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Auszeichnung

Verlorene Welten

München, 22.10.2013

Mirjam Zadoff lässt in ihrem Buch „Next Year in Marienbad“ die jüdische Kultur in den Kurbädern vor dem zweiten Weltkrieg aufleben. Dafür ist sie nun mit dem Salo Baron Prize ausgezeichnet worden.

Buch: Nächstes Jahr in MarienbadDie Kurbäder Franzensbad, Karlsbad und Marienbad im heutigen Tschechien waren um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert beliebte Reiseziele für die europäische Bourgeoisie. Viele jüdische Gäste unterschiedlicher sozialer und nationaler Herkunft verbrachten dort jährlich die Sommermonate.

Mirjam Zadoff vom Historischen Seminar der LMU hat die soziale und kulturelle Geschichte der Kurbäder als jüdische Orte beschrieben. Dafür verleiht ihr nun die American Academy for Jewish Research den Salo Baron Prize. Die Auszeichnung wird jährlich für das beste Buch im Bereich jüdischer Studien vergeben, das im Vorjahr in englischer Sprache erschienen ist.

Zentren jüdischen Lebens

Den Sommer an einem der Kurorte zu verbringen, versprach zugleich Erholung wie Erlebnis. Die Bäder boten medizinische Behandlungen, die damals auf der Höhe der Zeit waren: Röntgen- und Lichttherapie, Wasser- und Schlammkuren. Zugleich versprachen sie ein vielseitiges gesellschaftliches Leben.

„Die Kurbäder verwandelten sich in den Sommermonaten zu kulturellen Zentren jüdischen Lebens. Für Juden wurden sie vorübergehend zu einer imaginären Heimat“, sagt Mirjam Zadoff. Die Orte stellten sich auf die zahlreichen jüdischen Gäste ein: Es gab jüdische Zeitungen zu kaufen, koscheres Essen und kulturelle Veranstaltungen, die sich gezielt an ein jüdisches Publikum richteten. Außerhalb der Reisesaison zeigte sich in den Städten jedoch offener Antisemitismus, der damals als „Karlsbader Winter-Antisemitismus“ bezeichnet wurde.

In den Sommermonaten schienen die Kurorte den jüdischen Gästen dennoch scheinbar unpolitisch. Während des ersten Weltkriegs boten sie jüdischen Flüchtlingen aus Galizien Zuflucht. Zwar lebten dadurch Wohltätigkeitsinitiativen auf, zugleich behielten die Kurbäder aber ihr Image bei, ein Paradies für die Reichen zu sein. Zwischen 1920 und 1925 wurde Karlsbad ein Zentrum zionistischer Bewegungen. „Die damals offen gelebte jüdische Kultur veränderte den Ort“, sagt Zadoff. Nach dem zweiten Weltkrieg lebte sie für kurze Zeit wieder auf, als jüdische Soldaten und Flüchtlinge zwischen 1947 und 1949 zu Kongressen zusammenkamen.

Für ihre Dissertation, die 2007 auf Deutsch erschienen ist, hat Zadoff unveröffentlichte Briefe, Postkarten, Zeitungsberichte, Reiseführer, Erinnerungen und literarische Texte ausgewertet. Die Übersetzung ins Englische wurde mit der Auszeichnung "Geisteswissenschaften International – Preis zur Förderung der Übersetzung geisteswissenschaftlicher Literatur" gefördert. Für ihre Arbeit hat die Historikerin bereits den Peregrinus Preis 2007 der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und den Dissertationspreis der Münchner Universitätsgesellschaft erhalten. „Mirjam Zadoff hat Marienbad zu einem Ort jüdischer Erinnerung erhoben“, urteilt der israelische Historiker Saul Friedländer.

Mittlerweile hat Mirjam Zadoff ihre Habilitation abgeschlossen. Ihre Habilitationsschrift, eine Biographie des trotzkistischen Revolutionärs Werner Scholem, trägt wesentlich zu einer Vervollständigung des Bildes der deutsch-jüdischen Erfahrung des 20. Jahrhunderts bei.
nh

 

Publikation:

Mirjam Zadoff
Nächstes Jahr in Marienbad
Gegenwelten jüdischer Kulturen der Moderne
Vandenhoeck & Ruprecht 2007
2007, 246 Seiten
ISBN-13: 9783525569955

Next Year in Marienbad
The Lost Worlds of Jewish Spa Culture
Jewish Culture and Context Series
übers. von William Templer
Penn University Press
2012, 320 Seiten
ISBN 978-0-8122-4466-3

 

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