toulouse, die hier an der LMU promoviert hat - und dabei ihre große Liebe fand. Pierre, das Kind dieser Ehe, ist hier auf dem Foto zusammen mit Professor Rambeck, der die beiden Eltern besucht hat, zu sehen. Und Pierre ist nicht das einzige Erasmus-Baby. "13 deutsch-französische Ehen sind im Rahmen dieser 30-jährigen Kooperation entstanden", erzählt Rambeck.

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Für Erasmus ist es nie zu spät
2008 starb Anita Ehlers Mann, ein angesehener Physiker. Nach seinem Tod begann sie erneut ein Leben als Studentin und studierte Allgemeine und Typologische Sprachwissenschaft mit den Nebenfächern Turkologie und Musikwissenschaft an der LMU. Etwas später wollte sie mit Erasmus nach Instanbul - was ihr auch gelang, auch wenn der Online-Antrag nicht bis zu ihrem Geburtsdatum zurückreichte. Das hielt die 75-Jährige aber nicht ab und gemeinsam mit ihrer Kommilitonin Burçin, die ebenfalls als Erasmus-Studentin nach Istanbul ging, eröffnete sie eine WG. "Natürlich mussten wir uns erst aufeinander einspielen, schließlich war sie 27 und ich 75", erzählt Ehlers. Und während Burçin das Leben einer jungen Studentin führte, widmete sich Ehlers vor allem ihrer Hauptseminararbeit an der Istanbuler Yildiz Technical-University. Übrigens: Das Erasmus-Stipendium hat Ehlers der Fachschaft gespendet.

Spontan eine Unterkunft zum Oktoberfest? Schwierig!
Und da gibt es noch die Geschichte von Jorge. Dieser hatte in Spanien seine Koffer gepackt und wollte sich spontan eine Unterkunft in München nehmen, um sich ein Zimmer zu suchen. Dummerweise war Oktoberfest. Alles ausgebucht. Wohin jetzt? So stand er am Ende seiner verzweifelten Suche ratlos vor der Tür des International Office der LMU. Jean Schleiss, die gerade auf dem Sprung war, ihren Sohn abzuholen, nahm Jorge einfach mit. Zwei Stunden später durfte der junge Austauschstudent Gemüse schnippeln und sich mit Herrn Schleiss über dessen Spanien-Erfahrungen austauschen. Und als das Oktoberfest vorbei war, konnte Schleiss dann auch ein Wohnheimplatz für Jorge besorgen.

Herzlichen Glückwunsch zum Erasmus-Semester
LMU-Studentin Dilber wurde, als sie von ihrem Erasmus-Aufenthalt zurückkam, von allen beglückwünscht. Klingt seltsam. Warum eigentlich? Weil sie die 400.000 deutsche Studentin war, die Erasmus gemacht hat. Das eigentlich Besondere waren aber nicht die Glückwünsche vom DAAD, sondern die Erfahrung, die Dilber mit all ihren Vorgängern teilte: Erasmus ist mehr als ECTS-Punkte sammeln. Und neun Monate Erasmus haben ihr klargemacht, so erzählte sie direkt nach ihrer Rückkehr, dass sie beides ist: Deutsche und Türkin.

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Erasmus kann so weit weg sein
Ein Erasmus-Jahr fast 9.000 Kilometer Luftlinie entfernt? Geht. Denn La Reunion, eine Insel östlich von Madagaskar, gehört zu Frankreich, und die LMU hat eine Kooperation mit der Uni dort. LMU-Student Nicolai hat mit seinem kleinen Sohn dort ein Jahr verbracht - sein Fazit: "Abenteuerlicher als andere Erasmus-Aufenthalte". Genau deshalb passte es zu dem Münchner Eisbachsurfer, der seinem Hobby dort oft nachging. Das Jahr habe ihn mit seinem kleinen Sohn sehr zusammengeschweißt und sei am Ende einfach nur "bombing" gewesen.


Es gibt noch so viele Geschichten dieser Art. Am besten, man scheibt eine eigene und geht selbst mit Erasmus ins Auslandssemester - das ist auch der Tipp, den Jean Schleiss den Studierenden immer mit auf den Weg gibt. Hier ein Interview mit ihr zu 30 Jahren Erasmus.