Ludwig-Maximilians-Universität München
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Buchveröffentlichung

Heimat überall

München, 15.04.2014

Die LMU-Kulturwissenschaftlerin Simone Egger zeigt die Bedeutung und den Wandel des Begriffs „Heimat“ auf.

heimat
Simone Egger: Heimat (Riemann Verlag)

Was bedeutet Heimat? „Mein eigenes Bett“, „eingebunden zu sein in eine Gemeinschaft“, „der Ort, in dem ich aufgewachsen bin“ – Dr. Simone Egger vom Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie der LMU zeigt in ihrem neuen Buch die vielen Facetten des Begriffs. „Heimat. Wie wir unseren Sehnsuchtsort immer wieder neu erfinden“, betitelt sie ihr Buch und fragt nach der Bedeutung von Heimat in Geschichte und Gegenwart.

In ihrem Überblick geht es zunächst um das Heimatrecht als frühe Form der Sozialversicherung, um romantische Bilder und die ideologische Aufladung des Begriffs. In den Nachkriegsjahren wurde das Bild der Heimat in Deutschland und Österreich maßgeblich von der Unterhaltungsindustrie geprägt. „Der Heimatfilm präsentierte friedliche Hochglanzwelten und entsprach dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Sicherheit“, sagt Egger.

Der „unverrückbare Sehnsuchtsort“ ist Heimat bis heute geblieben. Sie scheint gerade im Windschatten der Globalisierung ein neues Hoch zu erleben, gewinnt doch die Besinnung auf das Regionale in den westlichen postindustriellen Gesellschaften zunehmend an Bedeutung. Heimatliebe und Selbermachen werden zelebriert. Großstädter pflanzen Gemüse auf dem Balkon, Akademiker beginnen zu handarbeiten und die Gerichte aus Omas Küche nachzukochen. „Dabei geht es nicht nur darum, kreativ zu sein, sondern immer auch um die Versicherung der eigenen Lebenswelt“, sagt Egger. „Glokalisierung“ lautet ein Schlagwort für diesen Trend zum Regionalen.

Heimat ist nicht exklusiv
Zugleich wechseln immer mehr Menschen ihren Heimatsort, ziehen aus privaten und beruflichen Gründen um, und das nicht nur innerhalb eines Landes. „Heimat kann in einer Welt, in der für den Einzelnen so vieles möglich geworden ist, kein statisches Konzept sein“, sagt Egger, vielmehr sei Heimat ein Prozess. „Heimat ist ständig in Bewegung. Ein Mensch hat nicht nur eine Heimat, sondern kann – gleichzeitig oder im Laufe seines Lebens eine, zwei, drei oder noch viel mehr Heimaten haben.“

Allerdings macht es einen wesentlichen Unterschied, ob der Wohnort und die Heimat freiwillig gewechselt werden. Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen waren im Jahr 2012 mehr als 45 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht und damit auch auf der Suche nach einer neuen Heimat. Ein Umstand, dem oft mit Verunsicherung und Ressentiments begegnet wird. Auch in Deutschland wird „Heimat“ dann häufig als Legitimation verwendet, um sich abzuschotten und abzugrenzen und „die anderen“ nicht heimisch werden zu lassen.

„Wie kann man sich mit dem Schutz der eigenen Heimat befassen, während man anderen ihr Recht auf Heimat gleichzeitig abspricht?“, fragt Simone Egger und macht einen Vorschlag: „Heimat hat mit Teilhabe zu tun. Wenn ich weiß, was Heimat für mich bedeutet, mir meiner Familie und meines Zuhauses sicher bin, kann ich dieses Gefühl auch teilen, ohne Angst zu haben, dass es mir jemand wegnimmt.“

Der gegenwärtige Umgang mit „dem Bayerischen“ scheint hier ein Paradebeispiel. „Mit Dirndl und Lederhosen kann man heute in ein Kostüm schlüpfen und sich heimisch fühlen“, sagt Egger. Ob man dabei in München geboren ist oder aus Mecklenburg-Vorpommern, aus Spanien oder aus China kommt, ob man für länger oder nur für kurze Zeit in Bayern lebt, ist Egger zufolge überhaupt nicht wichtig. Viel spannender sind hybride Formen wie Dirndl aus afrikanischen Wax-Prints oder zahlreiche Heimatexporte in alle Welt. „Das Bayerische transportiert Lebensqualität und Lebensfreude und steht ganz allgemein für Zugehörigkeit“. Und was „das Bayerische“ ist und zur Heimat macht, müsse eben immer wieder neu ausgehandelt werden.

Publikation:
Simone Egger
Heimat. Wie wir unseren Sehnsuchtsort immer wieder neu erfinden.
Riemann Verlag 2014, 320 Seiten
ISBN: 978-3-570-50162-7